|
Editorial zum Start der jungsteinSITE 1999
www.jungsteinsite.de - Artikel vom 14. November 1999
Die Beschwörungen des Mediums Internet als zukünftige Plattform für
Kommunikation und Datenaustausch sind allgegenwärtig und hinreichend bekannt.
Die Vorteile des schnellen und unkomplizierten Zugriffs auf Informationen werden
ergänzt um den Aspekt der Demokratisierung von Forschung: Wissenschaftliche
Ergebnisse können - so die Idealvorstellung - ohne größeren Aufwand
kommuniziert und von Jedermann recherchiert und rezipiert werden. Soweit die
Theorie. In der Praxis der Archäologie wird das „Netz" zumindest im
angelsächsischen Raum tatsächlich in vielfältiger Form genutzt, werden die
vorhandenen Möglichkeiten theoretisch wie praktisch intensiv ausgelotet und
diskutiert. Nicht zufällig hat sich das E-Journal „Internet Archaeology"
mit fast 20.000 registrierten Nutzern bereits als feste Größe und Maßstab im Bereich der redaktionell
sorgfältig aufbereiteten Online-Zeitschriften etablieren können.
Anders die Situation im Bereich der deutschsprachigen Archäologie. Der
Umgang mit dem Medium kann - von wenigen Ausnahmen abgesehen - als freundlich
abwartend bezeichnet werden und dürfte in mancher Hinsicht auch ein
Generationen-Problem sein. Die Vorteile werden dort, wo eine überschaubare
Kommunikationsstruktur vorhanden zu sein scheint und gleichzeitig eine reiche
Auswahl an Publikationsorten besteht, offensichtlich als äußerst begrenzt
empfunden. Was kann das Internet, was nicht auch Printmedien, Kongresse und
Symposien zu leisten vermögen?
"Information at your fingertips" steht
gegen die Überzeugung, eine gründliche und zeitintensive Recherche in
verschiedensten Bibliotheken stünde am Anfang jeder ernsthaften
wissenschaftlichen Beschäftigung. Eine entscheidende Frage ist, wie lange es sich
Wissenschaft angesichts zunehmender Datenfülle noch leisten kann, Information
verstreut, unübersichtlich strukturiert und schwer zugänglich zu organisieren:
Schon heute besteht ein unverhältnismäßig großer (wenn nicht der größte) Teil wissenschaftlicher
Arbeit - d.h. investierter Zeit - in Recherche und Informationsbeschaffung.
Ob und wann Unmittelbarkeit, Schnelligkeit, vor allem aber allgemeine
Zugänglichkeit von Information und der Vorteil, Daten in einer problemlos weiter zu
verarbeitenden Form übermitteln zu können, als zentrale Werte dieser
Technologie auch in der deutschen Archäologie intensiver als bisher genutzt werden, bleibt offen
- erste Ansätze zeichnen sich immerhin bereits ab.
Zu den Experimenten in diese Richtung gehört nun auch die jungsteinSITE
(Sprachpuristen mögen das Wortspiel verzeihen). Am Anfang stand die Idee, eine
thematisch sinnvoll spezialisierte Plattform für die Darstellung von
Forschungsergebnissen zu schaffen, mit einer offenen Struktur und der Einladung
zu Diskussionen.
Inhaltlich zielt das Konzept der jungsteinSITE auf die Bereitstellung von
Informationen, die für die Neolithikum-Forschung mehr als nur fundstatistischen
Wert haben - wenn möglich, deutlich über den bunten
"Prospekt-Charakter" vieler Websites hinaus. Weitere thematische Restriktionen
sind nicht vorgesehen -
das denkbare Spektrum reicht vom Grabungsbefund bis hin zu Theorie-Themen, sofern ein Bezug zum Neolithikum vorliegt. Das Projekt ist frei
von kommerziellen Interessen, der Zugang nicht reglementiert. Zielgruppe sind
in erster Linie Wissenschaftler, aber auch interessierte Laien - es wird deshalb angestrebt, die
Beiträge in ihren Grundzügen auch für den Nichtspezialisten verständlich zu
halten. Moderate redaktionelle Vorgaben und Restriktionen dienen lediglich der
Qualitätssicherung.
Um einen offenen Diskurs zu erreichen, sind zustimmende, ergänzende oder
kritische Stellungnahmen zu den einzelnen Artikeln möglich und erwünscht. Im
Gegensatz zu den Gepflogenheiten in den meisten deutschen archäologischen Printmedien
besteht hier auch für den kritisierten Autor jederzeit die Möglichkeit einer
erneuten Stellungnahme. Anders als in Newsgroups und E-Mail-Diskussionslisten
werden solche Stellungnahmen redaktionell als Artikel aufbereitet. Vorgabe ist
lediglich ein konstruktiver und unpolemischer Tenor.
Die Potentiale des Mediums Internet liegen nicht zuletzt in seiner besonderen
Flexibilität. Aus diesem Grund werden die Inhalte der jungsteinSITE nicht in
starren Bänden oder Lieferungen organisiert.
Aktualisierungen, die sich durch den fortschreitenden Forschungsstand ergeben,
sind auf diese Weise jederzeit möglich und durch den abonnierbaren
Newsletter auch problemlos zu verfolgen.
Idee für die Zukunft ist neben der Pflege des E-Journals die Entwicklung
einer Plattform, die schnell zuverlässige und seriöse Informationen
online zur Verfügung stellt bzw. bündelt. Ein erster Schritt in diese Richtung
wurde bereits mit der Initiierung des RADON-Projektes (RADiokarbondaten ONline)
begonnen: Eine institutionenübergreifende Arbeitsgruppe stellt zur Zeit die
verfügbaren 14C-Daten für das mitteleuropäische Neolithikum zusammen. Sie
werden in Form einer Datenbank als freier Download ca. ab Frühjahr 2000 auf der
jungsteinSITE bereitgestellt. Und: Weitere Ausbaustufen sind bereits in
Planung und werden Schritt für Schritt umgesetzt.
Den Verlauf dieses Experiments, die Akzeptanz und den Nutzwert der jungsteinSITE,
bestimmen Nutzer und Autoren also in vieler Hinsicht selbst. In diesem Sinn:
Der Weg ist das Ziel -
Kritik, Anregungen und Ihre Beiträge sind herzlich willkommen...!
Dirk Raetzel-Fabian
redaktion@jungsteinsite.de
|