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special
Häuser für die Toten - Kollektivgräber im südlichen Leinetal
Einführung
www.jungsteinsite.de - Artikel vom 5.
Januar 2002
Christoph
Rinne
In den
vergangenen zwei Jahrzehnten haben zahlreiche Projekte der staatlichen
und ehrenamtlichen Denkmalpflege im Landkreis Northeim sowie der Universität Göttingen
zu einer intensiven Erforschung des bis dahin weitgehend unbekannten
Jungneolithikums im südliche Leinetal geführt.
Forschungsschwerpunkte waren dabei mehrere Grabgrüfte (Kollektivgräber)
und Wall-Graben-Anlagen (Erdwerke). In diesem special werden nach einer
allgemeinen Einleitung die Gräber Odagsen I, Odagsen II,
Odagsen III, Großenrode I und Großenrode II vorgestellt.
Houses
for the dead - collective burial chambers in the southern Leine River valley (Lower Saxony)
The
last two decades of intensive archaeological research in the southern
Leine River valley north of Göttingen led to a deeper understanding of
the Younger and Late Neolithic in this region. The focus was
mainly on collective burial chambers and causewayed enclosures,
covering the time span from the early Michelsberg culture (c. 4200 - 3500
BC) to the subsequent local groups under TRB and Wartberg influence
(c. 3500 - 2800 BC). This special feature presents the five
investigated burial chambers Odagsen I-III and Großenrode I-II.

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© Christoph Rinne
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Abb.
1a (oben): Lage
der Fundorte Odagsen und Großenrode. Entfernung in Meilen.
Abb 1b (rechts): Detailkarte.
Dreiecke: Kollektivgräber; Rauten:
Erdwerke.
Fig. 1a,b: Location of the Odagsen and Großenrode sites. Triangles:
collective burial chambers; diamonds: enclosures.
© Microsoft www.expediamaps.com
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Einleitung:
Das südliche Leinetal – zur Kulturlandschaft vor 5000 Jahren
Wegen einiger ortsfremder
Steine im Acker, Knochen, verzierter Keramik und dem Fragment einer Steinaxt
trafen sich im September 1981 Archäologen, Vertreter der Denkmalpflege und der
Universität auf einer leichten Anhöhe südöstlich des Ortes Odagsen bei
Einbeck im Ldkr. Northeim. Mit dem ersten Spatenstich genau sieben Tage später
begann die vierjährige Ausgrabung der ersten jungneolithischen Mauerkammer in
den alten Bundesländern. In den folgenden zwei Jahrzehnten fanden zahlreiche
weitere Untersuchungen von Grabanlagen und Erdwerken im Ldkr. Northeim statt.
Aus dieser Zusammenarbeit entstand ein oft interdisziplinärer
Forschungsschwerpunkt zur Besiedlung des südlichen Leinetals an der Wende vom
4. zum 3. vorchristlichen Jahrtausend (vgl. Abb. 1).
Morphologisches
Ein Geländemodell zeigt das Leinetal von
der Hube nördlich von Einbeck bis zum Zufluß der Espolde bei
Nörten-Hardenberg (Abb. 2). Nach Osten schließen sich Einbecker
und Moringer Becken an, die durch den Höhenzug der Ahlsburg getrennt
sind. Im nordöstlichen Geländeausschnitt liegt der max. 350 m breite
Leinedurchbruch zwischen der Hube und den Northeimer
Buntsandsteinbergen, die die östliche Begrenzung der breiten Leineaue
bilden. Umfangreiche geomorphologische Untersuchungen belegen in der Aue
im Umfeld
des Heldenberges Sedimentstärken von bis zu 11 Metern seit
der Pollenzone VII (nach Firbas; Mittelneolithikum/Jungneolithikum, ca.
4000 v. Chr.). Die Veränderungen in den benachbarten Becken sind nach
Ausweis der Sedimentstärken in den Bachauen (bis zu 0,5 m) und der zu
erschließenden Erosion weniger dramatisch (Brunotte/Sickenberg 1977;
Rother 1989; Pretzsch 1994). Kartiert sind die jungneolithischen
Kollektivgräber, urgeschichtlichen Wall-Graben-Anlagen und
neolithischen Großsteingeräte (Alt- und Mittelneolithikum: Dechsel, Schuhleistenkeile, Breitkeile,
schwere Arbeitsäxte; Jungneolithikum: Rechteckbeile, Ovalbeile, spitznackige Beile,
Streitäxte, gemeineuropäische Hammeräxte).
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| Abb. 2:
Geländemodell
des Einbecker und des Moringer Beckens (Ldkr. Northeim); Blick von Südosten.
Fig. 2: 3D-Model of the Einbeck and
Moringen basins. View from the south-east.
Black triangles: collective burial sites; red dots: causewayed
enclosures; blue: Early and Middle Neolithic sites; yellow: Younger and
Late Neolithic sites.
© Christoph Rinne |
Anhand der bodenkundlich
gewonnenen Sedimentstärken und des modernen Reliefs wurde versucht, ein Modell
der Landschaft in der Zeit um 3000 v. Chr. zu konstruieren. Hierzu wurde
eine Erhöhung der Leineaue mit Bodenmaterial von außerhalb des dargestellten
Raumes angenommen, gegenüber der die Bodenerosion an den Hängen zurücktritt.
Die jungneolithische Landschaft stellt sich im Becken nur geringfügig verändert
dar, wobei die Sedimente von 1 bis 2 m Mächtigkeit in der Aue der Ilme für ein
etwas stärker profiliertes Relief sprechen. Im krassen Gegensatz dazu steht das
Bild in der Leineaue. Da südlich des großen Heldenberges Bodenniveaus von 94 m
üNN dokumentiert sind, der Abfluß der Leine im nordöstlich gelegenen
Durchbruch jedoch bei ca. 100 m üNN gelegen hat, ist mit einem bis zu 6 m
tiefem See von ca. 3 km² Ausdehnung zu rechnen. Wird entsprechend den
neuzeitlichen Verhältnissen zudem eine Hochwasserwelle von 5 m über dem mittleren
Wasserstand angesetzt, so sind aufgrund der stärkeren Profilierung keine großflächigen Überflutungen wie zur
heutigen Zeit zu verzeichnen.
Die langfristige Bodensenkung
durch Salinartektonik im Leinetalgraben stellt dieses Modell in Frage. Aus
zahlreichen Bohrkernen liegen jedoch Torflager von bis zu 2 m Mächtigkeit vor,
die von tonigen Schluffen limnischer Sedimente und Faulschlammlagern unter- und
überlagert werden (Brunotte/Sickenberg 1977, 4ff. Abb. 2, 11). Damit sind in
jedem Fall stehende Gewässer, Seen oder Altarme, belegt. Mit dem Fund eines
Pelikanknochens im jungneolithischen Erdwerk vom Kleinen Heldenberg ist auch von
zoologischer Seite ein Hinweis auf einen See bzw. ausgedehnte
Flachwasserbereiche gegeben (Heege/Heege/Werben 1990/91, 98). Offene
Wasserflächen dürften demnach auch zur Jungsteinzeit das Erscheinungsbild der Leineaue geprägt
haben (Abb. 3).
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Abb. 3:
Blick von
Südwesten über das Leinetal nach Edesheim ( Januar 1994).
Fig. 3: View across the Leine River valley to
Edesheim (January 1994),
with the river at flood stage.
© Christoph Rinne
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Lokales
Eine erste Kreisaufnahme im Arbeitsgebiet erfolgte
1954 (Geschwendt 1954), ist jedoch durch zahlreiche Neufunde, vor allem seit den
achtziger Jahren, zu ergänzen. Besonders die auffälligen
steinernen Beile und Äxte weisen auf einen weiten Aktionsradius der
neolithischen Bevölkerung hin (Abb. 2). Werden diese Großsteingeräte nach früh-
bis mittelneolithischen und jung- bis endneolithischen Formen getrennt, zeigt
sich im Laufe des Neolithikums ein deutliches Ausgreifen in die höheren Lagen über 200 m
üNN (Abb.
4).
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Abb. 4:
Höhenverteilung von Axt-, Beil- und Dechselfunden zwischen Nörten-Hardenberg,
Volpriehausen und Einbeck (vgl. Abb. 1 und 2). Die blauen Kästen umgrenzen die mittleren
50%-Bereiche, die Striche markieren die 5 %- und 95 %-Grenzen. Das rote Quadrat markiert
den Median, die Rauten Ausreißer.
Fig. 4: Elevation distribution of find spots of
Early/Middle Neolithic (left)
and Younger/Late Neolithic (right) adzes and axes in the area under study.
© Christoph Rinne |
Ein Pollendiagramm aus dem Torfmoor im Solling
weist deutliche Siedlungsphasen aus. Anhand der Getreidekurve und der Anteile
von Plantago lanceolata (Spitzwegerich) können drei Siedlungsperioden
herausgestellt werden (Steckhan 1961, 542; Schneekloth 1967). Es handelt sich
dabei um je einen Abschnitt in der Pollenzone VII, VIIIa und IX (ca. 5000-3500
cal BC, 3500-1500 cal BC, 500 cal BC- 1000 cal AD). Bei den Getreidenachweisen
scheint es sich ausschließlich um unterschiedliche Roggenpollen zu handeln, die
Bewertung als siedlungszeigendes Getreide ist daher schwierig. Als Windblüher
mit deutlich höherer Pollenzahl als andere Getreidearten ist sein alleiniges
Auftreten inmitten des Solling nicht verwunderlich und darf keinesfalls als
Hinweis auf das Fehlen anderer Getreidearten im Sollingvorland gewertet werden.
In archäologischen Funden tritt Roggen in Deutschland erst zu Beginn der
Eisenzeit auf, im südlichen Niedersachsen sogar erst in einem späten Abschnitt
(Körber-Grohne 1994, 41. Willerding 1970, 344 Abb. 4). Es wird sich daher bei
den nachgewiesenen Pollen um wilden Roggen handeln, der wohl als
"Unkraut" auf den Feldern im Vorland gewachsen ist. Der jeweils über
mehrere Proben vertretene Plantago lanzeolata (Spitzwegerich) zeigt zweifelsohne
Siedlungstätigkeit an. Verstärkt wird dieser Eindruck durch annähernd
gleichlaufende Kurven für Artemisia (Beifuß), Chenopodiaceae (Gänsefußgewächse)
und Rumex (Ampfer), die ebenfalls als Siedlungszeiger zu bewerten sind (vgl.
Beug 1992, 286). Als Zeigerpflanze für anthropogene Veränderungen auf den
armen Buntsandsteinböden des Solling ist auch die Calluna (Heide) zu bewerten
(Beug 1992, 287).
Das Profil zeigt eine
Ausweitung der anthropogenen Eingriffe auf die durch Buntsandstein geprägten höheren
Lagen des Solling. Dies entspricht der bereits dargelegten archäologischen
Interpretation zur Verbreitung mittel- und jungneolithischer Steinartefakte (Nowothnig
1959; Raddatz 1972; Rost 1992, 65f.). Das Vordringen in höhere Lagen kann
unterschiedliche Ursachen gehabt haben. Sicherlich ist nach der intensiven
frühneolithischen Landschaftsnutzung in den Becken, die durch die zahlreichen
Funde und Siedlungen belegt ist, mit einer Verarmung des Bodens und der
siedlungsnahen Wälder zu rechnen. Eventuell ist auch eine Veränderung in der
Zusammensetzung des Waldes ausschlaggebend, und es wurde für die Gewinnung von
Bauholz aus Eichen eine immer größere Distanz in Kauf genommen. Die Höhenlagen
könnten aber auch verstärkt zur Waldweide im Sommer genutzt worden sein.
"Polyglottes"
Die Betrachtung der
Feuersteinpfeilspitzen aus den Gräbern und Erdwerken eröffnet den Blick auf
die Bedeutung des südlichen Leinetals als Mittler zwischen norddeutschem
Tiefland und hessischem Bergland. Die in den jungneolithischen Kollektivgräbern
sehr vielgestaltig vertretenen Pfeilbewehrungen weisen eine trianguläre oder
trapezoide Grundform (sog. Querschneider) auf. Die Kartierung weitgehend
zeitgleicher (trichterbecherzeitlicher) Fundensemble zeigt nur im südlichen
Leinetal eine nennenswerte Vermischung beider Grundformen (Rinne
2000). Aufgrund
der hohen Gewichtsunterschiede zwischen triangulären Pfeilspitzen und
Querschneidern sind sehr unterschiedliche Pfeil-Bogen-Systeme und
unterschiedliche Jagdtechniken zu erwarten. Nur im südlichen Leinetal scheinen
diese unterschiedlichen Jagdtechniken gleichberechtigt nebeneinander zur
Anwendung gekommen zu sein. Man war also in beiden "Kreisen" bewandert und wußte
die vermutlich jeweils vorhandenen Vorteile bei der Jagd zu nutzen. Und dies mit
Erfolg, wie ein Steckschuß aus dem Grab Odagsen I belegt (Abb. 5).
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Abb. 5:
Tierknochen mit eingewachsenem Querschneider (a Foto; b Röntgenbild).
Fig. 5: Animal bone with an ingrown transverse arrowhead (a
photograph;
b X-ray image).
© W.-R. Teegen (Abb. 5a)
© P. Hessabi (Abb. 5b) |
Literatur
Beug,
Hans-Jürgen, 1992:
Vegetationsgeschichtliche
Untersuchungen über die Besiedlung im Unteren Eichsfeld, Landkreis Göttingen,
vom frühen Neolithikum bis zum Mittelalter. Neue Ausgrabungen und Forschungen
in Niedersachsen 20. Hildesheim 1992, 261-339.
Brunotte, Ernst / Sickenberg,
Otto:
Die mittel- und jungquartäre
Entwicklung des Leinetals zwischen Northeim und Salzderhelden unter besonderer
Berücksichtigung der Subrosion. Geologisches Jahrbuch Reihe A 44. Stuttgart
1977.
Firbas, Franz, 1949:
Spät- und nacheiszeitliche
Waldgeschichte Mitteleuropas nördlich der Alpen. Allgemeine Waldgeschichte.
Jena 1949.
Geschwendt, Friedrich:
Die ur- und frühgeschichtlichen
Funde des Kreises Einbeck. Kreisbeiträge zur Ur- und Frühgeschichte
Niedersachsens 1. Hildesheim 1954.
Heege, Elke / Heege, Andreas /
Werben, Ursula:
Zwei jungneolithische Erdwerke
aus Südniedersachsen - Der "Kleine Heldenberg" bei Salzderhelden,
Stadt Einbeck, und das Erdwerk am Kiessee bei Northeim - Archäologische Funde
und Befunde. Die Kunde 41/42, 1990/91, 85-126.
Körber-Grohne, Udelgard:
Nutzpflanzen in Deutschland.
Kulturgeschichte und Biologie. Stuttgart, 3. Auflage 1994.
Nowothnig, Walter:
Die Steinbeilfunde im Oberharz. Zeugen einer steinzeitlichen oder
mittelalterlichen Begehung des Gebirges. Die Kunde N.F. 10, 1959, 51-61.
Pretzsch, Kurt:
Spätpleistozäne und holozäne
Ablagerungen als Indikatoren der fluvialen Morphodynamik im Bereich der
mittleren Leine. Göttinger Geographische Abhandlungen 99. Göttingen 1994.
Raddatz, Klaus:
Zur Besiedlung des Solling in
der Steinzeit. Zugleich ein Beitrag zur Frage verschleppter Bodenfunde im südniedersächsischen
Bergland. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 41, 1972, 1-21.
Rinne, Christoph:
Pfeilköpfe der
Trichterbecherzeit - Typologie und Funktionalität. In: www.jungsteinsite.de -
Artikel vom 27. Juni 2000.
Rost,
Achim:
Siedlungsarchäologische
Untersuchungen zwischen Leine und Weser. Zur Besiedlungsgeschichte einer
Mittelgebirgslandschaft. Göttinger Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 24.
Neumünster 1992.
Rother, Norbert:
Holozäne fluviale
Morphodynamik im Ilmetal und an der Nordostabdachung des Sollings (Südniedersachsen).
Göttinger Geographische Abhandlungen 87. Göttingen 1989.
Schneekloth, Heinrich:
Vergleichende pollenanalytische
und 14C-Datierung an einigen Mooren im Solling. Geologisches Jahrbuch 84, 1967,
717-734.
Steckhan, Hans-Ulrich:
Pollenanalytisch-vegetationsgeschichtliche
Untersuchungen zur frühen Siedlungsgeschichte in Vogelsberg, Knüll und
Solling. Flora 150, 1961, 514-551.
Willerding, Ulrich:
Vor- und frühgeschichtliche
Kulturpflanzenfunde in Mitteleuropa. Neue Ausgrabungen und Forschungen in
Niedersachsen 5. Hildesheim 1970, 287-375.
© Christoph Rinne 2002
Dr. phil. (des.) Christoph Rinne
M.A.
crinne@t-online.de
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