Häuser für die Toten - Kollektivgräber im südlichen Leinetal

 

Das Kollektivgrab Großenrode I
www.jungsteinsite.de - Artikel vom 5. Januar 2002

Christoph Rinne

 

Das 1988 untersuchte Kollektivgrab Großenrode I ist eines von zwei Holzkammergräbern, die nur 60 m voneinander entfernt lagen. Radiokarbondaten und Pfeilbewehrungen aus Flint datieren die Anlage grob in die Zeit vor 3000 v. Chr.  Die Konstruktion aus Holz und Trockenmauerwerk weist Beziehungen in den mitteldeutschen Raum auf und gehört zu den größten Anlagen ihrer Art.

 

The collective burial chamber of Großenrode I
Excavated in 1988, the non-megalithic burial chamber Großenrode I represents a grave type distributed mainly in east Central Germany ("Mauerkammergrab"). One key feature of this type is a construction consisting of wood and dry stone walls. According to radiocarbon dates and arrowhead typology the grave can be dated shortly before 3000 BC and is thus roughly contemporaneous with the neighbouring Grave II.

 

Etwa 13 km südlich von Odagsen, inmitten des Moringer Beckens, liegt der Ort Großenrode (Abb. 1). Unmittelbar nördlich, auf der leichten Anhöhe der Flur Feldberg bei 178 m üNN, liegen die Gräber Großenrode I und II. Der Ausbau der Kreisstraße 425 führte zwischen 1988 und 1990 zu mehreren Notbergungen und einer großflächigen Forschungsgrabung, in deren Verlauf eine Siedlung mit Erdwerk der mittelneolithischen Rössener Kultur und die zwei Kollektivgräber des Jungneolithikums untersucht wurden (Heege 1989; 1992; Heege/Heege 1989).

Lage des Fundortes Abb. 1: Lage des Fundortes. Entfernung in Meilen.

Fig. 1: Location of the Großenrode site.

© Microsoft www.expediamaps.com

 

Die Befunde

Das nördliche Grab I wurde 1988 vollständig untersucht. Das Erdreich über der Grabanlage wurde überwiegend von der Oberfläche an, spätestens jedoch unterhalb des Pflughorizontes, nach Quadratmetern getrennt gesiebt. Unter dem 23-29 cm mächtigen Pflughorizont folgte die fundführende Schicht. Sie wies eine annähernd gerade Unterkante zum anstehenden Löß auf und erreichte bis zu 24 cm Stärke. In dem hellbraunen Bodenmaterial waren zahlreiche Kalk- und Sandsteine eingelagert. Im Planum ist das Pflaster der Kammer deutlich zu erkennen. Die langgestreckt rechteckige Form mißt 10,65 m x 3,9 m und ist NNW-SSO orientiert (Abb. 2). 

Großenrode I: Plan der Grabanlage Abb. 2: Großenrode I. Plan der Grabanlage.
1 Querschneider
2 Pfeilspitze 
3 Knochen (Symbolgröße nach Gewicht)
4 Tierzahn

Fig. 2: Ground plan with the distribution of finds. 
1 Transverse arrowhead
2 Triangular arrowhead
3 Bone 
4 Animal tooth

© Christoph Rinne

 

Die Anlage gehört damit zu den größten Mauerkammern Mitteldeutschlands, doch zeigen die Vergleiche auch, daß vermutlich nicht die gesamte Steinfläche für Bestattungen zur Verfügung stand.
Wird eine Konstruktion vergleichbar den Kammern von Nordhausen und Dedeleben angenommen, ist von der Gesamtbreite für die längs verlaufenden Trockenmauern jeweils ca. 0,5 m abzuziehen (vgl. Feustel/Ullrich 1964/65, 106). Entsprechendes gilt vermutlich auch für die Schmalseiten. Somit kann auf eine Bestattungsfläche von ca. 2,90 m x 9,65 m geschlossen werden. Das Grab ist damit deutlich größer als die zweite Grabanlage von Großenrode (2,65 m x 7 m) und - bezogen auf die verbleibende Bestattungsfläche - vermutlich auch deutlich größer als die Mauerkammern Mitteldeutschlands (vgl. Beier 1983, Taf. 5-9).

Am südlichen Rand der Kammer, noch unter dem Pflaster, fanden sich zwei ovale Verfärbungen von ca. 60 x 90 cm Durchmesser. In den angelegten Profilen erwiesen sie sich als flache, maximal 10 cm tiefe Gruben mit planer Sohle und einer dunkelbraunen Verfüllung aus Schwarzerde, etwas Holzkohle, kleinen Steinen und eventuell sekundär eingelagerten Pflastersteinen. Aufgrund der Größe und geringen Tiefe werden sie vom Ausgräber als Standspuren von zwei großen Steinen gedeutet (Heege 1989, 100; Heege/Heege 1989, 69ff.). Die geringe Eintiefung spricht für Steine von maximal 0,6 m Höhe, die aufgrund des niedrigen Schwerpunktes keiner besonderen Fundamentierung bedurften. Darüber hinaus liegen keine Hinweise auf konstruktive Elemente vor. Die vorhandenen Befunde und das Fehlen von Pfostenlöchern und Fundamentgräben lassen sich gut mit der für die Mauerkammer von Nordhausen vorgeschlagenen zeltartigen Rekonstruktion verbinden (Feustel/Ullrich 1964/65, 126 Abb. 9).

Die kulturelle und chronologische Stellung

Unter den Beigaben aus dem Grab sind vor allem die 20 Pfeilbewehrungen (8 Spitzen, 12 Querschneider) zu behandeln. Sie fanden sich, ebenso wie die restlichen Flintartefakte, überwiegend in der vorderen Hälfte der Kammer und hier besonders zahlreich im gestörten zweiten Viertel der Grabanlage (Abb. 2). Die Form der Querschneider ist überwiegend trapezförmig, seltener triangulär, und stellt eine Verbindung zur Trichterbecherkultur des norddeutschen Flachlandes her. Die Schneidenbreite liegt überwiegend zwischen 16 und 19 mm; die Basisbreite streut wesentlich stärker und verteilt sich nahezu gleichmäßig zwischen 3 und 11 mm. Das Gewicht liegt zwischen 0,5 und 0,9 g. Drei Exemplare weisen einen annähernd dreieckigen Umriß auf; jeweils ein Exemplar besitzt eine lang- bzw. querrechteckige Form. Die Pfeilspitzen sind überwiegend größer und schwerer als die Querschneider, vor allem aber variantenreicher gearbeitet. Die maximale Breite liegt zwischen 14 und 21 mm, die maximale Blattlänge zwischen 19 und 31 mm. Das Gewicht verteilt sich zwischen 0,7 und 3,5 g. Eine Pfeilspitze mit fischschwanzartigem Schaftstiel ist innerhalb des mitteleuropäischen Neolithikums bisher ohne Parallele.
Vergleiche zu den Pfeilspitzen mit schlichtem Stiel finden sich in Galeriegräbern und Siedlungen der Wartbergkultur (Altendorf, Calden I, Hasenberg, Güntersberg: Schrickel 1966, Taf. 27,10; 28,23.39; Schwellnus 1979, Taf. 17,16; 30,8; Warburg I, III: Günther 1997, 35 Abb. 36,23-27; 76 Abb. 69,7) sowie in Gräbern und Siedlungen der Salzmünder und Bernburger Kultur zwischen Harz und Thüringer Wald (Schönstedt, Niederbösa, Gotha, Lohberg, Bornhög: Feustel 1972, 41f. Abb. 7,2-6; 8,1.2; Feustel/Ullrich 1964/65, 115 Abb. 7,3; Spießbach 1932, 242 Abb. 5,28; Bücke 1986, Abb. 10,7.8; 18,2.4.7).
Hinzu treten 4 Pfeilspitzen mit annähernd gerader bis leicht konkaver Basis. Die metrische Analyse trichterbecherzeitlicher Projektile hat jedoch keine Grenze zwischen diesen impressionistisch-deskriptiven Typen ergeben. Hinzu tritt eine weitgehend deckungsgleiche Verbreitung südlich der Mittelgebirgsschwelle als Argument gegen eine Typenbildung (Rinne 2000).

Von den gut 150 geborgenen Keramikfragmenten sind nur drei besonders große Randscherben und eine verzierte Wandscherbe wahrscheinlich in die Bestattungszeit zu datieren. Die übrigen Fragmente können nur allgemein "urgeschichtlich" datiert werden. Diese Keramikfragmente streuen über die gesamte Grabanlage, sind aber im gestörten Bereich der südlichen Hälfte besonders zahlreich.

Eine Datierung anhand des archäologischen Fundmaterials ist nur bedingt möglich. Die Größe ist mit den Anlagen von Dedeleben, Derenburg 1, Niederbösa, Nordhausen (1958) und Schönstedt zu vergleichen, die der Bernburger Kultur, teils mit Salzmünder Einfluß, zugewiesen werden (Beier 1983, Kat.-Nr. 40; 96; 157; 148). Auch die Brandbestattung im Grab I (s.u.) weist eher auf Bernburger als Walternienburger Bezüge. Bei den Funden konnten lediglich für die gestielten Pfeilspitzen charakteristische Vergleichsfunde angeführt werden, die jedoch aus dem Kontext sowohl der älteren als auch jüngeren Wartbergkultur stammen (Raetzel-Fabian 2000, 173f., Abb. 105, 210) oder mit Funden der Salzmünder und Bernburger Kultur vergesellschaftet sind (Beier 1983, Kat.-Nr. 157; 161; 163. Lüth 1989, 45f.). Bemerkenswert ist das Fehlen von leicht zu identifizierender Tiefstichkeramik oder scharf profilierten Umbrüchen. Es fehlen somit bei der Keramik klare Hinweise auf eine ältere Komponente.

Aus der Grabanlage liegen zwei 14C-Daten von menschlichen Knochen vor (Hv-15766: 4485±85BP; Hv-15767: 4400±85 BP; vgl. Abb. 3). Sie streuen mit ihrer relativ großen Standardabweichung über 450 Kalenderjahre (bei einfacher Standardabweichung). Diese große Zeitspanne wird durch den sehr unruhigen, weitgehend horizontalen Verlauf der Kalibrationskurve verursacht. Unter der Prämisse der Gleichzeitigkeit beider Proben ergeben sich zwei Datierungsintervalle erhöhter Wahrscheinlichkeit (3310 bis 3230 calBC / v. Chr. und 3110 bis 3020 calBC). Letzteres würde der archäologisch gewonnenen Datierung eher entsprechen. Eine Belegung oder Datierung der Mauerkammer I von Großenrode nach 3000 ist jedoch aufgrund der archäologischen Datierung und des jüngeren 14C-Datums ebenfalls möglich.

Großenrode I: 14C-Daten Abb. 3: Großenrode I. Die kalibrierten 14C-Daten aus dem Grab.

Fig. 1: Calibration of the radiocarbon dates (human bone).

© Christoph Rinne

Eine klare Aussage zur chronologischen Abfolge der Grabanlagen auf dem Feldberg bei Großenrode ist somit nicht möglich. Die in Grab II faßbaren deutlichen Bezüge zur Wartbergkultur (Kammerkonstruktion mit Seelenlochstein,  innenrandverzierte Schalen im Beigabenspektrum) weisen aber auf eine tendenziell frühe Datierung hin (Kollektivgrabhorizont 1 nach D.W. Müller 1994), während die für Grab I angeführten Vergleiche eher in einen Bernburger Kontext deuten. Damit scheint eine zeitliche Abfolge von Grab II zu Grab I am Ende des 4. vorchristlichen Jahrtausends wahrscheinlich.

Tierknochen

Neben Pfeilen (und wohl auch zugehörigen Bogen) sowie Keramik war den Toten auch Schmuck in Form von Tierzähnen mitgegeben worden (Untersuchung der Tierknochen durch C. Schulze-Rehm, Halle). Die 11 durchbohrten Reißzähne von Hunden könnten sowohl Teil einer Kette als auch Kleiderbesatz gewesen sein. Deutlich imposanter nehmen sich dagegen drei Eberhauer und ein Bäreneckzahn aus; ein Zusammenhang dieser Stücke mit dem Grab ist jedoch nicht gesichert, da es sich um Lesefunde handelt. Im Gegensatz zur Verteilung der Pfeilspitzen stammen die Hundeeckzähne überwiegend aus der nördlichen, also hinteren Kammerhälfte. Zudem liegen Knochen und Zähne von Fuchs, Gans, Hühnervogel, Katze, Maulwurf, Schaf/Ziege und Schermaus vor, für die, außer der räumlichen Nähe, jedoch kein Zusammenhang mit dem Grab zu belegen ist. Deutungen als Speisebeigabe oder Jagdtrophäe sind für Knochen vom Fuchs, Wild- oder Hauskatze und Schaf/Ziege möglich. Ebenso kann es sich aber auch um natürlich verendete Tiere (Maulwurf und Schermaus), oder aber um nicht zu datierenden Siedlungsabfall (Gans und Hühnervogel) handeln.

Die Bestatteten

Auf der Grabung wurden ca. 5700 Skelettfragmente (15,5 kg), u.a. auch Leichenbrandreste, nach Quadratmetern getrennt geborgen (Untersuchung durch K. Kreutz, Gießen, M. Pohl, Düsseldorf und H. Schutkowski, Göttingen). Das Material ist sehr stark fragmentiert. Hinweise auf Skelettelemente im anatomischen Verband lagen nicht vor. Im Fundmaterial sind alle Altersklassen (Infans, Juvenis, Adultas, Maturitas) vertreten; eine vorläufige Bestimmung der Individuenzahlen geht von mindestens 15 Körperbestattungen aus. An einigen Knochen konnten pathologische Veränderungen beobachtet werden; sie verdeutlichen die alltägliche Belastung der hier bestatteten Menschen. Im einzelnen liegen vor: Verdacht auf abgeheilte Hirnhautentzündung und abgeheilte Entzündung der Nasennebenhöhle, intravitaler Zahnverlust, starke Abnutzung der Zähne (Abrasion), Karies, Parodontitis, Verdacht auf Mundschleimhautentzündung, Wurzelspitzenabseß, Arthrose an Wirbeln und einem Großzehengelenk sowie Frakturen an Rippen und einem Wirbel. Anhand des geborgenen Leichenbrandes lassen sich mindestens zwei weitere Individuen - ein Erwachsener und ein Kind (Mittel- bis Spätadultas, Infans) - nachweisen. Die Konzentration des Leichenbrandes in der Mitte der nördlichen Kammerhälfte weist auf die ursprüngliche Niederlegung in diesem Areal hin (Abb. 2). Neben der dominierenden Körperbestattung tritt bisweilen auch die Beisetzung von Leichenbrand in den mitteldeutschen Kollektivgräbern auf. Die birituelle Bestattungsweise aus dem Grab I von Großenrode begegnet auch im wenige Meter südlich gelegenen Grab II und läßt sich zwanglos in die Reihe entsprechender Befunde aus den Bernburger Gräbern von Aspenstedt, Bennungen, Dedeleben, Derenburg 1 und 2, Großgottern sowie Hornsömmern stellen (D.W. Müller 1994, Kat.-Nr. 3; 4; 7; 8; 9; 18; 24).

 

Literatur

Beier, Hans-Jürgen:
Die Grab- und Bestattungssitten der Walternienburger und der Bernburger Kultur. Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg, Wissenschaftliche Beiträge 30. Halle 1983.

Bücke, Silvia:
Zwei Siedlungen der Bernburger Kultur im Thüringer Becken. Alt-Thüringen 21, 1986, 26-97.

Feustel, Rudolf:
Die Walternienburg/Bernburger Totenhütte von Schönstedt im Thüringer Becken. Alt-Thüringen 12, 1972, 31-59.

Feustel, Rudolf / Ullrich, Herbert:
Totenhütten der neolithischen Walternienburger Gruppe. Alt-Thüringen 7, 1964/65, 105-202.

Günther, Klaus:
Die Kollektivgräber-Nekropole Warburg I-V. Bodenaltertümer Westfalens 34. Mainz 1997.

Heege, Andreas:
Rössener Erdwerk und jungneolithisches Kollektivgrab Großenrode, Stadt Moringen, Ldkr. Northeim - Ausgrabungskampagne 1988. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 58, 1989, 71-116.

Heege, Andreas:
Nur eine Kreisstraße... Archäologische Funde und Befunde beim Ausbau der Kreisstraße 425 Moringen Großenrode 1988-1990. Neue Ausgrabungen und Forschungen in Niedersachsen 20. Hildesheim 1992, 27-80.

Heege, Elke / Heege, Andreas:
Die Häuser der Toten. Jungsteinzeitliche Kollektivgräber im Ldkr. Northeim. Wegweiser zur Vor- und Frühgeschichte Niedersachsens 16. Hildesheim1989.

Lüth, Friedrich:
Zu den mitteldeutschen Kollektivgräbern. Hammaburg N. F. 9, 1989. 41-52.

Müller, Detlef Walter:
Die Bernburger Kultur Mitteldeutschlands im Spiegel ihrer nichtmegalithischen Kollektivgräber. Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 76, 1994, 75-200.

Raetzel-Fabian, Dirk:
Calden. Erdwerk und Bestattungsplätze des Jungneolithikums. Architektur - Ritual - Chronologie. Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 70. Bonn 2000.

Rinne, Christoph:
Pfeilköpfe der Trichterbecherzeit - Typologie und Funktionalität. In: www.jungsteinsite.de - Artikel vom 27. Juni 2000.

Schrickel, Waldtraut:
Westeuropäische Elemente im neolithischen Grabbau Mitteldeutschlands und die Galeriegräber Westdeutschlands und ihre Inventare. Beiträge zur ur- und frühgeschichtlichen Archäologie des Mittelmeer-Kulturraumes 4-5. Bonn 1966.

Schwellnus, Winrich:
Wartberg-Gruppe und hessische Megalithik. Materialien zur Vor- und Frühgeschichte von Hessen 4. Wiesbaden 1979.

Spießbach, E.:
Eine Grabanlage der Kugelamphorenkultur. Gotha, "Flur Ostheim", Kiesgrube Wagner. Mannus 24, 1932, 238-244.

 

© Christoph Rinne 2002

Dr. phil. (des.) Christoph Rinne M.A.
crinne@t-online.de

 

 

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