Cajus Diedrich
Die Nutzung der
siedlungsungünstigen Mittelgebirgsregion zwischen dem Teutoburger Wald
und dem Wiehengebirge dokumentiert sich vorwiegend durch das
Verbreitungsbild von Steingeräten, weniger durch die spärlichen
Keramikfunde. Diese Studie
widmet sich dem Kreis Herford, in dem sich anhand von Pfeilbewehrungen,
Äxten, Beilen, Dolchen und Sicheln eine durchgehende Nutzung des
Naturraumes von der Rössener Kultur bis in die Zeit der Glockenbecherkultur
nachweisen lässt. Auffällig ist die unterschiedliche Rohstoffnutzung und
die Vor-Ort-Produktion von Kieselgeoden-Rechteckbeilen, die zur Zeit der
Trichterbecher-Kultur bis zu 150 km weit verhandelt wurden.
Neolithic stone
artifacts between Teutoburger Wald and Wiehengebirge (Herford district,
Northwest Germany)
The Neolithic artifacts in the
area under study offer the possibility to trace activities from the
Rössen culture to the Early Bronze Age. Different types of arrowheads,
axes, celts, daggers and sickels correspondingly prove activities in
this region starting with the Rössen Culture (c. 4900-4200 BC) and ending
with the Bell Beaker Culture (c. 2900-2000 BC). Of special importance is the
utilisation of different stone types, especially the production of
Kieselgeoden-celts and their trade over distances of up to 150 km by the TRB
Westgroup.

| Inhalt
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Teil 1 |
| 1. |
Forschungsgeschichte |
| 2. |
Rohmaterial |
| 2.1 |
Lokal hergestellte Werkzeuge |
| 2.2 |
Importierte Steinwerkzeuge |
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Teil 2 |
| 3. |
Steingerätetypen |
| 3.1 |
Scheibenkeulen |
| 3.2 |
Klopf-/Reibsteine |
| 3.3 |
Projektile |
| 3.3.1 |
Geflügelt gestielte Pfeilspitze |
| 3.3.2 |
Geflügelte Pfeilspitze |
| 3.3.3 |
Kleine dreieckige, gleichschenklige Pfeilspitze |
| 3.3.4 |
Langschmale dreieckige, ungleichschenklige Pfeilspitze |
| 3.3.5 |
Querschneider |
| 3.3.6 |
Pfeilschneide |
| 3.4. |
Steinbeile und -äxte |
| 3.4.1 |
Flacher Schuhleistenkeil |
| 3.4.2 |
Hoher durchlochter Schuhleistenkeil |
| 3.4.3 |
Spitznackiges Fels-Ovalbeil |
| 3.4.4 |
Dünnackiges Feuerstein-Ovalbeil |
| 3.4.5 |
Rechteckbeile |
| 3.4.6 |
Fels-Rechteckbeil mit Facettenschliff |
| 3.4.7 |
Dünnblattiges Feuerstein-Ovalbeil |
| 3.4.8 |
Dickblattige Feuerstein-Rechteckbeile |
| 3.4.9 |
Flache Hammeraxt |
| 3.4.10 |
Jütländische Streitaxt |
| 3.5. |
Meißel |
| 3.6 |
Dolche |
| 3.6.1 |
Spandolche |
| 3.6.2 |
Bifazielle Feuersteindolche mit einfachem Schaftgriff |
| 3.7 |
Sicheln |
| 3.7.1 |
Einfache Sichelklingen |
| 3.7.2 |
Sichel-Bruchklingen |
| 3.7.3 |
Bifazielle Sichelklingen |
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| |
Teil 3 |
| 4. |
Diskussion |
| 5. |
Kulturenübersicht (mit Tafeln) |
| 5.1 |
Linearbandkeramik (5500-4900 v. Chr.) |
| 5.2 |
Rössener Kultur (4900-4200 v. Chr.) |
| 5.3 |
Michelsberger Kultur (4200-3500 v.
Chr.) |
| 5.4 |
Trichterbecherkultur (3500-2800 v.
Chr. |
| 5.5 |
Wartbergkultur (3500-2800 v. Chr.) |
| 5.6 |
Einzelgrabkultur (2900-2000 v. Chr.) |
| 5.7 |
Glockenbecherkultur (2600-2000 v.
Chr.) |
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Literaturverzeichnis |
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Danksagung |
Teil 1 - Forschungsgeschichte und Rohmaterial
1.
Forschungsgeschichte
Die ersten Funde des Neolithikums aus dem
Kreis Herford wurden mit einzelnen Beilfunden bereits aus den Jahren 1842
in Obernbeck aufgelesen
und gelangten in das Historische Museum Bielefeld.
Durch die Forschungen und Arbeiten der
Museen in Bünde und Löhne, besonders durch die
"Spatenforschungen" der Zwanzigerjahre von H.
Langewiesche, gelangten erst später neue Stücke von Privatsammlern
(siehe Danksagung) in den Besitz der Museen. Einige Funde wurden in den
Fundchroniken Westfalens erwähnt (z. B. Beck 1936; Hömberg 1969). Das
Material aus dem Dobergmuseum Bünde und dem Heimatmuseum Löhne wurde
inventarisiert und liegt als Katalog im Dobergmuseum Bünde vor (Diedrich
2002). Hier und bei Diedrich (im Druck c) werden diese Funde erstmals
geschlossen mit weiteren Funden aus dem Heimatmuseum Vlotho und
Privatsammlungen des Kreises Herford vorgestellt.
Geschlossene neolithische Fundkomplexe
waren im Kreis Herford bisher nicht bekannt. Die Funde beschränkten sich
vielmehr auf Einzelfunde wie Steinbeile, Pfeilspitzen oder
Feuersteindolche, die einerseits als Feldfunde, anderseits von den
Abbaukanten zweier Sandgruben in Gohfeld und Ulenburg stammten. Inzwischen
sind drei wichtige Siedlungsplätze als Oberflächenfundplätze durch
Privatsammler bekannt geworden, die Steinmaterial, aber noch keine
eindeutig neolithische Keramik geliefert haben.
Grabungen im Raum
Herford zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge zur Erforschung der
Steinzeitkulturen dieser Mittelgebirgs-Zone fehlen bisher völlig, so dass
mit diesem Artikel eine erste Aufnahme und Auswertung der Oberflächen- bzw. der
Altfunde erfolgt, die als Basis für weitere Forschungen dienen soll.
Die ersten Funde aus den neolithischen
Kulturen im Kreis Herford waren Steinbeile, die bei Feldarbeiten oder
-begehungen gefunden wurden. Eine erste Inventarisierung von Steinbeilen
aus dem Raum Vlotho erarbeitete Langewiesche 1934 in einer
unveröffentlichten Liste, die als Kopie im Heimatmuseum Vlotho und
Dobergmuseum Bünde vorliegt. Einige der Beile wurden bereits vor 1945
auch in Bielefeld katalogisiert, jedoch nicht weiter veröffentlicht. Diese
Karteikarten und einige Steinbeile befinden sich im Historischen Museum
Bielefeld bzw. werden nun im Dobergmuseum Bünde gezeigt. Brandt (1967)
listete einige Steinbeile aus weiteren Museen, von Privatsammlern sowie
den Grundschulen Gohfeld und Eickum in seiner Monographie über Steinbeile
und -äxte in Nordwestdeutschland auf, bildete aber keinen dieser Funde
ab. Einen populärwissenschaftlichen Artikel über ur- und
frühgeschichtliche Funde des Kreises Herford, unter anderem mit Abbildungen
einiger Steinbeilfunde aus dem Museum Bünde, verfasste Knackstedt (1983).
K. Günther katalogisierte in der Folge einige Beile, wie z. B. Funde aus der
Grundschule Eickum und bildete ein Steinbeil aus einer Privatsammlung von
Hiddenhausen ab (in: Trier 1992, 158 Abb. 42).
Neolithische Keramik aus dem Kreis Herford
ist lediglich mit zwei Bechern der Einzelgrabkultur aus Obernbeck und
Uhlenburg belegt (vgl. Diedrich im Druck c). Einer dieser Becher ist nur noch
als Abguss vorhanden, da das Original im zweiten Weltkrieg zerstört
wurde. Der Verbleib des zweiten Bechers aus Uhlenburg wird mit "Landesmuseum Münster" angegeben (vgl. Schulz 1929).
Er ist, wie
zahlreiche frühgeschichtliche Funde des Kreises Herford auch, über Jahrzehnte
in Münster magaziniert worden und möglicherweise in
Vergessenheit geraten. Die Literatur
nennt darüber hinaus noch weitere, inzwischen vermutlich verschollene
Scherben von drei Trichterbechern, einer Schale und einer Kragenflasche
der Trichterbecherkultur aus der Sandgrube bei Ulenburg, die ebenfalls in
das damalige "Landesmuseum Münster" verbracht worden sein sollen (vgl.
Stieren 1950).
2. Rohmaterial
Das Rohmaterial für die
jungsteinzeitlichen Steingeräte besteht im Kreis Herford aus
unterschiedlichsten Gesteinen, wie Sedimenten, Magmatiten und
Metamorphiten (vgl. Schumann 1990). Viele dieser Gesteine stehen nicht in der Region zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge
an und
müssen daher Importe sein.
Deutlich kann man eine
rohmaterialspezifische Nutzung für Steingeräte in unterschiedlichen
jungsteinzeitlichen Entwicklungsabschnitten und damit unterschiedlich weitreichende
Handelsbeziehungen erkennen. In Mitteleuropa wurden in den frühen
neolithischen Kulturen wie der Linearbandkeramik und der Rössener
Kultur fast ausschließlich magmatische und metamorphe Gesteine
für die Herstellung der Beile, Schuhleistenkeile und hohen durchlochten
Schuhleistenkeile benutzt. Bei diesen handelt es sich meist um grünlich
anwitternde Metamorphite, die aus den mitteldeutschen Gebirgszonen
stammten.
Der begehrteste Rohstoff der Michelsberger
Kultur war, wie schon im vorausgegangenen Mesolithikum,
der Feuerstein, der in vielen Regionen Mitteleuropas vorkommt und
teilweise leicht aufgesammelt werden konnte. Der bergmännische Abbau von
bergfrischem Feuerstein an verschiedenen Stellen in Mitteleuropa, wie z.
B. am Lousberg in Aachen (vgl. Probst 1991, Abb. 19), in Grand-Pressigny
(Westfrankreich, vgl. z. B. Hahn 1993), Kehlheim (Süddeutschland, vgl.
Binsteiner/Engelhardt 1987; Binsteiner/Pleyer 1987), Limburg
(Niederlande, vgl. Bosch/Felder 1990) oder Jütland (Dänemark, vgl.
z.B. Weisgerber 1980), wurde auf besonders großknolligen Feuerstein
vorangetrieben, der sich besonders für die Großgeräteherstellung
eignete. Es handelte sich um einen Feuerstein, der in
Sedimentgesteinen der Oberkreide schichtartig in Knollenlagen auftritt und
sich sehr gut zurechtschlagen und schleifen ließ. Der Feuerstein aus den
eiszeitlichen Ablagerungen insbesondere in Nordeuropa und im Kreis Herford
ist dagegen oft sehr klein oder zeigt Frostrisse, die eine
Großgeräteherstellung unmöglich machten.
Verschieden harte Gesteine, besonders
Magmatite wurden im ausgehenden Neolithikum in Norddeutschland benutzt, um Streitäxte herzustellen. Diese Gesteine konnte man aus den
eiszeitlichen Geschiebeablagerungen oberflächig aufsammeln und vor Ort
verarbeiten.
2.1
Lokal hergestellte Werkzeuge
Im Kreis Herford erfolgte die Produktion
von Steingeräten wie Pfeilspitzen, Schabern, Sticheln oder Sichelklingen
aus lokal auftretenden Sedimentgesteinen, insbesondere kleinen
Feuersteinknollen (Abb. 1). Als lokale Rohmaterialien wurden außerdem
jurazeitliche Kieselgeoden aus den Schichten der Dogger-Zeit genutzt, die
aus dem Wiehengebirge und der Herforder Mulde stammen (vgl. Klassen 1984;
Büchner 1986).
Fast alle kleineren Geräte im Kreis
Herford sind aus nordischem Feuerstein hergestellt. Er entstand durch
chemische Ausfällungsprozesse von Silikaten in einem karbonatischen
Milieu, enthält somit oft makroskopisch erkennbare Fossileinschlüsse.
Dieser nur in kleinen Knollen anzutreffende Feuerstein stammt
ursprünglich aus oberkreidezeitlichen Ablagerungen in Norddeutschland und
Dänemark und wurde durch die Gletschermassen der saale-kaltzeitlichen
Grundmoränen währen der vorletzten großen Vereisungsphase abgelagert
(vgl. z.B. Skupin/Speetzen/Zandstra 1993), die in der Herforder
Mulde im Bereich der Werreterrassen oberflächig zugänglich sind (vgl. z.B. Ziercke
1960; Henke 1990).
 |
Abb. 1:
Jungsteinzeitlich bearbeitete, aus saale-kaltzeitlichen Ablagerungen
des Quartärs stammende Feuersteinknollen, daraus vor Ort hergestellte
Feuersteinwerkzeuge sowie Abschlagsterminologie.
A: Abschlagskernstein vom Bonneberg,
Kr. Herford, Museum Bünde Nr. 2002/110.
B: Abschlag vom Bonneberg, Kr.
Herford, Museum Bünde Nr. 2002/111.
C. Unten von links nach rechts:
gestielt geflügelte Pfeilspitze von Altenhüffeln, Kr. Herford
(Museum Bünde Nr. 2002/60), Pfeilschneide von Künsebeck, Kr.
Gütersloh (Slg. Diedrich) und Schaber von Schweicheln, Kr. Herford
(Museum Bünde Nr. 2002/80).
Fig. 1: Fig. 1: Neolithic flint
flakes, from Quaternary (Saale ice age) deposits, regionally produced flint
tools and flake terminology. A: Flake nucleus. B: Flake. C. On the base from left to right: stemmed
barbed arrowhead, transverse arrowhead and scraper.
© Cajus Diedrich
|
Der Feuerstein liegt in verschiedenen
Varietäten vor, d. h. er besitzt unterschiedliche Dichten und Farben
sowie typische Einlagerungen. Die Farben des oberkreidezeitlichen
Feuersteins, der auch Silex oder Flint genannt wird, sind sehr variabel
und reichen von grau über schwarzbraun und hellbraun bis weiß (Abb. 2B).
Je nach Einlagerung von Fremdpartikeln ist der Flint durchsichtig bis
dicht. Durch Feuereinwirkung wird der Feuerstein, wie die abgebildeten
Artefakte vom Bonneberg oder Schweicheln, weiß (Abb. 2C) und besitzt
durch die schnelle Entwässerung zahlreiche kleine Haarrisse, die oft zum
Zerfallen der Feuersteine führen.
Die vorliegenden Feuersteinartefakte sind
unterschiedlich patiniert, d. h. die äußere Schicht ist ebenfalls
entwässert und besitzt eine Patinierungsfarbe, die durch die
Lichtbrechung hervorgerufen wird (Rottländer 1984). Die
Patinierungsstärke ist abhängig vom Bodentyp (basisch/sauer) und damit
vom ph-Wert (Rottländer 1984) und kann teilweise unterstützend für eine relative
zeitliche Datierung eingesetzt werden (vgl. Diedrich im Druck b). Je länger ein Ionenaustausch zwischen Feuerstein und Boden
stattfinden konnte oder je basischer ein Bodentyp, desto stärker ist die
Patinierung. Fünf verschiedene Patinierungstypen lassen sich einteilen,
die meist fließend ineinander übergehen. Diese künstlichen
Unterteilungen sind: GL = Glanzpatiniert, HBL = hellblau patiniert, WBL =
weißblau patiniert, W = weiß patiniert, WBR = weiß patiniert mit
"flechtenartigen" (dendritischen) Eisen- (Fe) und Mangan- (Mn)
Einlagerungen.
Die jüngsten Projektile aus dem Jung- und
Endneolithikum des Kreises Herford sind durch den Verlust der im
Kristallgitter eingelagerten Wassermoleküle meist glanz-, selten auch
schwach hellblau patiniert. Die mittelneolithischen Pfeilspitzen sind
hingegen in den meisten Fällen stärker von hellblau über weißblau bis
weiß patiniert, wie es auch im Teutoburger Wald zu beobachten ist (vgl.
Diedrich 2000).
Stark entwässerte Artefakte mit einer
weißbraunen Patina, d. h. weißen Oberfläche, in die Fe- und Mn-Ionen
eingelagert wurden (= WBR Patina), kommen überwiegend vom Spätmesolithikum bis zur Rössener Kultur vor und sind im Kreis Herford
bisher nur vom Bonneberg oder Schweicheln bekannt. Beide Fundplätze
befinden sich auf teilweise karbonatisch ausgebildeten Steinmergel-Keuper
Gesteinen der Trias-Zeit. Charakteristisch ist die dendritische
Einlagerung von Fe- und Mn-Ionen in die Oberfläche der teilweise völlig
entwässerten und weiß bis weiß-blau gefärbten Artekfakte.

Abb. 2: Steinzeitlich bearbeiteter
Feuerstein aus saale-kaltzeitlichen Moränenablagerungen im Kreis Herford.
A: Abschlagskernsteine mit
Abschlagnegativen vom Bonneberg (Museum Bünde Nr. 2002/110)
B: Glanzpatinierte Abschläge und deren farbliche Variabilität und Dichte
vom Bonneberg, Kr. Herford (Museum Bünde Nr. 2002/112)
C: Durch Feuereinwirkung verbrannte (craquelierte) Feuerersteinartefakte
vom Bonneberg (Museum Bünde Nr. 2002/113). Durch die Entwässerung
entstehen viele kleinste Haarrisse und eine weiße Patina.
D: Patinierungsstufen von Abschlägen aus nordischen Feuerstein vom
Schweichler Berg (Museum Bünde Nr. 2002/114), durch natürliche
Entwässerung der Oberfläche und deren Farbe:
GL = glanz, HBL = hellblau, W = weiß, WBL = weißblau, WBR = weiß mit
dendritischen Einlagerungen von Eisen- und Manganmineralien.
Fig. 2: Stone age flint flakes and nuklei from the Saale ice age moraine deposits
in the Herford district.
© Cajus Diedrich
Vergleiche zwischen Fundkomplexen auf
unterschiedlichen Bodentypen lassen keine zeitgleiche Beziehung zwischen
den Artefakten zu. Dies ist damit zu erklären, dass auf einem basischen
Bodentyp die Patinierung sehr viel schneller und stärker abläuft als
auf einem sauren sandigen Bodentyp. Am Schweichler Berg und am Bonneberg
im Kreis Herford sind karbonatische Untergründe (Keuper-Schichten)
vorhanden. Die sandigen Bodentypen sind im Untersuchungsgebiet derzeit nur
auf den Niederterrassen der Werre an zwei Fundplätzen mit altem
Dünengelände bei Steinlacke oder Löhne-Gohfeld belegt. Auch hier
zeigen sich unterschiedliche Patinierungsarten auf einem Fundplatz mit
einem einheitlichem Bodentyp, die wiederum eine Relativchronologie
bestätigen.
Kieselgeoden sind verkieselte, d. h. mit
Kieselsäure ausgehärtete Toneisensteinkonkretionen (= Kieselgeoden), die
früher als "Wiehengebirgs-Lydit" bezeichnet und mit dem Lydit
aus der Devon-Zeit des Sauerlandes verwechselt wurden. Solch
knollig-rundliche oder plattige Kieselgeoden bildeten sich als
Toneisensteinkonkretionen aufgrund chemischer Reaktionen meist um
verwesende Meerestiere am Meeresboden.
Toneisenstein-Geoden finden sich in vielen
Horizonten zwischen dem Teutoburger Wald und dem Wiehengebirge,
insbesondere aber in der Herforder Liasmulde (vgl. Adrian/Büchner 1981; Büchner 1986) zwischen den schwarzen Tonsteinen der Lias- und
Dogger-Zeit. Durch eine spätere Nachmineralisation, verursacht durch den Kontakt
eines großen Gesteinsschmelzkörpers (= Pluton), der unterhalb des
Wiehengebirges in der Erdkruste erstarrte (Bramscher, Vlothoer Pluton,
vgl. Büchner 1986), wurden die Gesteine aufgeheizt und veränderten leicht
ihre chemische Zusammensetzung. Der Kalkanteil in Gesteinen der Jura-Zeit,
in denen die erwähnten knollig-kugeligen Geoden angetroffen werden,
verkieselte nachträglich, sodass sie als Kieselgeoden bezeichnet wurden
(vgl. Büchner 1986). Sie sind heute völlig entkarbonatisiert und weisen,
wie auch der Feuerstein, einen muscheligen Bruch auf. Diese zum Feuerstein
gleichartige Eigenschaft war optimal für die Beilproduktion, insbesondere,
weil der nordische Feuerstein aus den eiszeitlichen Geschiebeablagerungen hier
mit nur relativ kleinen Knollen zu finden war. Im Gegensatz dazu sind die
großen, schwarz gefärbten Kieselgeoden Dezimeter bis Meter groß und
sowohl plattig als auch mit ovalen Knollen vertreten.
In diesem Zusammenhang ist ein neuer
bedeutender Fundplatz in Steinlacke zu nennen. Hier fand E. Lax auf
einem kleinen Dünengelände direkt auf der Oberen Niederterrasse an der
Werre nicht nur ein vollständiges Kieselgeoden-Beil, sondern auch etliche
Artefakte, die als Beilfehlprodukte bzw. -halbfabrikate zu interpretieren
sind. Dies kann daraus geschlossen werden, dass einerseits alle
angeschliffenen Beilrohlinge alte Brüche bereits mit
Patinierung aufweisen, anderseits noch nicht die Endform besitzen. Auch
die Größe der Beilrohlingsfragmente ist deutlich größer als die der
fertig geschliffenen Rechteckbeile. Einen weiteren Hinweis geben zwei
kürzlich aufgelesenen Kieselgeodenabschläge und Rohmaterialknollen an
zwei Fundplätzen in Steinlacke (FstNr. 1 und 3), die interessanterweise
aus großen plattigen Kieselgeoden-Konkretionen bestehen. Alles deutet
somit auf eine Vor-Ort-Produktion von Beilen aus dem
Rohstoff Kieselgeode, der möglicherweise direkt auf dem Fundplatz selbst
in den Werreschottern anzutreffen war. Möglicherweise wurden aber die
Kieselgeoden mit auf das ehemalige Dünengelände gebracht und
verarbeitet. Auf dem Fundplatz fehlen bisher die grob behauenen
Kieselgeoden-Beilrohlinge (vgl. ein nordhessisches Stück im Megalithgrab
Gudensberg "Lautariusgrab": Kappel 1989). Erstmals ist
zumindest eine jungsteinzeitliche Produktionsstätte von
Kieselgeoden-Beilen bekannt geworden, die auf eine mögliche
bergmännische Gewinnung des Rohmaterials Kieselgeode in nächster Nähe
schließen lässt.
Zur Zeit der Trichterbecherkultur
verarbeitete man den Rohstoff intensiv, betrieb möglicherweise auch
Bergbau auf bergfrische Geoden, verarbeitete das Material vor Ort und
verhandelte die Kieselgeoden-Rechteckbeile, die häufig in den
Megalithgräbern im Umkreis von 150 km, wie z.B. in Hilter, Kr. Osnabrück
gefunden wurden (vgl. z. B. Schlüter 1979a; 1979b; 1979c; 1985). Auch kleine
und langbreite Meißel (Tafel 7,
1.3) könnten möglicherweise zur
Zeit der Trichterbecherkultur oder den Becherkulturen gefertigt worden
sein.
 |
Abb. 3:
Verarbeitung von plattigen Kieselgeoden (Museum Bünde Nr. 2002/115)
in Kirchlengern-Steinlacke, Kreis Herford. Beilrohling aus
Westkilver (Museum Bünde Nr. 2002/650), Abschläge (Museum Bünde
Nr. 2002/116-117); angeschliffene zerbrochene Halbfabrikate (Slg.
Lax Nr. 1, 4, 5) und Rechteckbeil (Slg. E. Lax Nr. 7).
Fig. 3: Processing of slabs of
kiesel geodes. Semifinished axe product, flakes, polished and broken semifinished
blanks and an celt of rectangular cross-section.
© Cajus Diedrich
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Quarzitischer Sandstein findet sich im Malm
in den Jura-Schichten des Wiehengebirges. Ein flacher Schuhleistenkeil aus
einem dunkelbraunen quarzitischen Sandstein könnte vor Ort im
Wiehengebirge hergestellt worden sein. Darauf deuten auch ein Streitaxt-
und ein Pfeilspitzenfund aus einem dunkelbraunen quarzitischen Sandstein,
die in den umliegenden Kreisen Lübbecke und Minden gefunden wurden (im
Museum Bünde befindlich).
2.2
Importierte Steinwerkzeuge
Der rege Handel mit geschliffenen
Steinbeilen und durchlochten Äxten sowie Feuersteindolchen und -meißeln
charakterisiert die Zeit des Neolithikums. Die meisten Großgeräte wurden
von den Jungsteinzeitmenschen in den Kreis Herford eingehandelt oder
mitgebracht. Hierbei zeichnen sich deutlich unterschiedliche
Importrichtungen zu den jeweiligen neolithischen Zeitabschnitten in den
Kreis Herford ab (Abb. 4).

Abb. 4: Importierte Steingeräte.
Zur Zeit der Rössener Kultur wurden insbesondere aus den Mittelgebirgen
aus Amphibolithen gefertigte hohe durchlochte Schuhleistenkeile importiert
(roter Pfeil). Während der folgenden Michelsberger Kultur sind Importe
aus dem niederländischen Rijkholt-Feuerstein aus den neolithischen
Feuerstein-Minen bei Limburg bis in den Kreis Herford zu verzeichnen
(gelber Pfeil). Weiterhin stammen Nephrit- oder Serpentinit-Beile aus den
Mittelgebirgen bzw. der Nordschweiz (roter Pfeil). In der späten Phase
des Neolithikums (Einzelgrab- und Glockenbecherkultur) wurden
verschiedene Geräte wie Meißel, Beile, Sicheln und Dolche aus dem
jütländischen grauen Feuerstein hergestellt und eingehandelt (grüner
Pfeil).
Fig. 4: Imported stone tools. During the Rössen Culture perforated Schuhleistenkeile
(adzes) produced of amphibolites were imported from the German highland regions (red arrow). In the
subsequent Michelsberg culture celt products from the Rijkholt and Limburg
(Netherlands) flint mines were imported to the Kreis Herford (yellow arrow). Nephrite
and serpentinite celts came from the German highland regions or northern Switzerland (red
arrow). During the late Neolithic (Single Grave and Bell Beaker Cultures) different
flint tools such as
chisels, celts, sickles and daggers were produced in the North (Jutland,
Denmark) and traded to the Herford region (green arrow).
© Cajus Diedrich
Das Sedimentgestein Feuerstein, auch Silex
oder Flint genannt, tritt in verschiedenen Regionen in sehr großen
Knollen in bestimmten Gesteinsschichten der Oberkreidezeit auf. Nur aus
solch großen Knollen konnte der Neolithiker Beile herstellen. Der westeuropäische Rijkholt-Feuerstein stammt
aus der obersten Oberkreide und wurde in den Niederlanden bei Limburg
bergmännisch gewonnen (Bosch & Felder 1990). Auch in Aachen wurden in
dieser Zeit der Lousberg-Feuerstein insbesondere zu Beginn des 3.
Jahrtausends bergmännisch abgebaut. Beile dieser Zeit aus der
Feuersteinvarietät von Rijkholt und dem Lousberg wurden im Kreis Herford
in Hiddenhausen und Südlengern (Tafel 5, 1-2) gefunden.
Jütländischer Feuerstein ist ein dichter
grauer Feuerstein, der an den Steilküsten Jütlands gewonnen werden
konnte. Eine regelrechte Beilmanufaktur im jütländisch-dänischen Raum
führte zu einem ausgedehnten Handel von Beilen bis nach
Mitteldeutschland. Insbesondere zur Zeit der Trichterbecherkultur und der
Becherkulturen des späten Neolithikums erreichten solche Beile auch den
Raum Herford. Ein Beleg hierfür ist ein dicknackiges Rechteckbeil von
Bustedt bei Bünde, Kr. Herford (Tafel 14,
1). Beidseitig
retuschierte Dolche (Tafel 14, 6) und Sicheln
(Tafel 14, 5) des
ausgehenden Neolithikums (Becherkulturen) bis zur frühen Bronzezeit
stammen ebenfalls aus dem Norden, wurden aber aus sogenanntem Plattensilex
gefertigt, der ebenfalls aus Jütland stammt.
Ostdänischer und polnischer
Geschiebefeuerstein kommt ursprünglich in den quartären Geschieben nicht im Raum Herford vor. Er ist rötlich und
zeigt oft konzentrische Lagen (Tafel 14, 3). Aus diesem Material
wurden im Endneolithikum dünnblattige
Feuerstein-Ovalbeile (Tafel 14, 2-3) hergestellt, die besonders in
Nordost- und Osteuropa verbreitet sind (vgl. Brandt 1967) und in den Raum
Herford importiert wurden.
Schwarzer, feinstgeschichteter Lydit aus
Schichten der Devon-Zeit wurde in nur einem Fall eines Gerätes der Rössener Kultur verwendet (Tafel 1,
3). Das Rohmaterial
stammt höchstwahrscheinlich ursprünglich vom Nordrand des Sauerlandes.
Vulkanite sind mit wenigen, aber sehr
unterschiedlichen Gesteinstypen im Kreis Herford vertreten. Diese wurden
vorwiegend im Früh- und Endneolithikum der Becherkulturen verarbeitet.
Der Nephrit ist ein dichtes mittelgraues
Gestein. Er stammt teilweise ursprünglich aus der Nordschweiz und wurde
möglicherweise entlang des Rheines bis in den Raum Herford verhandelt.
Ein solcher Import ist ein spitznackiges Felsovalbeil der Michelsberger
Kultur (Tafel 5, 5).
Aus einem hellen, fast weißen Rhyolith
wurde lediglich eine Axt hergestellt (Tafel 12,
1). Die Herkunft
könnte aus sekundärer Lagerstätte der saale-kaltzeitlichen Ablagerungen
und damit ursprünglich aus Skandinavien stammen. Das Gestein könnte
sowohl im Kreis Herford, in Norddeutschland oder in Jütland
aufgelesen worden sein.
Die verwendeten Plutonite lassen sich
anhand des granularen Gefüges deutlich von den anderen Gesteinen
unterscheiden, jedoch ohne Dünnschliffanalyse kaum exakt bestimmen. Nur
eine flache Hammeraxt (Tafel 12, 2) der
Trichterbecherkultur (vgl.
Datierung auch Beran 1991) aus dem Kreis Herford wurde aus einem grünlich
verwitternden Plutonit gefertigt. Wie auch für einige Vulkanite bereits
beschrieben, ist eine exakte Herkunft des Rohmaterials nicht
nachvollziehbar. Das Material kommt zumindest nicht primär im Kreis
Herford vor, außer möglicherweise auf sekundären Lagerstätten in den
saale-kaltzeitlichen Moräneablagerungen.
Wenige Rechteckbeile sind aus Metamorphiten
gefertigt, die eine deutliche Paralleltextur der Mineralbestände zeigen,
aber wiederum ohne Dünnschliffuntersuchungen nicht genauer bestimmt
werden können.
Der ursprünglich schwärzliche Amphibolith
verwittert äußerlich grünfarben und wurde fast ausschließlich in der
Linearbandkeramik und der Rössener Kultur für verschiedene Beil- und
Axtformen wie hohe durchlochte Schuhleistenkeile sowie hohe und flache
Schuhleistenkeile verwendet (Tafel 1-4). Er stammt aus verschiedenen
Bereichen der mitteldeutschen Gebirgszonen.
Grünschiefer wurde in einigen Fällen für
die Herstellung von Fels-Rechteckbeilen verwendet (Tafel
6, 3-5).
Diese Metamorphite stammen aus den mitteldeutschen Gebirgszonen und
können in verschiedenen paläozoischen Grundgebirgen gefunden
worden sein. Möglicherweise lag das Rohmaterial auch wiederum auf
sekundären saale-kaltzeitliche Lagerstätten auch im Kreis Herford.
Aus Serpentinit wurde ein spitznackiges
Felsovalbeil gefertigt, das in Vlotho gefunden wurde (Tafel
5, 6).
Die Gesteine der auch als "Grünsteinbeile" bezeichneten
Artefakte stammen aus primärer Lagerstätte aus den südlichen
mitteldeutschen Mittelgebirgszonen, der Nordschweiz oder dem
nordwestfranzösischen Amorikanischen Massiv (vgl. Schumann 1990) und sind
zur Zeit der Michelsberger Kultur verhandelt worden.
Der Halbedelstein Jadeit gehört ebenfalls zu
den typischen Rohstoffen der Michelsberger Kultur, aus denen Ovalbeile
gefertigt wurden (Tafel 5, 3), die
aufgrund der
tiefgrünen Farbe zu den "Grünsteinbeilen" zählen. Auch Jadeit
tritt in einigen Regionen der deutschen Mittelgebirge, der Nordschweiz
oder in Nordwestfrankreich im Amorikanisches Massiv auf (vgl. Schumann
1990).
© Text und Abbildungen: Cajus Diedrich 2002
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