Neolithische Steingeräte im Kreis Herford zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge (Nordwestdeutschland)
www.jungsteinsite.de - Artikel vom 1.Oktober 2002

Cajus Diedrich

 

Die Nutzung der siedlungsungünstigen Mittelgebirgsregion zwischen dem Teutoburger Wald und dem Wiehengebirge dokumentiert sich vorwiegend durch das Verbreitungsbild von Steingeräten, weniger durch die spärlichen Keramikfunde. Diese Studie widmet sich dem Kreis Herford, in dem sich anhand von Pfeilbewehrungen, Äxten, Beilen, Dolchen und Sicheln eine durchgehende Nutzung des Naturraumes von der Rössener Kultur bis in die Zeit der Glockenbecherkultur nachweisen lässt. Auffällig ist die unterschiedliche Rohstoffnutzung und die Vor-Ort-Produktion von Kieselgeoden-Rechteckbeilen, die zur Zeit der Trichterbecher-Kultur bis zu 150 km weit verhandelt wurden.

Neolithic stone artifacts between Teutoburger Wald and Wiehengebirge (Herford district, Northwest Germany)
The Neolithic artifacts in the area under study offer the possibility to trace activities from the Rössen culture to the Early Bronze Age. Different types of arrowheads, axes, celts, daggers and sickels correspondingly prove activities in this region starting with the Rössen Culture (c. 4900-4200 BC) and ending with the Bell Beaker Culture (c. 2900-2000 BC). Of special importance is the utilisation of different stone types, especially the production of Kieselgeoden-celts and their trade over distances of up to 150 km by the TRB Westgroup.

 

Inhalt
Teil 1
1.  Forschungsgeschichte
2.  Rohmaterial
2.1  Lokal hergestellte Werkzeuge
2.2  Importierte Steinwerkzeuge
Teil 2
3.  Steingerätetypen
3.1  Scheibenkeulen
3.2  Klopf-/Reibsteine
3.3  Projektile
3.3.1  Geflügelt gestielte Pfeilspitze
3.3.2  Geflügelte Pfeilspitze
3.3.3  Kleine dreieckige, gleichschenklige Pfeilspitze
3.3.4  Langschmale dreieckige, ungleichschenklige Pfeilspitze
3.3.5  Querschneider
3.3.6  Pfeilschneide
3.4.  Steinbeile und -äxte
3.4.1  Flacher Schuhleistenkeil
3.4.2  Hoher durchlochter Schuhleistenkeil
3.4.3  Spitznackiges Fels-Ovalbeil
3.4.4  Dünnackiges Feuerstein-Ovalbeil
3.4.5  Rechteckbeile
3.4.6  Fels-Rechteckbeil mit Facettenschliff
3.4.7  Dünnblattiges Feuerstein-Ovalbeil
3.4.8  Dickblattige Feuerstein-Rechteckbeile
3.4.9  Flache Hammeraxt
3.4.10  Jütländische Streitaxt
3.5.  Meißel
3.6  Dolche
3.6.1  Spandolche
3.6.2   Bifazielle Feuersteindolche mit einfachem Schaftgriff
3.7  Sicheln
3.7.1  Einfache Sichelklingen
3.7.2  Sichel-Bruchklingen
3.7.3  Bifazielle Sichelklingen
  Teil 3
4.  Diskussion
5.  Kulturenübersicht (mit Tafeln)
5.1  Linearbandkeramik (5500-4900 v. Chr.)
5.2  Rössener Kultur (4900-4200 v. Chr.)
5.3  Michelsberger Kultur (4200-3500 v. Chr.)
5.4  Trichterbecherkultur (3500-2800 v. Chr.
5.5  Wartbergkultur (3500-2800 v. Chr.)
5.6  Einzelgrabkultur (2900-2000 v. Chr.)
5.7  Glockenbecherkultur (2600-2000 v. Chr.)
Literaturverzeichnis
Danksagung

 

Teil 1 - Forschungsgeschichte und Rohmaterial

 

1. Forschungsgeschichte

Die ersten Funde des Neolithikums aus dem Kreis Herford wurden mit einzelnen Beilfunden bereits aus den Jahren 1842 in Obernbeck aufgelesen und gelangten in das Historische Museum Bielefeld.

Durch die Forschungen und Arbeiten der Museen in Bünde und Löhne, besonders durch die "Spatenforschungen" der Zwanzigerjahre von H. Langewiesche, gelangten erst später neue Stücke von Privatsammlern (siehe Danksagung) in den Besitz der Museen. Einige Funde wurden in den Fundchroniken Westfalens erwähnt (z. B. Beck 1936; Hömberg 1969). Das Material aus dem Dobergmuseum Bünde und dem Heimatmuseum Löhne wurde inventarisiert und liegt als Katalog im Dobergmuseum Bünde vor (Diedrich 2002). Hier und bei Diedrich (im Druck c)  werden diese Funde erstmals geschlossen mit weiteren Funden aus dem Heimatmuseum Vlotho und Privatsammlungen des Kreises Herford vorgestellt.

Geschlossene neolithische Fundkomplexe waren im Kreis Herford bisher nicht bekannt. Die Funde beschränkten sich vielmehr auf Einzelfunde wie Steinbeile, Pfeilspitzen oder Feuersteindolche, die einerseits als Feldfunde, anderseits von den Abbaukanten zweier Sandgruben in Gohfeld und Ulenburg stammten. Inzwischen sind drei wichtige Siedlungsplätze als Oberflächenfundplätze durch Privatsammler bekannt geworden, die Steinmaterial, aber noch keine eindeutig neolithische Keramik geliefert haben.

Grabungen im Raum Herford zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge zur Erforschung der Steinzeitkulturen dieser Mittelgebirgs-Zone fehlen bisher völlig, so dass mit diesem Artikel eine erste Aufnahme und Auswertung der Oberflächen- bzw. der Altfunde erfolgt, die als Basis für weitere Forschungen dienen soll.

Die ersten Funde aus den neolithischen Kulturen im Kreis Herford waren Steinbeile, die bei Feldarbeiten oder -begehungen gefunden wurden. Eine erste Inventarisierung von Steinbeilen aus dem Raum Vlotho erarbeitete Langewiesche 1934 in einer unveröffentlichten Liste, die als Kopie im Heimatmuseum Vlotho und Dobergmuseum Bünde vorliegt. Einige der Beile wurden bereits vor 1945 auch in Bielefeld katalogisiert, jedoch nicht weiter veröffentlicht. Diese Karteikarten und einige Steinbeile befinden sich im Historischen Museum Bielefeld bzw. werden nun im Dobergmuseum Bünde gezeigt. Brandt (1967) listete einige Steinbeile aus weiteren Museen, von Privatsammlern sowie den Grundschulen Gohfeld und Eickum in seiner Monographie über Steinbeile und -äxte in Nordwestdeutschland auf, bildete aber keinen dieser Funde ab. Einen populärwissenschaftlichen Artikel über ur- und frühgeschichtliche Funde des Kreises Herford, unter anderem mit Abbildungen einiger Steinbeilfunde aus dem Museum Bünde, verfasste Knackstedt (1983). K. Günther katalogisierte in der Folge einige Beile, wie z. B. Funde aus der Grundschule Eickum und bildete ein Steinbeil aus einer Privatsammlung von Hiddenhausen ab (in: Trier 1992, 158 Abb. 42).

Neolithische Keramik aus dem Kreis Herford ist lediglich mit zwei Bechern der Einzelgrabkultur aus Obernbeck und Uhlenburg belegt (vgl. Diedrich im Druck c). Einer dieser Becher ist nur noch als Abguss vorhanden, da das Original im zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Der Verbleib des zweiten Bechers aus Uhlenburg wird mit "Landesmuseum Münster" angegeben (vgl. Schulz 1929). Er ist, wie zahlreiche frühgeschichtliche Funde des Kreises Herford auch, über Jahrzehnte in Münster magaziniert worden und möglicherweise in Vergessenheit geraten. Die Literatur nennt darüber hinaus noch weitere, inzwischen vermutlich verschollene Scherben von drei Trichterbechern, einer Schale und einer Kragenflasche der Trichterbecherkultur aus der Sandgrube bei Ulenburg, die ebenfalls in das damalige "Landesmuseum Münster" verbracht worden sein sollen (vgl. Stieren 1950).

2. Rohmaterial

Das Rohmaterial für die jungsteinzeitlichen Steingeräte besteht im Kreis Herford aus unterschiedlichsten Gesteinen, wie Sedimenten, Magmatiten und Metamorphiten (vgl. Schumann 1990). Viele dieser Gesteine stehen nicht in der Region zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge an und müssen daher Importe sein.

Deutlich kann man eine rohmaterialspezifische Nutzung für Steingeräte in unterschiedlichen jungsteinzeitlichen Entwicklungsabschnitten und damit unterschiedlich weitreichende Handelsbeziehungen erkennen. In Mitteleuropa wurden in den frühen neolithischen Kulturen wie der Linearbandkeramik und der Rössener Kultur fast ausschließlich magmatische und metamorphe Gesteine für die Herstellung der Beile, Schuhleistenkeile und hohen durchlochten Schuhleistenkeile benutzt. Bei diesen handelt es sich meist um grünlich anwitternde Metamorphite, die aus den mitteldeutschen Gebirgszonen stammten.

Der begehrteste Rohstoff der Michelsberger Kultur war, wie schon im vorausgegangenen Mesolithikum, der Feuerstein, der in vielen Regionen Mitteleuropas vorkommt und teilweise leicht aufgesammelt werden konnte. Der bergmännische Abbau von bergfrischem Feuerstein an verschiedenen Stellen in Mitteleuropa, wie z. B. am Lousberg in Aachen (vgl. Probst 1991, Abb. 19), in Grand-Pressigny (Westfrankreich, vgl. z. B. Hahn 1993), Kehlheim (Süddeutschland, vgl. Binsteiner/Engelhardt 1987; Binsteiner/Pleyer 1987), Limburg (Niederlande, vgl. Bosch/Felder 1990) oder Jütland (Dänemark, vgl. z.B. Weisgerber 1980), wurde auf besonders großknolligen Feuerstein vorangetrieben, der sich besonders für die Großgeräteherstellung eignete. Es handelte sich um einen Feuerstein, der in Sedimentgesteinen der Oberkreide schichtartig in Knollenlagen auftritt und sich sehr gut zurechtschlagen und schleifen ließ. Der Feuerstein aus den eiszeitlichen Ablagerungen insbesondere in Nordeuropa und im Kreis Herford ist dagegen oft sehr klein oder zeigt Frostrisse, die eine Großgeräteherstellung unmöglich machten.

Verschieden harte Gesteine, besonders Magmatite wurden im ausgehenden Neolithikum in Norddeutschland benutzt, um Streitäxte herzustellen. Diese Gesteine konnte man aus den eiszeitlichen Geschiebeablagerungen oberflächig aufsammeln und vor Ort verarbeiten.

2.1 Lokal hergestellte Werkzeuge

Im Kreis Herford erfolgte die Produktion von Steingeräten wie Pfeilspitzen, Schabern, Sticheln oder Sichelklingen aus lokal auftretenden Sedimentgesteinen, insbesondere kleinen Feuersteinknollen (Abb. 1). Als lokale Rohmaterialien wurden außerdem jurazeitliche Kieselgeoden aus den Schichten der Dogger-Zeit genutzt, die aus dem Wiehengebirge und der Herforder Mulde stammen (vgl. Klassen 1984; Büchner 1986).

Fast alle kleineren Geräte im Kreis Herford sind aus nordischem Feuerstein hergestellt. Er entstand durch chemische Ausfällungsprozesse von Silikaten in einem karbonatischen Milieu, enthält somit oft makroskopisch erkennbare Fossileinschlüsse. Dieser nur in kleinen Knollen anzutreffende Feuerstein stammt ursprünglich aus oberkreidezeitlichen Ablagerungen in Norddeutschland und Dänemark und wurde durch die Gletschermassen der saale-kaltzeitlichen Grundmoränen währen der vorletzten großen Vereisungsphase abgelagert (vgl. z.B. Skupin/Speetzen/Zandstra 1993), die in der Herforder Mulde im Bereich der Werreterrassen oberflächig zugänglich sind (vgl. z.B. Ziercke 1960; Henke 1990).

Flintbearbeitung: Arbeitsschritte, Terminologie Abb. 1: Jungsteinzeitlich bearbeitete, aus saale-kaltzeitlichen Ablagerungen des Quartärs stammende Feuersteinknollen, daraus vor Ort hergestellte Feuersteinwerkzeuge sowie Abschlagsterminologie.

A: Abschlagskernstein vom Bonneberg, Kr. Herford, Museum Bünde Nr. 2002/110.
B: Abschlag vom Bonneberg, Kr. Herford, Museum Bünde Nr. 2002/111.
C. Unten von links nach rechts: gestielt geflügelte Pfeilspitze von Altenhüffeln, Kr. Herford (Museum Bünde Nr. 2002/60), Pfeilschneide von Künsebeck, Kr. Gütersloh (Slg. Diedrich) und Schaber von Schweicheln, Kr. Herford (Museum Bünde Nr. 2002/80).

Fig. 1: Fig. 1: Neolithic flint flakes, from Quaternary (Saale ice age) deposits, regionally produced flint tools and flake terminology. A: Flake nucleus. B: Flake. C. On the base from left to right: stemmed barbed arrowhead, transverse arrowhead and scraper.

© Cajus Diedrich

Der Feuerstein liegt in verschiedenen Varietäten vor, d. h. er besitzt unterschiedliche Dichten und Farben sowie typische Einlagerungen. Die Farben des oberkreidezeitlichen Feuersteins, der auch Silex oder Flint genannt wird, sind sehr variabel und reichen von grau über schwarzbraun und hellbraun bis weiß (Abb. 2B). Je nach Einlagerung von Fremdpartikeln ist der Flint durchsichtig bis dicht. Durch Feuereinwirkung wird der Feuerstein, wie die abgebildeten Artefakte vom Bonneberg oder Schweicheln, weiß (Abb. 2C) und besitzt durch die schnelle Entwässerung zahlreiche kleine Haarrisse, die oft zum Zerfallen der Feuersteine führen.

Die vorliegenden Feuersteinartefakte sind unterschiedlich patiniert, d. h. die äußere Schicht ist ebenfalls entwässert und besitzt eine Patinierungsfarbe, die durch die Lichtbrechung hervorgerufen wird (Rottländer 1984). Die Patinierungsstärke ist abhängig vom Bodentyp (basisch/sauer) und damit vom ph-Wert (Rottländer 1984) und kann teilweise unterstützend für eine relative zeitliche Datierung eingesetzt werden (vgl. Diedrich im Druck b). Je länger ein Ionenaustausch zwischen Feuerstein und Boden stattfinden konnte oder je basischer ein Bodentyp, desto stärker ist die Patinierung. Fünf verschiedene Patinierungstypen lassen sich einteilen, die meist fließend ineinander übergehen. Diese künstlichen Unterteilungen sind: GL = Glanzpatiniert, HBL = hellblau patiniert, WBL = weißblau patiniert, W = weiß patiniert, WBR = weiß patiniert mit "flechtenartigen" (dendritischen) Eisen- (Fe) und Mangan- (Mn) Einlagerungen.

Die jüngsten Projektile aus dem Jung- und Endneolithikum des Kreises Herford sind durch den Verlust der im Kristallgitter eingelagerten Wassermoleküle meist glanz-, selten auch schwach hellblau patiniert. Die mittelneolithischen Pfeilspitzen sind hingegen in den meisten Fällen stärker von hellblau über weißblau bis weiß patiniert, wie es auch im Teutoburger Wald zu beobachten ist (vgl. Diedrich 2000).

Stark entwässerte Artefakte mit einer weißbraunen Patina, d. h. weißen Oberfläche, in die Fe- und Mn-Ionen eingelagert wurden (= WBR Patina), kommen überwiegend vom Spätmesolithikum bis zur Rössener Kultur vor und sind im Kreis Herford bisher nur vom Bonneberg oder Schweicheln bekannt. Beide Fundplätze befinden sich auf teilweise karbonatisch ausgebildeten Steinmergel-Keuper Gesteinen der Trias-Zeit. Charakteristisch ist die dendritische Einlagerung von Fe- und Mn-Ionen in die Oberfläche der teilweise völlig entwässerten und weiß bis weiß-blau gefärbten Artekfakte.

Feuerstein und Patinierungsgrad

Abb. 2: Steinzeitlich bearbeiteter Feuerstein aus saale-kaltzeitlichen Moränenablagerungen im Kreis Herford.

A: Abschlagskernsteine mit Abschlagnegativen vom Bonneberg (Museum Bünde Nr. 2002/110)
B: Glanzpatinierte Abschläge und deren farbliche Variabilität und Dichte vom Bonneberg, Kr. Herford (Museum Bünde Nr. 2002/112)
C: Durch Feuereinwirkung verbrannte (craquelierte) Feuerersteinartefakte vom Bonneberg (Museum Bünde Nr. 2002/113). Durch die Entwässerung entstehen viele kleinste Haarrisse und eine weiße Patina.
D: Patinierungsstufen von Abschlägen aus nordischen Feuerstein vom Schweichler Berg (Museum Bünde Nr. 2002/114), durch natürliche Entwässerung der Oberfläche und deren Farbe:
GL = glanz, HBL = hellblau, W = weiß, WBL = weißblau, WBR = weiß mit dendritischen Einlagerungen von Eisen- und Manganmineralien.

Fig. 2: Stone age flint flakes and nuklei from the Saale ice age moraine deposits in the Herford district.

© Cajus Diedrich

 

Vergleiche zwischen Fundkomplexen auf unterschiedlichen Bodentypen lassen keine zeitgleiche Beziehung zwischen den Artefakten zu. Dies ist damit zu erklären, dass auf einem basischen Bodentyp die Patinierung sehr viel schneller und stärker abläuft als auf einem sauren sandigen Bodentyp. Am Schweichler Berg und am Bonneberg im Kreis Herford sind karbonatische Untergründe (Keuper-Schichten) vorhanden. Die sandigen Bodentypen sind im Untersuchungsgebiet derzeit nur auf den Niederterrassen der Werre an zwei Fundplätzen mit altem Dünengelände bei Steinlacke oder Löhne-Gohfeld belegt. Auch hier zeigen sich unterschiedliche Patinierungsarten auf einem Fundplatz mit einem einheitlichem Bodentyp, die wiederum eine Relativchronologie bestätigen.

Kieselgeoden sind verkieselte, d. h. mit Kieselsäure ausgehärtete Toneisensteinkonkretionen (= Kieselgeoden), die früher als "Wiehengebirgs-Lydit" bezeichnet und mit dem Lydit aus der Devon-Zeit des Sauerlandes verwechselt wurden. Solch knollig-rundliche oder plattige Kieselgeoden bildeten sich als Toneisensteinkonkretionen aufgrund chemischer Reaktionen meist um verwesende Meerestiere am Meeresboden.

Toneisenstein-Geoden finden sich in vielen Horizonten zwischen dem Teutoburger Wald und dem Wiehengebirge, insbesondere aber in der Herforder Liasmulde (vgl. Adrian/Büchner 1981; Büchner 1986) zwischen den schwarzen Tonsteinen der Lias- und Dogger-Zeit. Durch eine spätere Nachmineralisation, verursacht durch den Kontakt eines großen Gesteinsschmelzkörpers (= Pluton), der unterhalb des Wiehengebirges in der Erdkruste erstarrte (Bramscher, Vlothoer Pluton, vgl. Büchner 1986), wurden die Gesteine aufgeheizt und veränderten leicht ihre chemische Zusammensetzung. Der Kalkanteil in Gesteinen der Jura-Zeit, in denen die erwähnten knollig-kugeligen Geoden angetroffen werden, verkieselte nachträglich, sodass sie als Kieselgeoden bezeichnet wurden (vgl. Büchner 1986). Sie sind heute völlig entkarbonatisiert und weisen, wie auch der Feuerstein, einen muscheligen Bruch auf. Diese zum Feuerstein gleichartige Eigenschaft war optimal für die Beilproduktion, insbesondere, weil der nordische Feuerstein aus den eiszeitlichen Geschiebeablagerungen hier mit nur relativ kleinen Knollen zu finden war. Im Gegensatz dazu sind die großen, schwarz gefärbten Kieselgeoden Dezimeter bis Meter groß und sowohl plattig als auch mit ovalen Knollen vertreten.

In diesem Zusammenhang ist ein neuer bedeutender Fundplatz in Steinlacke zu nennen. Hier fand E. Lax auf einem kleinen Dünengelände direkt auf der Oberen Niederterrasse an der Werre nicht nur ein vollständiges Kieselgeoden-Beil, sondern auch etliche Artefakte, die als Beilfehlprodukte bzw. -halbfabrikate zu interpretieren sind. Dies kann daraus geschlossen werden, dass einerseits alle angeschliffenen Beilrohlinge alte Brüche bereits mit Patinierung aufweisen, anderseits noch nicht die Endform besitzen. Auch die Größe der Beilrohlingsfragmente ist deutlich größer als die der fertig geschliffenen Rechteckbeile. Einen weiteren Hinweis geben zwei kürzlich aufgelesenen Kieselgeodenabschläge und Rohmaterialknollen an zwei Fundplätzen in Steinlacke (FstNr. 1 und 3), die interessanterweise aus großen plattigen Kieselgeoden-Konkretionen bestehen. Alles deutet somit auf eine Vor-Ort-Produktion von Beilen aus dem Rohstoff Kieselgeode, der möglicherweise direkt auf dem Fundplatz selbst in den Werreschottern anzutreffen war. Möglicherweise wurden aber die Kieselgeoden mit auf das ehemalige Dünengelände gebracht und verarbeitet. Auf dem Fundplatz fehlen bisher die grob behauenen Kieselgeoden-Beilrohlinge (vgl. ein nordhessisches Stück im Megalithgrab Gudensberg "Lautariusgrab": Kappel 1989). Erstmals ist zumindest eine jungsteinzeitliche Produktionsstätte von Kieselgeoden-Beilen bekannt geworden, die auf eine mögliche bergmännische Gewinnung des Rohmaterials Kieselgeode in nächster Nähe schließen lässt.

Zur Zeit der Trichterbecherkultur verarbeitete man den Rohstoff intensiv, betrieb möglicherweise auch Bergbau auf bergfrische Geoden, verarbeitete das Material vor Ort und verhandelte die Kieselgeoden-Rechteckbeile, die häufig in den Megalithgräbern im Umkreis von 150 km, wie z.B. in Hilter, Kr. Osnabrück gefunden wurden (vgl. z. B. Schlüter 1979a; 1979b; 1979c; 1985). Auch kleine und langbreite Meißel (Tafel 7, 1.3) könnten möglicherweise zur Zeit der Trichterbecherkultur oder den Becherkulturen gefertigt worden sein.

Verarbeitung plattiger Kieselgeoden Abb. 3: Verarbeitung von plattigen Kieselgeoden (Museum Bünde Nr. 2002/115) in Kirchlengern-Steinlacke, Kreis Herford. Beilrohling aus Westkilver (Museum Bünde Nr. 2002/650), Abschläge (Museum Bünde Nr. 2002/116-117); angeschliffene zerbrochene Halbfabrikate (Slg. Lax Nr. 1, 4, 5) und Rechteckbeil (Slg. E. Lax Nr. 7).

Fig. 3: Processing of slabs of kiesel geodes. Semifinished axe product, flakes, polished and broken semifinished blanks and an celt of rectangular cross-section.

© Cajus Diedrich

Quarzitischer Sandstein findet sich im Malm in den Jura-Schichten des Wiehengebirges. Ein flacher Schuhleistenkeil aus einem dunkelbraunen quarzitischen Sandstein könnte vor Ort im Wiehengebirge hergestellt worden sein. Darauf deuten auch ein Streitaxt- und ein Pfeilspitzenfund aus einem dunkelbraunen quarzitischen Sandstein, die in den umliegenden Kreisen Lübbecke und Minden gefunden wurden (im Museum Bünde befindlich).

2.2 Importierte Steinwerkzeuge

Der rege Handel mit geschliffenen Steinbeilen und durchlochten Äxten sowie Feuersteindolchen und -meißeln charakterisiert die Zeit des Neolithikums. Die meisten Großgeräte wurden von den Jungsteinzeitmenschen in den Kreis Herford eingehandelt oder mitgebracht. Hierbei zeichnen sich deutlich unterschiedliche Importrichtungen zu den jeweiligen neolithischen Zeitabschnitten in den Kreis Herford ab (Abb. 4).

Herkunft importierter Steingeräte

Abb. 4: Importierte Steingeräte. Zur Zeit der Rössener Kultur wurden insbesondere aus den Mittelgebirgen aus Amphibolithen gefertigte hohe durchlochte Schuhleistenkeile importiert (roter Pfeil). Während der folgenden Michelsberger Kultur sind Importe aus dem niederländischen Rijkholt-Feuerstein aus den neolithischen Feuerstein-Minen bei Limburg bis in den Kreis Herford zu verzeichnen (gelber Pfeil). Weiterhin stammen Nephrit- oder Serpentinit-Beile aus den Mittelgebirgen bzw. der Nordschweiz (roter Pfeil). In der späten Phase des Neolithikums (Einzelgrab- und Glockenbecherkultur) wurden verschiedene Geräte wie Meißel, Beile, Sicheln und Dolche aus dem jütländischen grauen Feuerstein hergestellt und eingehandelt (grüner Pfeil).

Fig. 4: Imported stone tools. During the Rössen Culture perforated Schuhleistenkeile (adzes) produced of amphibolites were imported from the German highland regions (red arrow). In the subsequent Michelsberg culture celt products from the Rijkholt and Limburg (Netherlands) flint mines were imported to the Kreis Herford (yellow arrow). Nephrite and serpentinite celts came from the German highland regions or northern Switzerland (red arrow). During the late Neolithic (Single Grave and Bell Beaker Cultures) different flint tools such as chisels, celts, sickles and daggers were produced in the North (Jutland, Denmark) and traded to the Herford region (green arrow).

© Cajus Diedrich

 

Das Sedimentgestein Feuerstein, auch Silex oder Flint genannt, tritt in verschiedenen Regionen in sehr großen Knollen in bestimmten Gesteinsschichten der Oberkreidezeit auf. Nur aus solch großen Knollen konnte der Neolithiker Beile herstellen. Der westeuropäische Rijkholt-Feuerstein stammt aus der obersten Oberkreide und wurde in den Niederlanden bei Limburg bergmännisch gewonnen (Bosch & Felder 1990). Auch in Aachen wurden in dieser Zeit der Lousberg-Feuerstein insbesondere zu Beginn des 3. Jahrtausends bergmännisch abgebaut. Beile dieser Zeit aus der Feuersteinvarietät von Rijkholt und dem Lousberg wurden im Kreis Herford in Hiddenhausen und Südlengern (Tafel 5, 1-2) gefunden.

Jütländischer Feuerstein ist ein dichter grauer Feuerstein, der an den Steilküsten Jütlands gewonnen werden konnte. Eine regelrechte Beilmanufaktur im jütländisch-dänischen Raum führte zu einem ausgedehnten Handel von Beilen bis nach Mitteldeutschland. Insbesondere zur Zeit der Trichterbecherkultur und der Becherkulturen des späten Neolithikums erreichten solche Beile auch den Raum Herford. Ein Beleg hierfür ist ein dicknackiges Rechteckbeil von Bustedt bei Bünde, Kr. Herford (Tafel 14, 1). Beidseitig retuschierte Dolche (Tafel 14, 6) und Sicheln (Tafel 14, 5) des ausgehenden Neolithikums (Becherkulturen) bis zur frühen Bronzezeit stammen ebenfalls aus dem Norden, wurden aber aus sogenanntem Plattensilex gefertigt, der ebenfalls aus Jütland stammt.

Ostdänischer und polnischer Geschiebefeuerstein kommt ursprünglich in den quartären Geschieben nicht im Raum Herford vor. Er ist rötlich und zeigt oft konzentrische Lagen (Tafel 14, 3). Aus diesem Material wurden im Endneolithikum dünnblattige Feuerstein-Ovalbeile (Tafel 14, 2-3) hergestellt, die besonders in Nordost- und Osteuropa verbreitet sind (vgl. Brandt 1967) und in den Raum Herford importiert wurden.

Schwarzer, feinstgeschichteter Lydit aus Schichten der Devon-Zeit wurde in nur einem Fall eines Gerätes der Rössener Kultur verwendet (Tafel 1, 3). Das Rohmaterial stammt höchstwahrscheinlich ursprünglich vom Nordrand des Sauerlandes.

Vulkanite sind mit wenigen, aber sehr unterschiedlichen Gesteinstypen im Kreis Herford vertreten. Diese wurden vorwiegend im Früh- und Endneolithikum der Becherkulturen verarbeitet.

Der Nephrit ist ein dichtes mittelgraues Gestein. Er stammt teilweise ursprünglich aus der Nordschweiz und wurde möglicherweise entlang des Rheines bis in den Raum Herford verhandelt. Ein solcher Import ist ein spitznackiges Felsovalbeil der Michelsberger Kultur (Tafel 5, 5).

Aus einem hellen, fast weißen Rhyolith wurde lediglich eine Axt hergestellt (Tafel 12, 1). Die Herkunft könnte aus sekundärer Lagerstätte der saale-kaltzeitlichen Ablagerungen und damit ursprünglich aus Skandinavien stammen. Das Gestein könnte sowohl im Kreis Herford, in Norddeutschland oder in Jütland aufgelesen worden sein.

Die verwendeten Plutonite lassen sich anhand des granularen Gefüges deutlich von den anderen Gesteinen unterscheiden, jedoch ohne Dünnschliffanalyse kaum exakt bestimmen. Nur eine flache Hammeraxt (Tafel 12, 2) der Trichterbecherkultur (vgl. Datierung auch Beran 1991) aus dem Kreis Herford wurde aus einem grünlich verwitternden Plutonit gefertigt. Wie auch für einige Vulkanite bereits beschrieben, ist eine exakte Herkunft des Rohmaterials nicht nachvollziehbar. Das Material kommt zumindest nicht primär im Kreis Herford vor, außer möglicherweise auf sekundären Lagerstätten in den saale-kaltzeitlichen Moräneablagerungen.

Wenige Rechteckbeile sind aus Metamorphiten gefertigt, die eine deutliche Paralleltextur der Mineralbestände zeigen, aber wiederum ohne Dünnschliffuntersuchungen nicht genauer bestimmt werden können.

Der ursprünglich schwärzliche Amphibolith verwittert äußerlich grünfarben und wurde fast ausschließlich in der Linearbandkeramik und der Rössener Kultur für verschiedene Beil- und Axtformen wie hohe durchlochte Schuhleistenkeile sowie hohe und flache Schuhleistenkeile verwendet (Tafel 1-4). Er stammt aus verschiedenen Bereichen der mitteldeutschen Gebirgszonen.

Grünschiefer wurde in einigen Fällen für die Herstellung von Fels-Rechteckbeilen verwendet (Tafel 6, 3-5). Diese Metamorphite stammen aus den mitteldeutschen Gebirgszonen und können in verschiedenen paläozoischen Grundgebirgen gefunden worden sein. Möglicherweise lag das Rohmaterial auch wiederum auf sekundären saale-kaltzeitliche Lagerstätten auch im Kreis Herford.

Aus Serpentinit wurde ein spitznackiges Felsovalbeil gefertigt, das in Vlotho gefunden wurde (Tafel 5, 6). Die Gesteine der auch als "Grünsteinbeile" bezeichneten Artefakte stammen aus primärer Lagerstätte aus den südlichen mitteldeutschen Mittelgebirgszonen, der Nordschweiz oder dem nordwestfranzösischen Amorikanischen Massiv (vgl. Schumann 1990) und sind zur Zeit der Michelsberger Kultur verhandelt worden.

Der Halbedelstein Jadeit gehört ebenfalls zu den typischen Rohstoffen der Michelsberger Kultur, aus denen Ovalbeile gefertigt wurden (Tafel 5, 3), die aufgrund der tiefgrünen Farbe zu den "Grünsteinbeilen" zählen. Auch Jadeit tritt in einigen Regionen der deutschen Mittelgebirge, der Nordschweiz oder in Nordwestfrankreich im Amorikanisches Massiv auf (vgl. Schumann 1990).

 

© Text und Abbildungen: Cajus Diedrich 2002

Dr. Cajus Diedrich
Nansenstraße 8
D-337790 Halle/Westfalen
cdiedri@gmx.net

 

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