Der Graben zwischen Diesseits und Jenseits -
eine Erwiderung zu „Vom Leben mit dem Tod“ von Christoph Rinne
www.jungsteinsite.de - Artikel vom 15. März 2001

 Markus Vosteen

 

Die dritte Runde in der Diskussion um die Grenzziehung zwischen den Welten der Lebenden und der Toten. Markus Vosteen antwortet auf die Kritik von Christoph Rinne.

The ditch between the worlds of the Living and the Dead
The third round in the discussion about the boundary between the realms of the Living and the Dead, the Profane and the Sacred. Markus Vosteen replies to his critic Christoph Rinne.

 

Der Besprechung urgeschichtlicher Religiosität haftet immer der Ruch des Spekulativen an, was zur Folge hat, dass jegliche Äußerungen zu diesem Thema förmlich zu Diskussionen einladen. Mit Interesse habe ich daher Christoph Rinnes Erwiderung auf meinen kleinen Beitrag verfolgt und möchte hiermit meinerseits die Erörterung in Form einer direkten Meinungsäußerung fortführen.

Vor allem ein Aspekt ist mir bei der Argumentation Rinnes nicht klargeworden: Er führt den Begriff der „Seele“ in die Diskussion ein. Das, was wir heutige Menschen unter einer „Seele“ verstehen, ist ein in langer Zeit erwachsenes Konzept mit einer starken philosophisch-theologischen Bedeutung, die nicht ohne weiteres auf prähistorische Zeiten zu übertragen ist. Das hat Rinne richtig erkannt. Weiterhin haben wir keinerlei Anhaltspunkte dafür, wie und in welcher Form sich der Glauben an ein Weiterleben nach dem Tode in prähistorischen Gesellschaften manifestierte. Alleine aus diesem Grunde ist bei der Verwendung und Übertragung heutiger Begrifflichkeiten auf damalige Weltansichten höchste Vorsicht geboten.

Rinne argumentiert damit, dass die Ausstattung der jungsteinzeitlichen Toten des Mittelelbe-Saale-Gebietes die Vorstellung eines „lebenden Leichnams“ nahe legt und beruft sich dabei u. a. auf „eine ethnologische Untersuchung“. Dabei ist eminent wichtig, dass der „lebende Leichnam“ in fast allen Ethnien seinen Platz nicht mehr in der diesseitigen Welt inne hat, sondern in einer anderen, speziellen Welt, sozusagen auf einer anderen Ebene. Sämtliche Begräbnisriten haben die Funktion, den Übergang des Verstorbenen in seine neue Daseinsform in dieser jenseitigen Welt zu gewährleisten, so auch die Leichenverbrennung, die durchaus ein eigenständiger Bestandteil etwa der van Gennep‘schen „Rites des passages“ sein kann. Dem von Rinne genannten Begriff der „Totenfurcht“ kommt hierbei insoweit Bedeutung zu, als dass bei Nichtbeachtung der jeweiligen Regeln der Übergang des Toten nicht gewährleistet werden kann und dieser als in der hiesigen Welt verbleibend gedacht wird. Dieser „Fremdkörper“ stellt eine Störung des Gleichgewichts zwischen den verschiedenen Welten dar, die als schädigender Einfluss für die Lebenden gesehen werden kann. Zum Wiedergänger wird man nun jedoch nicht nur durch eine fehlerhaftes oder fehlendes Totenritual, sondern, je nach Glauben, auch durch unmoralischen Lebenswandel oder durch andere Verfehlungen zu Lebzeiten.

Die von Rinne angeführten Methoden des Verhinderns von Wiedergängern zeigen nun, dass sich die jungsteinzeitlichen Menschen ihre Wiedergänger nicht zwingend in Form von „Geistern“ vorstellten, sondern anscheinend auch die Möglichkeit einräumten, dass tatsächlich der Leichnam selbst wieder aufstand. Dies steht im Wiederspruch zu der „Seelenvorstellung“, die Rinne in der Jungsteinzeit sucht und belegt eher die Vorstellung einer Körperhaftigkeit der Toten. Hinzu kommt, dass die Frage zu klären ist, zu welchem Zeitpunkt die Fesselungen oder die Entnahme einzelner Körperteile bei des Wiedergängertums verdächtigen Toten vorgenommen wurden. Die Reise in das Totenreich braucht bei so gut wie allen Ethnien eine gewisse Zeit, und erst wenn diese Zeit vergangen ist, stellt sich heraus, ob sie erfolgreich war. Das nachträgliche Öffnen von Gräbern und Manipulieren von Leichen zum Verhindern des Wiedergehens kann ebenso eine gängige Praktik gewesen sein. Und auch dies spräche gegen eine Seelenvorstellung.

Rinne argumentiert in Folge damit, dass es weitere Indizien dafür gäbe, von Seelenvorstellungen auszugehen: zum einen die schon angeführte Totenverbrennung zum Lösen der Seele, zum anderen die „Seelenlöcher“ und andere Eingänge bei manchen Megalithgräbern, die er als eine Möglichkeit für die Seele interpretiert, den sterblichen Rest des Körpers und das Grab zu verlassen. Aus religionsphänomenologischer Sicht stellt sich dieser Vorgang allerdings ganz anders dar: Der Verstorbene muss die diesseitige Welt verlassen und in das Jenseits eingehen. Dazu bedarf es eines Ortes, an dem dieser Übergang möglich ist. Dieser Ort, an dem die Grenze zwischen den Welten als durchlässig angesehen wird, ist die Grabanlage selbst. Hier, an diesem Ort, und zwar nur hier, ist der Übergang möglich. Die Durchlässigkeit der Grenzen im Grab stellt hingegen für die Lebenden eine nicht zu unterschätzende Quelle der Gefahren dar. Zum einen kann der unbedachte Sterbliche, der sich hier aufhält, in das Totenreich gelangen (die Toten stören) und zum anderen können von hier aus Tote in die Welt der Sterblichen geraten. Um dies zu verhindern, muss um den Bereich des Übergangs eine spirituelle Grenze gezogen werden, die sowohl für die Lebenden als auch für die Toten undurchdringlich ist. Das stellt allerdings ein Problem dar, wenn die Grabanlage nicht nur für ein Individuum gebaut wurde, sondern als Übergangsbereich für die Toten einer mehrköpfigen Gemeinschaft gedacht ist. In solchen Fällen wurde die Anlage mit einem besonderen Eingangsbereich versehen, einer Art Schleuse, die von entsprechend geweihten Personen ohne Gefahr betreten werden konnte. Die abgeschlossene Form der Grabkammern könnte insofern eher als sichtbar gemachte Grenze interpretiert werden, die ein unbefugtes Eindringen in das oder aus dem Totenreich und damit die Störung des Gleichgewichts verhindern sollte. Das „Seelenloch“ dient bei dieser Sicht der Dinge nicht dem Entfleuchen der Seele, sondern als unter bestimmten Bedingungen ungefährlicher Zugang in den Bereich des Übergangs, um weiteren Toten die Grablege und damit eben diesen Übergang erst zu ermöglichen. Als rein profane Möglichkeit der Beschickung von Gräbern darf dieser Zugang nicht gesehen werden, sondern als ein unter bestimmten sakralen Voraussetzungen zu benutzender Bestandteil des Totenrituals.

Die Analogien, auf der diese Deutungen beruhen, sind hauptsächlich dem naturvolklichen Bereich entnommen. Ein Vorgehen, und da hat Rinne Recht, das mannigfaltige Gefahren birgt. Aber genau dieselben Gefahren sehe ich auch, wenn er als Analogon die in den Schriften Homers (und anderer) angeführten Seelenvorstellungen benutzt. Die griechische Kultur befand sich räumlich an einer Schnittstelle zwischen Orient und Okzident und unterlag sicherlich anderen prägenden Einflüssen, als die Kulturen der Jungsteinzeit in Mitteleuropa. Eine Übertragung dieser speziellen Vorstellungen erscheint mir weniger statthaft als die Übertragung der religionsphänomenologischen Interpretation, die ich oben kurz umrissen habe. Die von mir genannte Interpretation stellt zudem ein Ergebnis dar, das aus der Betrachtung vieler einzelner Ethnien entstanden ist und versucht, den kleinsten gemeinsamen Nenner aus diesen Untersuchungen zu benennen. Hier wurden sozusagen „Grundkonstanten“ aufgestellt, die in ihren speziellen Formen in einzelnen Gesellschaften durchaus unterschiedliche Ausprägungen im Glauben und im täglichen Leben gehabt haben können. Und Rinnes „vorsokratische“ Seelenvorstellung erscheint mir eher eine solche individuelle Ausformung des Glaubens an ein Leben nach dem Tode zu sein – womit, wie schon gesagt, eine Übertragung dieser Einzelvorstellung auf die Jungsteinzeit eigentlich nicht statthaft ist.

Woran nun die Bauern der Jungsteinzeit genau geglaubt haben, werden wir beide nicht mit Sicherheit benennen können. Allerdings liege ich nach meinem Dafürhalten nicht falsch damit, Baustrukturen mit umfassendem Charakter als sichtbar gemachte Grenze zwischen verschiedenen Ebenen der damaligen Realität zu bezeichnen. Sei es nun im Falle von Gräbern, oder eben im Falle der jungsteinzeitlichen Erdwerke: Die Gräben sind da.

 

Für die entsprechenden Literaturangaben siehe:

Vosteen, Markus:
Urgeschichtliche Wagen in Mitteleuropa – eine archäologische und religionswissenschaftliche Untersuchung neolithischer bis hallstattzeitlicher Befunde. Freiburger archäologische Studien 3. Rahden/Westfalen 1999.

Rinne, Christoph:
Vom Leben mit dem Tod - Ein Graben zwischen Diesseits und Jenseits?
In: www.jungsteinsite.de - Artikel vom 27. Juni 2000

Vosteen, Markus:
"Der umhegte Raum" – eine theoretische Überlegung zu einer nicht nur jungsteinzeitlichen Erscheinung.
In: www.jungsteinsite.de - Artikel vom 16. Mai 2000

 

 © Markus Vosteen 2001

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