Anmerkungen zu Klaus Albrecht -
"Die Stele von Wellen: Mondkalender - Mondsymbolik?"
www.jungsteinsite.de - Artikel vom Artikel vom 16. Mai 2000

 Jürgen Hamel

 

In einem Online-Artikel hat Klaus Albrecht die sehr regelmäßige Ornamentik der Stele von Wellen (Schwalm-Eder-Kreis, Hessen) als Reflexion neolithischer Mondbeobachtung,  Kalender oder Mondsymbolik,  gedeutet - eine sicher nicht unumstrittene These. Hier nun eine kritische Stellungnahme von archäoastronomischer Seite.

 

Reply to Klaus Albrecht - "The Wellen stele: moon calendar - moon symbolism?"
In his online-article on the Wellen stele near Kassel (Hesse) Klaus Albrecht proposed an interpretation as a lunar calendar or - more generally - as a reflection of accurate Neolithic moon observations. Here now a reply from a strictly archaeo-astronomical point of view, in which the calendar hypothesis is rejected because of poor agreement between pattern of decoration and moon phases.

 

Es wäre ein Fehler, die Naturkenntnisse der Menschen des Neolithikums zu unterschätzen, doch ist Vorsicht bei jeder Interpretation angebracht, da wir auf Symbole und Zeichen angewiesen sind, deren Sinn wir von vorn herein überhaupt nicht kennen. Als Beleg dafür, daß ich nicht zu dieser Unterschätzung neige, möchte ich auf das erste Kapitel meiner "Geschichte der Astronomie" (Basel 1998) verweisen. Zum anderen, ist es durch eine Vielfalt archäologischer Funde und deren Interpretation zweifelsfrei bekannt, daß die Menschen schon des Neolithikums Kenntnisse vom Gestirnslauf besaßen, die sie mit ihren Vorstellungen von Naturgottheiten, von Leben und Tod verbanden. 

Eine Interpretation muß zuerst von der Annahme der Einheit der Gedankenwelt der Menschen ausgehen; sie muß außerdem ihre Bedürfnisse und Möglichkeiten auf der Grundlage ihrer materiellen Lebensbedingungen berücksichtigen. Weiterhin müssen natürlich die astronomischen Sachverhalte streng beachtet werden - vorbehaltlich möglicher Umdeutungen im Zuge ihrer Verbindung mit adäquaten Denkweisen der Menschen vergangener Zeiten.

Astronomische Grundlagen zum Mondlauf: Der Mondzyklus ist mit etwa 29,5 Tagen nur scheinbar wohlgeordnet. Betrachtet man den Wechsel der Phänomene, wird die Sache sogar etwas schwierig. Gehen wir vom Zeitpunkt des Vollmondes aus, nimmt der Mond langsam ab, nähert sich der Sonne und wird unsichtbar, a) wegen der immer schmaler werdenden Sichelgestalt, b) wegen der fortschreitenden Annäherung an die Sonne. Etwa 1 bis 2 Tage vor dem eigentlichen Neumonddatum wird der Mond wegen a) und b) unsichtbar.

Der tatsächliche Zeitpunkt des Neumonddatums ist nicht einfach zu bestimmen. Die schmale Neulichtsichel kann frühestens 1 bis 2 Tage nach dem Neumond kurz nach Sonnenuntergang am Abendhimmel gesehen werden. Die Sichel muß a) eine gewisse Dicke haben, b) sich ein gewisses Maß von der Sonne entfernt haben. D.h. die Neumondphase selbst ist eine völlige "Abstraktion", da der Mond zu dieser Zeit eben nicht gesehen werden kann. Im Unterschied zum Neumond ist die Vollmondphase ein auffälliges, gut beobachtbares Phänomen, dessen Eintritt für einen geübten Beobachter (ein solcher darf hier vorausgesetzt werden) mit einem Fehler von etwa 6-10 Stunden feststellbar ist.

Es ergeben sich nun folgende Zählmöglichkeiten der Mondphasen:

Vergleich: Mondphasen und Ornamentik auf dem Wellener Stein

Abb. 1: Mondphasen - Varianten 1 (A) und 2 (B) der Zählmöglichkeiten (s. Text). Zum Vergleich ist unter C der von K. Albrecht (1999, Abb. 4) rekonstruierte Ornamentlauf der Wellener Stele schematisch dargestellt.

Fig. 1: The moon phases - two possible counting methods (A, B; as referred to in the text) and the pattern of decoration of the Wellen stele (C; according to K. Albrecht).

© Jürgen Hamel

 

Variante 1: Zählbeginn mit Vollmond (Abb. 1 A):
Der Vollmondtag wird als Ausgangspunkt der Zählung und als besonderer Tag im Phasenablauf graphisch hervorgehoben; ca. 12 Tage danach ist der abnehmende Mond sichtbar, bis er für etwa 3 Tage unsichtbar wird (Neumond). Will man nur 2 Tage für den unsichtbaren Mond ansetzen, ändert sich am Prinzip der Darstellung grundsätzlich nichts. In jedem Fall muß die Zunahme und die Abnahme annähernd symmetrisch um den (abstrakten) Neumond liegen. Eine noch bessere Symmetrie würde sich bei einer angenommenen Mondphasenlänge von 30 Tagen ergeben.

Variante 2: Beginn mit Neumond (Abb. 1 B):
Es mag eingewendet werden, daß im Rahmen eines mythischen Weltbildes der Zählbeginn mit dem Neulicht, dem "wiedergeborenen Mond", wahrscheinlicher ist. Dann würde sich folgendes Bild ergeben (Abb.1 B): Begonnen habe ich mit dem Mondalter 2 Tage, d.h. der schmalen, gerade sichtbaren Mondsichel. Der 13. oder 14. Tag nach der ersten Sichtbarkeit des wiedergeborenen Mondes wäre der Vollmond, der aber keinesfalls mit 2 Tagen dargestellt werden darf (13. oder 14. Tag bedeutet hier in Abhängigkeit, wie rasch der Mond nach dem Neumond als schmale Sichel gesehen wurde). Gleich ob man mit 29 oder 30 Tagen rechnet, kann sich niemals ein Zeitabstand von 11 Tagen ergeben wie bei Albrecht; auch dann nicht, wenn man den Vollmond mit 2 Tagen zählen würde, was jedoch ohnehin unzulässig ist.

Auf einen Abstand von 11 Tagen zwischen Vollmond und Neumond kommt man nur unter folgenden Voraussetzungen: Vollmond am 15. und 16. Tag, das geht astronomisch nicht; Neumond am 29. Tag und 30. Tag (Mond nur 2 Tage unsichtbar), was als zu wenig erscheint.

 Auf jeden Fall ist es unzulässig, wie es Albrecht tut, den Zählbeginn beim astronomischen Neumond zu setzen, einem völligen Abstraktum, gewissermaßen bei der "0". Für Menschen dieser Kulturstufe kommt ein Zählbeginn nur bei etwas konkret Sichtbarem infrage (sei es die Neulichtsichel oder der Vollmond). So setzt auch die Darstellung auf dem Stein eindeutig mit etwas "Vorhandenem" ein, der ersten Zickzackreihe, die von den folgenden nicht unterschieden wurde. Das kann ohne Zweifel nur der erste Tag der Sichtbarkeit des Mondes (Neulicht) sein. Ein Tag des unsichtbaren Mondes hätte als singuläres Ereignis ("Mondtod"?) niemals in gleicher Weise wie ein Tag des sichtbaren Mondes dargestellt werden können. Wenn überhaupt, könnte sich der unsichtbare Mond nur in der Doppellinie am Ende verbergen. Aber: für den unsichtbaren Mond sind 2 Tage eigentlich zuwenig und die darauf gegründete Numerik stimmt mit dem Phasenablauf ohnehin nicht überein.

Als problematisch für die Deutung des Steins als Mondkalender muß weiterhin angeführt werden, daß es insgesamt im archäologischen Material der infrage kommenden Zeit keine erkennbare Bevorzugung der Zahlen 29 oder 30 gibt. Eine völlig einzigartige Stellung der Stele von Wellen, die dann die Konsequenz wäre, außerhalb aller weiteren archäologischen Befunde, wäre doch aber sehr unwahrscheinlich.

Äußerst fragwürdig erscheint die Kombination des 29-Musters der Zeilen mit dem 12-Muster der Spalten als angenommene Konkordanz zwischen Mond- und Sonnenlauf. Im Mittel differiert die Länge von 12 Mondphasenwechseln mit 354 Tagen gegenüber dem Sonnenlauf um etwa 11 Tage. In nur 3 Jahren verschieben sich beide um die Zeitspanne eines Mondphasenwechsels (vgl. den heutigen islamischen Kalender). Die gar nicht so gute Übereinstimmung zwischen beiden Größen erscheint uns erst aus viel späterer Sichtweise als naheliegend, da wir sie alltäglich in unserem Kalender praktizieren. Sie resultiert aus dem, einem hohen Abstraktionsgrad angehörenden Streben, jahreszeitlich orientierte Feste der Götterverehrung einerseits innerhalb eines Monats zu plazieren, aber auch an den Jahreslauf zu binden (z.B. Erntefeste, Sonnenwendfeste). Kalendarisch wird es dann erforderlich, etwa 11 Schalttage als 13. Monat in das Jahr einzufügen, womit die Bindung der Monate an den Mondphasenablauf aufgegeben werden muß. Die Sonne als Kalendergestirn setzt sich somit endgültig gegenüber dem Mond durch.

Zusammenfassend möchte ich feststellen, daß sowohl unter strenger Berücksichtigung der Ornamentik als auch der astronomischen Gegebenheiten eine Deutung der Stele von Wellen als Mondkalender als sehr unwahrscheinlich erscheint.

 

© Jürgen Hamel 2000

Dr. Jürgen Hamel
Staatliche Museen Kassel -
Museum für Astronomie und Technikgeschichte
Postfach 410420
D-34066 Kassel

 

 

  Startseite / Home

  Seitenanfang

  Artikel Klaus Albrecht