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Neolithische Steingeräte (Projektile,
Steinbeile und -äxte) aus dem mittleren Teutoburger Wald (Nordwestdeutschland)
www.jungsteinsite.de - Artikel vom 16. Mai
2000
Cajus Diedrich
Die Nutzung der siedlungsungünstigen
Mittelgebirgsregionen in neolithischer Zeit dokumentiert sich im wesentlichen
durch das Verbreitungsbild von Steingeräten. Die folgende Studie widmet sich
der Region des mittleren Teutoburger Waldes nordwestlich von Bielefeld, in der
sich anhand von Pfeilbewehrungen sowie Äxten und Beilen eine Begehung seit der
Rössener Kultur nachweisen läßt.
Neolithic flint and stone artefacts from the
central Teutoburg Forest region (Northwest Germany)
Stone Age artefacts of the central Teutoburg Forest offer the
possibility of tracing activities of the Neolithic and Early Bronze Age period in
a mountainous region not well suited for early farming. Different types of
arrowheads and axes correspondingly prove the utilization of forest resources
starting with the Rössen Culture (c. 4800 BC) and continuing through
Michelsberg, TRB Westgroup, Beaker Cultures and the Early Nordic Bronze Age.

1. Einleitung
2.Projektile
3. Steinbeile und -äxte
4. Diskussion
1. Einleitung
Bisher fehlen aktuelle Grabungen im Teutoburger Wald zur
Erforschung der Steinzeitkulturen dieser Mittelgebirgs-Zone, insbesondere zu
Siedlungsstrukturen und zum Bestattungswesen, so daß zunächst eine Aufnahme
und erste Auswertung der Oberflächenfunde erfolgt. Hierbei wird vorwiegend
artefakttypologisch gearbeitet. Anhand von Projektilen sowie Steinbeil- und
Axtfunden lassen sich im mittleren Teutoburger Wald mehrere aufeinanderfolgende
Kulturen vom Neolithikum bis in die Bronzezeit belegen und ein erster Abriß der
neolithischen Siedlungsdynamik rekonstruieren. Bei den vorliegenden
Fundkomplexen handelt es sich vorwiegend um Mischkomplexe des Postglazials
zwischen Borgholzhausen und Bielefeld (Abb. 1). Früheste Funde der
endpaläolithischen Stielspitzengruppen fanden sich in Borgholzhausen/Nollheide,
Künsebeck und Brackwede/Blömkeberg vermischt mit dominierenden mesolithischen,
aber auch den hier beschriebenen neolithischen bis frühbronzezeitlichen
Inventaren. Diese drei Fundplätze umfassen gleichzeitig auch das umfangreichste
lithische Material mit mehreren tausend Artefakten. Alle anderen in dieser
Arbeit aufgeführten Fundstellen lieferten deutlich weniger Steinartefakte.
Keramikfunde bzw. -scherben aus dem Neolithikum treten äußerst selten auf.
Das hier beschriebene Material stammt aus der Sammlung des
Westfälischen Museums für Archäologie Münster (ehem. Sammlung Adrian), des
Historischen Museums Bielefeld (ehem. Sammlungen Junkermann und Adrian), der
Privatsammlung H.-D. Zutz und der Sammlung des Autors (Aufbewahrung im
ErdZeitCenter Borgholzhausen).

Abb. 1: Lage steinzeitlicher Fundstellen (Mittel-,
Endpaläo-, Meso- und Neolithikum) und geologische
Situation im mittleren Teutoburger Wald zwischen Borgholzhausen und Bielefeld.
Fig. 1: Geological map of the area under study with location of Palaeolithic,
Mesolithic and Neolithic finds.
© Cajus Diedrich
2. Projektile
Einer der ältesten vorgeschichtlichen Projektilfunde aus dem
mittleren Teutoburger Wald geht auf das Jahr 1922 zurück. Es war S. Junkermann,
der erste Projektile vom Blömkeberg aus dem Bielefelder Raum 1922 abbildete,
aber noch nicht chronologisch einordnen konnte. Auch H. Dieckmann bildete 1931
Pfeilspitzen in einem Werk über steinzeitliche Fundplätze im Teutoburger Wald
ab. Seitdem wurden die wenigen vorliegenden Stücke von W. Adrian, H.-D. Zutz
und dem Autor aufgesammelt. Adrian bildete einige Stücke in seinem
Artefakt-Katalog 1948 ab, wies sie aber ebenfalls keiner Kultur zu. Viele der
vorliegenden Exemplare zeigen typische Ausbrüche der Spitze, die beim Aufschlag
entstehen (vgl. Cornelissen 1988). Anscheinend handelt es sich hier oftmals um
abgeschossene Projektile. An einigen Stücken sind die Frakturen jedoch
jüngeren Datums, was aufgrund unterschiedlicher Patinierungen gefolgert werden
kann.
2.1 Rohmaterial
Alle Projektile sind aus nordischem Flint hergestellt, der in
verschiedenen Varietäten vorliegt. Er stammt ursprünglich aus den
saalezeitlichen Grundmoränen (Adrian/Büchner 1981, 1984), die nördlich und
südlich des Teutoburger Waldes oberflächig zugänglich sind. Die Farben der
oberkreidezeitlichen Silices sind sehr variabel und reichen von grau,
schwarzbraun, hellbraun bis weiß. Je nach Einlagerung von Fremdpartikeln ist
der Flint durchsichtig bis dicht. Eine rohmaterialspezifische Nutzung in den
unterschiedlichen Epochen kann nicht beobachtet werden. Nur an zwei Fundplätzen
im Raum Bielefeld wurde mit sehr wenigen Klingen und Abschlägen paläozoischer
Lydit nachgewiesen, der höchstwahrscheinlich neolithisch importiert wurde und
aus dem nördlichen Sauerland stammt.
2.2 Patinierung
Die Projektile sind unterschiedlich patiniert. Die
Patinierungsstärke ist abhängig vom Bodentyp und damit vom ph-Wert
(basisch/sauer; Rottländer 1976, 1980, 1984) und kann an verschiedenen
Fundplätzen erstmals zur Unterstützung der Relativchronologie eingesetzt
werden. Die stärkere Patinierung wird durch die Lichtbrechung bzw. die
entwässerte Schicht des Artefaktes hervorgerufen (Rottländer 1984). Hierzu ist
durch den Verfasser eine Studie zur Patinierung der Silices des endpaläo- bis
neolithischen Mischkomplexes Künsebeck in Arbeit.
Auf den sandigen Böden (Podsol, Parabraunerde) der
saaleeiszeitlichen Sanderflächen und Dünengelände (vgl. Klassen 1984) am
Südhang des Teutoburger Waldes ist die Patinierung sehr gut
relativchronologisch nutzbar. Je länger ein Ionenaustausch zwischen Silex und
Boden stattfinden konnte, desto stärker ist die Patinierung. Entsprechend sind
die jüngsten Projektile der Frühbronzezeit und des End- und Jungneolithikums
durch den Verlust der im Kristallgitter eingelagerten Wassermoleküle meist
glanz-, selten auch schwach hellblau patiniert. Die mittelneolithischen
Pfeilspitzen sind stärker von hellblau über weißblau bis weiß patiniert.
Stark entwässerte Artefakte mit einer weißbraunen Patina kommen im
Spätmesolithikum vor. Charakteristisch ist die dendritische Einlagerung von Fe-
und Mn-Ionen in die Oberfläche der teilweise völlig entwässerten Stücke. Auf
karbonatischen Böden, insbesondere Braunerden und Rendzinen der nördlichen
Höhenzüge des Teutoburger Waldes, die sich auf den Schichten des Unteren
Muschelkalkes (Klassen 1984) gebildet haben, ist die Patinierung stärker. Dies
wurde durch den stärkeren ph-Unterschied zwischen saurem Silex und sehr
basischem Bodentyp hervorgerufen. Auch auf diesem Bodentyp ist eine noch genauer
zu analysierende Relativchronologie der Silexartefakte innerhalb eines
Fundkomplexes möglich.
Vergleiche zwischen Fundkomplexen auf unterschiedlichen
Bodentypen lassen dagegen keine chronologischen Schlüsse zu, da auf einem
basischen Bodentyp die Patinierung sehr viel schneller und stärker abläuft als
auf sauren sandigen Böden. Damit ist die Patinierung für eine
Relativchronologie zwischen Fundkomplexen auf den Podsolen/Parabraunerden des
Südhanges (saaleeiszeitliche Sander) und auch zwischen den Braunerden/Rendzinen-Bodenfundplätzen
(Unterer Muschelkalk) der Nordketten möglich. Parallelisiert werden kann der
Patinierungsgrad zwischen diesen unterschiedlichen Bereichen aus den oben
genannten Gründen jedoch nicht. Ein Pfeilspitzenfund mit zwei verschiedenen
Patinierungsbereichen illustriert zusätzlich die relativchronologische
Datierung. Die langschmale, ungleichschenklig, dreieckige, neolithische
Pfeilspitze (Abb. 3,10) ist primär hellblau patiniert. Der Rest einer
weißbraunen Patinierung belegt eindeutig die Modifizierung eines ursprünglich
spätmesolithischen Artefaktes.
2.3 Projektilformen
In Künsebeck treten sieben verschiedene neolithische und
frühbronzezeitliche Projektiltypen auf, die im folgenden beschrieben und
diskutiert werden:
Geflügelt langschmale Pfeilspitze
Die geflügelt langschmale Pfeilspitze ist flächig in Drucktechnik
beidseitig wechselseitig retuschiert (Abb. 2,6-7). Die Basis ist stark konkav
herausgearbeitet. Die Gesamtlänge beträgt ca. 3 cm, die basale Breite bis zu
1,2 cm.
Material: Es liegen zwei Exemplare aus Borgholzhausen/Nollheide und Amshauen
vor, davon eines craqueliert und stark zerstört. Das vollständige Stück ist
glanz- bis leicht hellblau auf dem Sandboden des Südhanges patiniert.
Zeitstellung: Die langschmalen geflügelten Formen stammen aus dem
Soegel-Horizont der frühen nordischen Bronzezeit und wurden in Gräbern
angetroffen (vgl. Schrickel 1966, Nahrendorf 1989). Hügelgräber aus dieser
Zeit sind im mittleren Teutoburger Wald bekannt, bisher jedoch kaum untersucht
(z.B. Bérenger 1989, 1995).
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Abb. 2:
Flintpfeilspitzen
und -schneiden.
1-5 geflügelt gestielte Pfeilspitze (Einzelgrabkultur)
6-7 geflügelt langschmale Pfeilspitze (frühe Bronzezeit)
8-14 geflügelte kurzbreite Pfeilspitze (Einzelgrabkultur)
15-40 Pfeilschneide (Trichterbecherkultur)
41-49 kleine dreieckige, gleichschenklige Pfeilspitze (Rössener Kultur)
Detailangaben zu den Funden
Fig. 2: Neolithic and Early Bronze Age (6-7) flint
arrowheads.
1-5, 8-14 Single Grave Culture
15-40 TRB (Funnel Beaker) Culture
41-49 Rössen Culture
© Cajus Diedrich |
Geflügelt kurzbreite Pfeilspitze
Auch diese Projektile wurden immer beidseitig flächig drucktechnisch
angefertigt (Abb. 2,8-14). Die Basis ist wiederum konkav, die Schenkel leicht
konvex gearbeitet. Die maximale Höhe beträgt 2,5 cm, die kleinste 1,2 cm. Die
maximale Breite liegt bei 1,6 cm, die geringste bei 0,9 cm. Der Umriß variiert
von schlankeren bis zu gedrungenen Formen.
Material: Sieben Exemplare liegen von den Fundstellen Wichlinghausen,
Künsebeck, Amshausen und Brackwede/Blömkeberg vor, fast alle mit
ausgebrochener Spitze. Sie sind nur leicht glanz- bis hellblau auf den
Sandböden des Südhanges und den Lößböden des Nordhöhenzuges patiniert.
Zeitstellung: Die kurzbreiten geflügelten Pfeilspitzen sind
becherzeitlich (vgl. Hajek 1966, Schrickel 1966, Fiedler 1979, Nahrendorf 1989,
Jockenhövel/Herrmann 1990).
Geflügelt gestielte Pfeilspitze
Der geflügelt gestielte Typ ist in Drucktechnik beidseitig flächig
retuschiert (Abb. 2,1-5) und in allen Fällen auf den Sandböden des Südhanges
glanzpatiniert. Der Umriß variiert leicht. Die Schenkel können gerade bis
konvex gearbeitet sein.
Material: Fünf meist unvollständige Stücke aus
Borgholzhausen/Nollheide und Wichlinghausen. Nur eine der fünf vorliegenden
Pfeilspitzen ist craqueliert (Abb. 2,1).
Zeitstellung: Dieser Projektiltyp kann nach Vergleichen mit Grabfunden
eindeutig den Becherkulturen zugeschrieben werden (vgl. Knöll 1959, Hajek 1966,
Schrickel 1966, Fiedler 1979, Nahrendorf 1989, Jockenhövel/Herrmann 1990,
Wienkämper 1991, Hahn 1993, Raetzel-Fabian 2000). Die Pfeilspitze Abb. 2,1
könnte nach den Abbildungen von Hahn (1993) eventuell noch zu den gestielten
Pfeilspitzen gerechnet werden, die der Schnurkeramik zugerechnet werden. Sie
besitzt aber schon deutlich Flügel. Die anderen vier abgebildeten Projektile
sind gestielt geflügelte Pfeilspitzen höchstwahrscheinlich der
Glockenbecher-Kultur. Solche Projektiltypen finden sich aber bis in die späte
Bronzezeit hinein (vgl. z.B. Jockenhövel/Herrmann 1990).
Pfeilschneiden
Pfeilschneiden sind in ihrer charakteristischen Ausprägung immer höher als
breit. Querschneider sind hingegen breiter als hoch und meist mesolithischen
Ursprunges. Die Pfeilschneiden sind häufig aus einem Abschlag und nicht, wie
die Querschneider, aus einer Klinge hergestellt. Die überwiegend
wechselseitige, oft unregelmäßige abrupte Retusche kann an ein, zwei oder drei
Kanten angebracht sein. Die Schneidepartie ist immer breiter, selten genauso
breit wie die Basis.
Material: 26 Pfeilschneiden von zahlreichen Fundplätzen (vgl. Abb.
2,15-40) meist mit frischen oder alten Ausbrüchen. Diese Projektilformen sind
in glanz- bis hellblau auf den Sandböden des Südhanges patiniert. Ein
Einzelfund auf den Lößböden des Nordhanges ist weißblau patiniert.
Zeitstellung: Nach den zahlreichen Funden aus den Kollektivgräbern, wie
z. B. dem westlich gelegenen Megalithgrab von Lengerich/Wechte (Knöll 1983)
oder dem südöstlich auf der Paderborner Hochfläche gelegenen Megalithgräbern von
Atteln (Günther 1979, 1985, 1997) handelt es sich um ein typisches Projektil
der Trichterbecherkultur.
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Abb. 3:
Flintpfeilspitzen.
1-5 tropfenförmige Pfeilspitze (Michelsberger Kultur)
6-13 langschmale dreieckige, ungleichschenklige Pfeilspitze (neolithisch)
14-16 Pfeilspitzenfragmente (neolithisch)
Detailangaben zu den Funden
Fig. 3: Neolithic flint arrowheads.
1-5 Michelsberg Culture
6-16 Neolithic
© Cajus Diedrich |
Tropfenförmige Pfeilspitze
Diese Pfeilspitzen sind beidseitig flächig retuschiert, der Umriß ist
tropfenförmig. Teilweise sind sie nicht vollständig umlaufend retuschiert.
Material: Die fünf auf den Sanderböden des Südhanges gelegenen Funde
der Fundstellen Künsebeck und Brackwede/Blömkeberg sind weißblau bis
glanzpatiniert.
Zeitstellung: Die tropfenförmigen Pfeilspitzen sind Formen der
Michelsberger Kultur (vgl. Lüning 1967, Lichardus 1976, Willms 1982,
Jockenhövel/Herrmann 1990, Raetzel-Fabian 2000).
Kleine dreieckige, gleichschenklige Pfeilspitze
Dieser Projektiltyp ist klein, dreieckig und besitzt annähernd gleiche
Schenkellängen. Die Basis kann konvex oder gerade sein, die Schenkel sind
gerade bis leicht konkav. Sehr selten sind diese Pfeilspitzen flächig
retuschiert. Meist sind nur die Kanten in einem flachen Winkel anretuschiert.
Material: Insgesamt liegen 9 Pfeilspitzen als Oberflächenfunde vor. Sie
stammen vorwiegend vom Fundplatz Nollheide (6 Stück), Einzelfunde wurden an den
Fundstellen Theenhausen, Künsebeck und Amshausen aufgelesen. Fast alle zeigen
typische Geschossspitzenfrakturen an der ausgebrochenen Spitze. Die
Sandbodenfunde des Südhanges sind durchweg glanz- bis leicht hellblau
patiniert. Der einzelne Lößbodenfund besitzt hingegen eine stark weiße
Patina.
Zeitstellung: Dieser Projektiltyp ist typisch für die mittelneolithische
Rössener Kultur (vgl. Brandt 1967, Fischer 1976, Lichardus 1976, Fiedler 1979,
Dohrn-Ihmig 1983, Günther 1985, Jockenhövel/Herrmann 1990, Raetzel-Fabian
2000). In vielen anderen Mittelgebirgen wurden diese Pfeilbewehrungen
nachgewiesen (vgl. Brandt 1967, Jockenhövel/Herrmann 1990, Raetzel-Fabian
2000). Grabungsfunde stammen aus der Soester Boerde. Hier wurden mehrere solcher
Pfeilspitzen im Bereich eines rössenzeitlichen Hauses gefunden (Günther 1976,
Dohrn-Ihmig 1983).
Langschmale dreieckige, ungleichschenklige Pfeilspitze
Diese Pfeilspitzen sind dreieckig langgezogen geformt. Die Basis ist 1,5 -
2,5 cm breit, die Schenkel 2,6 - 3,0 cm lang und damit deutlich länger als die
Basis (Verhältnis ca. 3:2). Eine flächige Retusche kann vorhanden sein. In
einem Fall wurde ein Klingenkratzer modifiziert (Abb. 3,13).
Material: Dieser Projektiltyp ist lediglich von den drei Fundstellen
Borgholzhausen/Nollheide, Künsebeck und Brackwede/Blömkeberg am Südhang
bekannt.
Zeitstellung: Eine genaue zeitliche Einstufung dieser Pfeilspitzentypen
ist bei Lesefundkomplexen kaum möglich. Pfeilspitzen dieser Art treten sowohl
im späten Michelsberg, der Wartbergkultur, als auch in der Rössener Kultur auf
(Schwellnus 1979, Jockenhövel/Herrmann 1990, Pfeffer 1999, Raetzel-Fabian
2000). Damit ist eine genaue Datierung nicht möglich. Sehr schmale flächig
retuschierte Formen (z.B. Abb. 3,6) könnten sogar frühbronzezeitlichen Alters
sein.
3. Steinbeile und -äxte
Einer der ältesten Steinbeilfunde aus dem mittleren
Teutoburger Wald geht auf das Jahr 1890 zurück. Seitdem wurden bis 1940 die
wenigen vorliegenden Stücke von Meise, Frederking, Hartmann und Adrian
entdeckt. Einige neolithische Rechteckbeile aus "Wiehengebirgs-Lydit"
wurden bereits sedimentologisch an Dünnschliffen untersucht (Adrian/Büchner
1981, 1984).
3.1 Rohmaterial
Die zur Beilherstellung genutzten Gesteine sind teilweise
importiert. Es handelt sich bei diesen Importwaren um Amphibolithe (Vulkanite)
oder Granite (Magmatite). Die Flachbeile wurden vor Ort hergestellt oder auch
importiert. Sie bestehen selten aus einem Sandstein/Quarzit, dessen zeitliche
Herkunft ohne Dünnschliff nicht bestimmt werden kann. Die meisten Flachbeile
wurden aus dem "Wiehengebirgs-Lydit", einem Toneisenstein (nach
Adrian/Büchner 1981, 1984) gefertigt. Solche Toneisensteine aus dem Jura finden
sich unter anderem auch in den saaleeiszeitlichen Grundmoränen im Teutoburger
Wald, besonders aber zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge in der
Herforder Liasmulde (Adrian/Büchner 1984). Auffälligerweise fehlen
Feuersteinbeile.
3.2 Beilformen
Hoher durchlochter Schuhleistenkeil
Diese Großgeräte sind aus Magmatiten hergestellt und weisen eine
Vollbohrung im hinteren Drittel auf. Der Querschnitt ist rechteckig. Sie
besitzen eine Schneide und einen abgeflachten Nacken und wurden als Spaltkeile
eingesetzt (Brandt 1967).
Material: Ein hoher durchlochter Schuhleistenkeil (Abb. 4,1a-e) wurde
1922 in Werther aufgelesen und besteht aus einem grünlichen Amphibolith
(Import). Die Bohrung befindet sich im hinteren Drittel. Maße: Länge 18,4 cm,
Höhe 4,9 cm, Breite 5,6 cm, Bohrungsdurchmesser 2,4 cm.
Zeitstellung: Dieser Beiltyp ist ein typisches Werkzeug der Rössener
Kultur (vgl. Brandt 1967, Goller 1972, Fischer 1976, Lichardus 1976, Fiedler
1979, Dohrn-Ihmig 1983, Günther 1985, Jockenhövel/Herrmann 1990,
Raetzel-Fabian 2000), von der bisher jeglicher Nachweis im mittleren Teutoburger
Wald fehlte. In vielen anderen Mittelgebirgen wurden diese Geräte nachgewiesen
(vgl. Brandt 1967, Jockenhövel/Herrmann 1990, Raetzel-Fabian 2000).
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Abb. 4:
Steinbeile und -äxte.
1 hoher durchlochter Schuhleistenkeil
2 durchlochte Axt
3 Granit-Ovalbeil (1-3 Rössener Kultur)
4 Sandstein/Quarzit-Flachbeil (Trichterbecherkultur)
Detailangaben zu den Funden
Abb. 4: Neolithic axes.
1-3 Rössen Culture
4 TRB (Funnel Beaker) Culture
© Cajus Diedrich |
Donauländische Axt
Dieses ebenfalls aus Vulkaniten hergestellte geschliffene Großgerät ist
meist rundlich im Querschnitt. Die Vollbohrung sitzt zentral. Auch hier ist eine
Schneide- und eine flache Partie vorhanden.
Material: Eine durchlochte Axt aus Halle/Gartnisch (Abb. 4,2a-d). Maße:
Länge 14,5 cm, Höhe 6 cm, Breite 6,5 cm, Bohrungsdurchmesser 2,4 cm.
Zeitstellung: Auch die Donauländischen Äxte sind charakteristische
Werkzeuge der Rössener Kultur und werden ebenfalls in anderen Mittelgebirgen
Deutschlands angetroffen (vgl. Brandt 1967, Goller 1972, Lichardus 1976, Fiedler
1979, Dohrn-Ihmig 1983, Günther 1985, Jockenhövel/Herrmann 1990,
Raetzel-Fabian 2000).
Fels-Ovalbeil
Auch hier sind es Magmatite, teilweise auch andere Felsgesteine, die
bevorzugt in den Mittelgebirgszonen für diesen Beiltyp verwendet wurden. Der
Querschnitt ist oval. Die der Schneidepartie entgegengesetzte Seite ist rundlich
bis abgeflacht.
Material: Ein Fels-Ovalbeil (Abb. 4,3a-d) aus einem Granit (Magmatit) aus
Bielefeld/ Quelle. Maße: Länge 8,5 cm, Höhe 6,4 cm, Breite 4 cm. Die
Schneidepartie ist stark durch Ausbrüche beschädigt.
Zeitstellung: Fels-Ovalbeile werden der Rössener Kultur zugeordnet und
sind in der Mittelgebirgszone von Mitteleuropa weit verbreitet (Brandt 1967,
Goller 1972, Lichardus 1976, Fiedler 1979, Dohrn-Ihmig 1983, Günther 1985,
Jockenhövel/Herrmann 1990, Raetzel-Fabian 2000).
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Abb. 5:
Steinbeile.
1 Fels-Absatzbeil ( Einzelgrabkultur)
2-5 Toneisenstein-Flachbeile (Trichterbecherkultur)
Detailangaben zu den Funden
Fig. 5: Neolithic axes.
1 Single Grave Culture
2-5 TRB (Funnel Beaker) Culture
© Cajus Diedrich |
Flachbeile
Sie sind meist aus den lokal auftretenden Gesteinen gefertigt, in den
Mittelgebirgen aus Felsgesteinen, im Teutoburger Wald primär aus jurazeitlichem
Toneisenstein. Der Querschnitt ist rechteckig, der Umriß variiert von kurz (Typ
A nach Brandt 1967) bis lang rechteckig (Typ B nach Brandt 1967). Der Nacken und
die Schmalseiten sind abgeflacht.
Material: Fünf Flachbeile liegen als Einzelfunde vor (vgl. Fundorte Abb.
4,4; Abb. 5,2-5). Sie sind in einem Fall aus einem Sandstein/Quarzit, ansonsten
aus jurassischem Toneisenstein gefertigt.
Zeitstellung: Diese Beile treten im Zusammenhang mit der
Trichterbecherkultur auf und wurden in zahlreichen Megalithgräbern angetroffen
(vgl. Schrickel 1966, Brandt 1967, Schwellnus 1979, Knöll 1983, Wienkämper
1991, Raetzel-Fabian 2000). Es handelt sich um einen sehr häufigen und
variablen Beiltyp der Emsland-Gruppe im mittleren Norddeutschland (Brandt 1967).
Fels-Absatzbeil
Diese sehr großen Felsgeräte sind aus Magmatiten gefertigt und in der Mitte in
zwei deutlich abgesetzte Hälften aufgeteilt. Der vordere geschliffene Teil ist
höher als der hintere und besitzt eine Schneidepartie. Der hintere gepickte
ungeschliffene Teil ist mit einem konvexen Nacken versehen. Eine Schmalseite ist
durchgehend völlig abgeflacht, die andere hingegen konvex.
Material: Ein sehr gut erhaltenes Fels-Absatzbeil (Abb. 5,1a-e) ist 1922
von Frederking in Halle/Oldendorf aufgelesen worden. Das Gestein ist
wahrscheinlich ein Amphibolith, zumindest ein Vulkanit (Import). Maße: Länge
20 cm, Höhe 8 cm, Breite 5,8 cm, Absatz/Schneidenpartieverhältnis 1:1.
Zeitstellung: Fels-Absatzbeile datieren in die Einzelgrabkultur (speziell
Weser-Ems-Gruppe) und sind auf das Lippe-Ems-Gebiet sowie nördliche Harzvorland
beschränkt (vgl. Knöll 1959, Hajek 1966, Brandt 1967, Nahrendorf 1989).
4. Diskussion
Pfeilschneiden sind insbesondere in den beiden Fundkomplexen
Borgholzhausen/Nollheide und Künsebeck konzentriert, ansonsten handelt es sich
meist um Einzelfunde. Klein dreieckige gleichschenklige Pfeilspitzen treten
besonders am Fundplatz Borgholzhausen/Nollheide auf. Alle anderen Funde sind
Einzelfunde. In Borgholzhausen/Nollheide sind wiederum nur hier die gestielt
geflügelten Pfeilspitzen häufiger, ansonsten selten als Einzelfund in
Wichlinghausen nachgewiesen. Geflügelt breitkurze Pfeilspitzen treten mit drei
Exemplaren in Brackwede/Blömkeberg auf. Die restlichen sind verstreute
Einzelfunde, genauso wie die gesamten Steinbeil- und Axtfunde.
Am häufigsten unter den insgesamt 65 ausgewerteten Projektile
sind Pfeilschneiden (26), gefolgt von den klein dreieckigen gleichschenkligen
Pfeilspitzen (9). An dritter Stelle stehen die langschmal dreieckigen
ungleichschenkligen (8), danach die geflügelten kurzbreiten (7), die gestielt
geflügelten (5), die tropfenförmigen (5) und schließlich die seltenen
langschmal geflügelten (2) Pfeilspitzen. Drei Fragmente können nicht eindeutig
angesprochen werden. Bei den Großgeräten dominieren die Rechteckbeile (5), alle
anderen liegen als Einzelfunde vor. Das prozentuale Verhältnis der Projektile
korreliert mit dem prozentualen Auftreten der Steinbeile und den kulturellen
Zuweisungen.
Die Träger der Linearbandkeramik, erreichten bzw.
besiedelten den Teutoburger Wald nicht. Für diese Kulturgruppe
charakteristische undurchlochte Schuhleistenkeile (Brandt 1967, Kozlowski 1980,
Jockenhövel/Herrmann 1990, Raetzel-Fabian 2000) oder Projektile (vgl. z. B.
Zimmermann 1977, Kozlowski 1980, Raetzel-Fabian 2000) sind bisher nicht bekannt
bzw. lassen sich hier nicht nachweisen. Ob einige nicht genau typologisierbare
Projektile aus dem Teutoburger Wald dieser Kultur angehören könnten, muß
offen bleiben.
Die folgende Rössener Kultur hinterließ zahlreiche,
für diese Kultur typische, kleine dreieckige Pfeilspitzen in
Borgholzhausen/Nollheide und Künsebeck oder Theenhausen. Ebenso stammen aus
dieser Zeit höchstwahrscheinlich auch langschmal ungleichschenklig dreieckige
Pfeilspitzen. Hinzu kommen einige Großgeräte wie hohe durchlochte
Schuhleistenkeile, Donauländische Äxte oder Fels-Ovalbeile. Aufgrund der
fehlenden rössenzeitlichen Keramikfunde lassen sich Siedlungen nicht mit
Sicherheit belegen.
Die Michelsberger Kultur scheint mit charakteristischen
tropfenförmigen Pfeilspitzen erstmals im mittleren Teutoburger Wald nachweisbar
zu sein. Typische Großgeräte (spitznackige Beile) liegen bisher noch nicht
vor. Über die genaue Nutzung der Mittelgebirgszone durch diese Kultur kann
keine Aussage gemacht werden.
Die Trichterbecherkultur ist sehr dominant mit
zahlreichen Steingerätefunden im mittleren Teutoburger Wald belegt (vgl. Adrian
1948, 1954, 1956, Brandt 1967, Wienkämper 1991). Die typischen
Großsteingräber fehlen jedoch zwischen Lengerich und der Paderborner
Hochfläche (Knöll 1983). Charakteristische Pfeilschneiden liegen von
Borgholzhausen/Nollheide und Künsebeck sowie von Fundplätzen am gesamten
Teutoburger Wald vor. Möglicherweise stammen auch einige langschmal
ungleichschenklig dreieckige Pfeilspitzen aus dieser Zeit, die einen Einfluß
der Wartbergkultur (vgl. Raetzel-Fabian 2000) belegen würden. Die Flachbeile
dürften besonders aus der Zeit der Trichterbecherkultur stammen. Zahlreiche
Pfeilschneiden und Fels-Flachbeile lagen z. B. in den Megalithgräbern bei
Lengerich-Wechte zwischen den Bestatteten als Grabbeigaben (Knöll 1983). Da
keine Gräber zwischen Borgholzhausen und Bielefeld bekannt geworden sind,
möglicherweise auch zerstört wurden, ist eine Besiedlung dieser Region nicht
gesichert.
In der weiteren Folge sind die endneolithischen Becherkulturen
belegt. Zahlreiche geflügelte Pfeilspitzen von mehreren Fundstellen und
gestielt-geflügelte Pfeilspitzen vorwiegend von Borgholzhausen/Nollheide, aber
auch seltene Glockenbecherfunde aus Einzelgräbern in Künsebeck und
Bielefeld/Quelle (vgl. Adrian 1948, 1954) belegen das Vorhandensein dieser
Kulturen, die hier anscheinend im Dünengelände des Südhanges bestatteten. Aus
dieser Epoche stammt außerdem ein Absatzbeil und ein spitznackiges Flachbeil
aus Künsebeck. Das Absatzbeil wird nach Funden bei Jockenhövel/Herrmann (1990)
und Raetzel-Fabian (2000) der Weser-Ems-Gruppe zugerechnet.
Die jüngsten Flintprojektile (langschmal geflügelte und
gestielt-geflügelte Pfeilspitzen) im mittleren Teutoburger Wald stammen aus der
frühen Nordischen Bronzezeit und wurden ausschließlich auf Sandböden
des Südhanges (Borgholzhausen/Nollheide, Amshausen) angetroffen. Hügelgräber
gleicher Zeitstellung sind aus dem Dünengelände von Amshausen bekannt.
Insgesamt kann anhand der Auswertung der Projektil-, Beil- und
Axttypen eine weitestgehend durchgehende Besiedlung und Nutzung des Naturraumes
im mittleren Teutoburger Wald zwischen Borgholzhausen und Bielefeld während des
Neolithikums von der Rössener Kultur bis zur frühen Nordischen Bronzezeit
nachgewiesen werden, wie sie auch für andere Mittelgebirgszonen mehrfach
beschrieben wurde (z. B. Jockenhövel/Herrmann 1990).
Danksagung
Für die kritische Durchsicht der Arbeit danke ich Prof. Dr. A. Jockenhövel
(Institut für Ur- und Frühgeschichte der Westfälischen Wilhelms-Universität
Münster). Die Materialausleihe ermöglichten freundlicherweise H.-D. Zutz
(Privatsammler) und Dr. J. D. Boosen (Westfälisches Museum für Archäologie
Münster) sowie U. Schlicht M.A. (Historisches Museum Bielefeld). Herr Dr.
Glüsing (Institut für Ur- und Frühgeschichte der Westfälischen
Wilhelms-Universität Münster) gab Hinweise zu weiteren Fundstellen im
Teutoburger Wald.
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© Cajus Diedrich 2000
Dr. Cajus Diedrich, Dipl.-Geologe/Paläontologe
Alte Dorfstraße 7
D-48161 Münster
cdiedri@uni-muenster.de
http://www.geocities.com/CapeCanaveral/Lab/1654
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