Pfeilköpfe der Trichterbecherzeit - Typologie und Funktionalität
www.jungsteinsite.de - Artikel vom 27. Juni 2000

Christoph Rinne

 

Die unterschiedlichen Pfeilbewehrungssysteme der Trichterbecherkultur einerseits und der weiter südlich gelegen Kulturgruppen andererseits sind bereits mehrfach in der Forschung Gegenstand von Deutungsversuchen gewesen. Die vorliegende Analyse nähert sich dem Problem auf technologisch-metrischer Basis.

 

Arrowheads of the TRB period - typology and function
The types of arrowheads used in the Funnel Beaker Culture on the one hand (trapezoidal or transverse) and those of contemporary cultures further south (triangular arrowheads) on the other hand have been dealt with by various authors down the years. The distinct differences were ascribed to special functions (hunting, warfare) and cultural traditions (boundaries between tribes). Christoph Rinne takes a more basic point of view, examining the technological features of both types of projectiles.

 

Einleitung

Die nachfolgend sehr gerafft vorgestellten Ergebnisse gehen von der Untersuchung zweier umfangreicher Geschoßensemble aus (66 Pfeilspitzen u. Querschneider aus den jungneolithischen Kollektivgräbern Großenrode II u. Odagsen I, Ldkr. Northeim) und berühren ein allgemein bekanntes Dilemma der Typologie: Wo liegt die Grenze zwischen Typ A und B? Bei eingehender Betrachtung der Materie wird leider oft deutlich, daß archäologische Typen nicht unbedingt natürlichen Klassen entsprechen (kritisch u.a. Ihm 1978, 310ff.; Stehli/Zimmermann 1980; Winiger 1991, 82; 98). Es sei gleich vorangestellt: Typologische Aussagen werden nachfolgend nicht getroffen, sondern es werden zwei unterschiedliche, in hohem Maß funktionale Pfeil-Bogen-Systeme beschrieben.

Pfeilspitzen versus Querschneider

Für die Untersuchung wurden 2415 Geschosse von 234 Fundstellen zwischen Main und dänischer Grenze erfaßt. Ausschlaggebend für die Erfassung war der Zugang durch die Literatur. Aufgrund des unterschiedlichen Publikationsstandes konnten nicht alle Daten für die Projektile erhoben werden. Es wurden 378 Pfeilspitzen vermessen und davon 200 zusätzlich gewogen; von 741 vermessenen Querschneidern wurden 93 gewogen. Die Vermessung erfolgte durch die Erfassung der Koordinaten definierter Punkte (Abb. 1; vgl. Zimmermann 1977; Stehli/Zimmermann 1980). Die Geschosse entstammen überwiegend trichterbecherzeitlichen Befunden, es wurden jedoch auch einige endneolithische und frühbronzezeitliche Pfeilspitzen (n=33) aufgenommen, meist von Nachbestattungen in Megalithgräbern.

Meßpunkte Abb. 1: Aufnahmeschema für die metrische Erfassung anhand definierter Punkte.

Fig. 1: Points of measurement for triangular and transverse (on the extreme right) arrowheads.

© Christoph Rinne

Querschneider und Pfeilspitzen sind in der maximalen Breite erstaunlich ähnlich (Abb. 2). Als Ursache sind hier wohl funktionale Zwänge anzuführen. Erstaunlicherweise erfüllt die Verteilung der Querschneiderbreiten den Kolmogoroff-Smirnoff-Test auf Normalverteilung (K-S-Test) nicht einmal auf dem 1%-Niveau. Ursachen sind eventuell die hohe Normierung der Maße auf den Mittelwert (kurtosis: 4,4) und eine deutliche Schiefe durch einige sehr breite Ausreißer (skewness: 0,92). Da es sich um eine deutlich normierte unimodale Verteilung handelt, sollen dennoch der Mittelwert von 15,4 mm und die Standardabweichung von 3,2 mm zur Beschreibung genannt werden.

 

Mittelwert (mm)

Standardabweichung

K-S-Test

Querschneiderbreite

15,4

3,2

0,000

Querschneiderlänge

19,5

4,4

0,000

Pfeilspitzenbreite

16,3

3,8

0,125

Pfeilspitzenlänge

30,5

8,2

0,231

Abb. 2: Statistische Daten für Basismaße (mm) der Querschneider (n=741), Pfeilspitzen (n=356).

Fig. 2: Basic measures of transverse (n=741) and triangular (n=356) arrowheads (width, length).

Die maximale Geschoßlänge verhält sich ähnlich. Für die Querschneider ist eine deutliche Normierung auf den Mittelwert von 19,5 mm bei einer geringen Standardabweichung von 4,4 mm zu verzeichnen; ein K-S-Test auf Normalverteilung erreicht kein signifikantes Niveau. Für die Pfeilspitzen liegt eine Normalverteilung mit einem Mittelwert von 30,5 mm und einer Standardabweichung von 8,2 mm vor. Die Abmessungen für die Querschneider entsprechen den Daten, die an dem Fundmaterial aus der Siedlung Hüde I am Dümmer erhoben werden konnten (Stapel 1991, 51f. Abb. 9, 10. Der Fundplatz ist hier nicht aufgenommen).

Ein Vergleich der maximalen Ausdehnung in der Transversalen des ursprünglichen Halbfabrikats, also der maximalen Breite der Pfeilspitzen mit der maximalen Länge der Querschneider, zeigt deutliche Mittelwertsunterschiede. Dieser Unterschied wird durch einen t-Test nach Student als signifikant bestätigt (Signifikanz 0,000 für identische Verteilungen). Ein eindeutiger Nachweis für die Ursache dieses Unterschiedes kann nicht erfolgen. Es ist zu vermuten, daß zum einen tatsächlich breitere Klingen und Abschläge für die Herstellung von Querschneidern verwendet wurden, zum anderen könnte die Differenz von 3,2 mm auch auf einen Verlust durch die Retusche der Pfeilspitzen zurückzuführen sein. Die Daten für die Verteilungen der unterschiedlich intensiv überarbeiteten Pfeilspitzen zeigen jedoch einen nur leichten Trend in umgekehrte Richtung; flächig retuschierte Pfeilspitzen sind tendenziell breiter
(Abb. 3).

 

Mittelwert (mm)

Standardabweichung

Anzahl

Vorarbeit

16,3

3,9

8

Einseitige Kantenretusche

16,2

4,0

87

Beidseitige Kantenretusche

16,5

3,9

135

Einseitige Flächenretusche

16,6

3,4

44

Beidseitige Flächenretusche

17,5

2,8

32

Abb. 3: Mittlere Basisbreite unterschiedlich stark retuschierter Pfeilspitzen.

Fig. 3: Width of base (mean) of differently retouched triangular arrowheads.

Die Retusche der Pfeilspitzen sollte demnach nicht als Erklärung für die signifikante Differenz in der Transversalen des Halbfabrikats angeführt werden. Klingen und Abschläge für die Querschneiderproduktion könnten tatsächlich eine größere Breite besessen haben als diejenigen, aus denen Pfeilspitzen gefertigt wurden. Ob hier die Versorgung mit qualitätvollem Rohstoff eine Rolle spielt oder tatsächlich nur die funktional begrenzte Breite der angestrebten Pfeilspitze als Ursache zu sehen ist, müßte über einen Vergleich mit Klingenbreiten zu erschließen sein. In diesem Zusammenhang kann auf Daten aus dem Rheinland verwiesen werden, wo im jüngeren Neolithikum Klingen von über 20 mm Breite deutlich überwiegen und somit eine Querschneiderproduktion durchaus möglich gewesen wäre (Fiedler 1979, 76). Vergleichbare Klingenbreiten liegen auch aus dem Erdwerk von Salzkotten-Oberntudorf vor, wobei ein deutlicher Anstieg des Mittelwerts von unmodifizierten zu modifizierten Klingen zu verzeichnen ist (14,9 mm, 19,5 mm; Langenbrink 1998, 167f., Tab. 14c, d). Obwohl also Klingen zur Querschneiderproduktion zur Verfügung gestanden haben, stammen aus dem Erdwerk ausschließlich Pfeilspitzen. Somit ist festzustellen, daß ein offensichtlicher Widerspruch zwischen Rohstoffversorgung und Produktivität vorliegt. Während im norddeutschen Flachland bei guter Rohstofflage sehr effizient mehrere Projektile aus einer Klinge hergestellt wurden, entsteht südlich der Mittelgebirgsschwelle aus einem Halbfabrikat jeweils nur eine Pfeilspitze. Tatsächlich scheint es zu einfach, die Frage Querschneider versus Pfeilspitze alleine auf die Güte des Rohstoffes zu reduzieren, da die Komplexität der Bogenwaffe darüber hinaus vielfältige Erklärungsmodelle zuläßt.

Pfeilspitzen und Querschneider treten in großen und kleinen Varianten auf; das Verhältnis von maximaler Breite zu maximaler Länge zeigt jedoch nur eine sehr schwache Korrelation (Pfeilspitzen r=0,218; Querschneider r=0,251; vgl. Ihm 1978, 259f.). Vielmehr scheint die überwiegende Zahl der Objekte eine Breite von 10 bis 20 mm zu besitzen, die unabhängig von der Geschoßlänge ist. In Konsequenz hieraus ist eine Normierung der Breitenmaße an der maximalen Länge der Geschosse abzulehnen.

Ein allgemeiner Vergleich zwischen Pfeilspitzen und Querschneidern gibt weitere Hinweise auf die Gestalt der jungneolithischen Bogenwaffe. Die mittlere Stielbreite von Pfeilspitzen - der Mittelwert aus der Breite zwischen Punkt 4 und 7 sowie Punkt 5 und 6 (vgl. Abb. 1) - und die Basisbreite der Querschneider entsprechen sich mit Werten von 5 bis 10 mm auffallend (Abb. 4). Der deutliche Rückgang in der Basisbreite der Querschneider bei 11 mm weist auf einen entsprechend mittleren Pfeilschaftdurchmesser von 8, maximal jedoch 11 mm hin. Hier findet sich eine schöne Entsprechung zu einem der beiden schußbereiten Pfeile der Mumie vom Hauslabjoch in den Ötztaler Alpen, dessen Durchmesser mit 9 mm, im Spitzenbereich mit 11 mm angegeben ist (Spindler 1993, 142f.; zur Datierung Bonani et al. 1994).

Vergleich der mittleren Schaftbreite gestielter Pfeilspitzen mit der Basisbreite von Querschneidern

Abb. 4: Vergleich der mittleren Schaftbreite gestielter Pfeilspitzen (n=41) mit der Basisbreite von Querschneidern (n=741).

Fig. 4: Width of tang (triangular arrowheads, n=41) compared to width of base (transverse arrowheads, n=741).

© Christoph Rinne

Die Suche nach Grenzen

Nachfolgend soll versucht werden, einzelne Pfeilspitzentypen metrisch zu beschreiben und nach Möglichkeit gegeneinander abzugrenzen. Die Unterteilung von Pfeilspitzen anhand der Basisgestaltung in konkave, geradlinige und konvexe ist allgemeiner Konsens. Die Tiefe des Einzugs wird bei der gewählten metrischen Erfassung durch die y-Koordinate des Punktes 4 angegeben und kann an 286 Projektilen bestimmt werden. Verteilungsdiagramme von Konkavität zu maximaler Pfeilspitzenlänge oder -breite zeigen, daß keine lineare Korrelation vorliegt (Länge: r=0,03, Sig.: 0,73; Breite: r=0,11, Sig.: 0,19; vgl. Ihm 1978, 259f., 275f.), die Maße sollten also ohne Normierung auf die absolute Größe betrachtet werden.

Einzug bzw. Wölbung der Basis triangulärer Pfeilspitzen Abb. 5: Einzug bzw. Wölbung der Basis triangulärer Pfeilspitzen (n=286).

Fig. 5: Deviation values (from a straight base line; cf. fig. 1) for concave and convex bases of triangular arrowheads (n=286).

© Christoph Rinne

Ein Häufigkeitsdiagramm des Einzugs mit einer Auflösung von 0,5 mm zeigt Maxima bei -1,5, 0, 1 bis 2 und 3 mm (Abb. 5). Es fällt jedoch auf, daß im Diagramm die Werte auf 0,5 mm in 7 Fällen niedriger und nur in zwei Fällen höher als die benachbarten ganzen Mittelwerte liegen. Da bei zahlreichen Nachträgen die Koordinaten für Pfeilspitzen mit Hilfe einer Millimeterfolie erhoben wurden, scheint eine unbewußte Rundung auf ganze Werte vorzuliegen. Eine Berechnung der empirischen Dichte führt zu einer deutlichen Glättung und einem kontinuierlichen Übergang von konkaven zu konvexen Formen (s. Anmerkung). Die Begriffe konkav, gerade und konvex können demnach nur die Gestaltung der Basis beschreiben, im Gegensatz zum Fundmaterial aus der Seeufersiedlung von Twann scheint jedoch kein differenzierendes, typbildendes Maß vorzuliegen (vgl. Uerpmann 1976, 136f.). Auch der Grad der Konkavität scheint bei den untersuchten Pfeilspitzen nicht typbildend (vgl. Groemer 1995, 26). Wird der Basiseinzug getrennt nach der Lage des Bulbus betrachtet, zeigt sich, daß Pfeilspitzen mit dem Bulbus an der Basis deutlich häufiger einen Einzug von über 2 mm aufweisen (Abb. 6). Hier scheint ein Zusammenhang möglich, da eine verstärkte Retusche des Bulbus auch Material von der Basis abträgt. Eindeutig geflügelte Pfeilspitzen, wie sie im Endneolithikum und der frühen Bronzezeit auftreten, sind von diesen leicht konkaven Formen zu trennen.

Basiseinzug an Pfeilspitzen je nach Lage des Bulbus an der Basis oder der Spitze

Abb. 6: Basiseinzug an Pfeilspitzen je nach Lage des Bulbus an der Basis (n=78) oder der Spitze (n=46).

Fig. 6: Deviation values for triangular arrowhead bases (cf. fig. 5) in relation to the position of the bulb at the base or point.

© Christoph Rinne

Bei gestielten Pfeilspitzen wird bisweilen auch zwischen solchen mit Schaftzunge und -stiel unterschieden. Dies läßt sich einleuchtend mit zwei unterschiedlichen Schäftungsarten - eingezapft oder in eine Nut eingesetzt - erklären. Die Häufigkeitsverteilung der 41 bestimmbaren Schaftbreiten - Mittelwert der Abstände zwischen Punkt 4 und Punkt 7 sowie Punkt 5 und Punkt 6 (vgl. Abb. 1) - zeigt eine deutliche Normalverteilung (Mittelwert: 7,3, Standardabweichung: 1,8, K-S-Test: 0,499; vgl. Abb. 4). Für die an der maximalen Pfeilspitzenbreite normierten Stielbreiten ist die Verteilung noch stärker an einer Normalverteilung orientiert (K-S-Test: 0,988). Die Verteilung der Stielbreiten läßt demnach keine unterscheidbaren natürlichen Klassen erkennen. Der in der Abb. 4 bei 7 mm erkennbare Einschnitt ist vermutlich auf die geringe Stichprobengröße zurückzuführen.

Für die Querschneider, die in ihren Abmessungen sehr uniform wirken, soll nur das Verhältnis von Basisbreite zu Schneidenbreite betrachtet werden. Bei rechteckigen Formen sollte der Index nahe 1 liegen, bei trapezförmigen um 0,5 und bei dreieckigen nahe 0. Die Häufigkeitsverteilung des Index zeigt eine Normalverteilung mit einem Mittelwert von 0,519 und einer Standardabweichung von 0,179 (K-S Test: 0,854). Demnach sind trianguläre und rechteckige Querschneider nicht als eigenständige Typen, sondern lediglich als Extrema der trapezförmigen Querschneider zu betrachten. Dies wird durch deren weite Verbreitung im gesamten norddeutschen Flachland gestützt. Trianguläre Querschneider stammen u.a. aus Alt Duvenstedt (Hingst 1985, Taf. 4,10), Dreetz (Kirsch/Plate 1983, 17, Abb. 7,19.4), Emmeln (Schlicht 1968, Abb. 970ff.), Groß Berßen 7 (Schlicht 1972, Taf. 1), Oldendorf (Laux 1991, 31, Abb. 3,33), Ostenwalde I (Tempel 1978, 23f., Abb. 7, 8), Pevestorf (Meyer 1993, Taf. 9,C7) und Tangermünde (Preuß 1954, Taf. 27,1). Annähernd rechteckige Querschneider sind gleichermaßen verbreitet und finden sich in denselben, sehr umfangreichen Inventaren der genannten Megalithgräber und Gräberfelder.

Da bei diesen überwiegend an formalen Erscheinungsmerkmalen orientierten Typen keine eindeutigen Klassengrenzen erkennbar sind, wird das Gewicht, ein zweifelsfrei funktional bestimmtes Merkmal, noch untersucht. Da aufgrund der unruhigen Datenstruktur eine Darstellung der Rohdaten in einem Histogramm nicht angemessen erscheint, wird die empirische Dichte berechnet (vgl. Anmerkung). Die Verteilungen der Geschoßgewichte zeigen für Pfeilspitzen und Querschneider jeweils an der Untergrenze einen sehr steilen Kurvenverlauf und streuen zur rechten Seite deutlich zu den großen Werten (Abb. 7, 8).

Empirische Dichte des Pfeilspitzengewichts

Abb. 7: Empirische Dichte des Pfeilspitzengewichts (g). Normalkern, Kernweite 0,2, 100 Schritte.

Fig. 7: Weight of triangular arrowheads (empirical density).

© Christoph Rinne

 

Empirische Dichte des Querschneidergewichts

Abb. 8: Empirische Dichte des Querschneidergewichts (g). Normalkern, Kernweite 0,2, 100 Schritte.

Fig. 8: Weight of transverse arrowheads (empirical density).

© Christoph Rinne

Hierbei scheinen die Querschneider wesentlich stärker auf ein Standardgewicht normiert, da die Anzahl der Ausreißer deutlich geringer ist. Querschneider weisen mehrheitlich ein Gewicht von 0,5 bis 1,5 g auf, während die Pfeilspitzen überwiegend zwischen 0,5 und 3,8 g wiegen. Die Häufigkeitsverteilung der Pfeilspitzengewichte zeigt einen leichten Einschnitt bei 2,1 g und einen etwas deutlicher ausgeprägten bei 2,8 g. Hier deutet sich eine mögliche Trennung in unterschiedliche Gewichtsgruppen von £2, 2,1 bis 2,7, 2,8 bis 3,9 und 4 bis 5,5 g an. Es wurde vermuten, daß die großen Gewichtsgruppen überwiegend von den Pfeilspitzen gebildet werden, die über das Blatt hinaus noch zusätzliche Schäftungsvorrichtungen besitzen. Die Verteilung der Pfeilspitzentypen bestätigt dies jedoch nicht (Abb. 9), wobei die Aussage wegen der geringen Stückzahl bei den Pfeilspitzen mit Schäftungsvorrichtung relativ unsicher ist. Grundsätzlich scheint es jedoch von allen Typen leichte und schwere Ausführungen zu geben; soweit scheint das Gewicht zumindest unabhängig vom Pfeilspitzentyp. Die Bestückung von Pfeilen mit Spitzen von bis zu 7 g mag technisch möglich sein (Korfmann 1972, 34ff., 37), für die neolithischen Exemplare bietet sich jedoch an, eine Obergrenze bei maximal 5,5 g zu ziehen. Bei Querschneidern kann die Obergrenze sogar bei 2,0 g festgelegt werden.

 

bis 2 g

2,1-2,7 g

2,8-3,9 g

4-5,5 g

S

%

allg. Dreieckig

5

1

   

6

3,1

gerade Basis

28

10

14

11

63

32,6

Konkave Basis

53

11

16

6

86

44,6

Konvexe Basis

3

1

3

1

8

4,1

Rhombisch

1

     

1

0,5

Schäftungskerben

2

1

   

3

1,6

Gestielt

10

3

3

1

17

8,8

Langoval

 

2

2

1

5

2,6

Amorph

3

   

1

4

2,1

S

105

29

38

21

193

 

%

54,4

15,0

19,7

10,9

 

100

Abb. 9: Die Verteilung unterschiedlicher Pfeilspitzentypen auf unterschiedliche Gewichtsbereiche.

Fig. 9: Distribution of different arrowhead types over different weight classes.

 

Fazit

Querschneider weisen in Abmessungen und Gewicht eine hohe Normierung auf, die Folge der sehr effizienten Produktionsweise ist. Die aus dem Herstellungsprozeß heraus variabel zu gestaltende Breite weist dabei gleichzeitig eine hohe Standardisierung auf 12 bis 19 mm auf, eine maximale Breite, die sich auch bei den Pfeilspitzen wiederfindet. Bei der Breite scheinen demnach funktionale Zwänge gleichermaßen Pfeilspitzen und Querschneider zu beeinflussen (vermutlich in Zusammenhang mit der Durchschlagskraft). Die Entscheidung Querschneider versus Pfeilspitze ist nicht auf die Güte des verfügbaren Rohmaterials, bzw. die Breite der herstellbaren Klingen als Halbfabrikate für die Geschosse zu reduzieren. Vielmehr scheint hier ein grundsätzlich unterschiedliches Pfeilsystem vorzuliegen, was durch die deutlich unterschiedlichen Gewichte noch unterstrichen wird. Aus funktionaler Sicht kann an eine unterschiedliche Jagdfauna gedacht werden, wobei die Verbindung zwischen kleinen, bzw. leichten Querschneidern und kleinen Tieren als Jagdobjekte nach archäologischen Funden irrig ist (Noe-Nygaard 1974). Vielmehr töten Querschneider durch breite, stark blutende Wunden, Pfeilspitzen , eventuell zudem vergiftet, durch das tiefe Eindringen in lebenswichtige Organe (vgl. Friis-Hansen 1990, 494ff.). Wir fassen hier zwei unterschiedliche Jagdmethoden, wobei die nördliche auf eine lange Tradition aus dem Mesolithikum zurückgeht. Innerhalb der Pfeilspitzengewichte deutet sich eine leichte Gruppierung an, deren Unterschiede jedoch so minimal sind, daß in Verbindung mit Schäftungsmaterial - Bindung und Pech - kaum Signifikanz zu erwarten ist. Der allgemein verbreiteten Typenbildung anhand der Pfeilspitzenbasis kommt nur deskriptiver Charakter zu, eine klare Gliederung des Materials in natürliche Klassen ist nicht zu erkennen.

Abschließend kann nur darauf hingewiesen werden, daß einzelne, metrisch kaum faßbare Merkmale bisweilen regionale Besonderheiten zu sein scheinen. Es sind dies Pfeilspitzen mit Schäftungskerben, die in den Siedlungen der Wartbergkultur auf dem Hasenberg bei Lohne und dem Güntersberg bei Gudensberg sowie im Kollektivgrab von Großenrode II auftreten (Schwellnus 1979, Taf. 17,14; 15; 29,21; Heege 1992, 64, Taf. 11,4). Hinzu kommen Pfeilspitzen mit auffallend breiter Spitze, die neben den bereits genannten Siedlungen der Wartbergkultur auch in der Siedlung auf dem Burgerroth und im Galeriegrab Calden I auftreten (Schwellnus 1979, Taf. 17,14-16; 27,5.6; Spennemann 1984, Taf. 1,4.7; Schrickel 1966, Taf. 28,29). Von den insgesamt 10 Exemplaren stammen zwei von der Bernburger Siedlung Bornhög bei Nägelstedt (Bücke 1986, 75, Abb. 10,8.11), und weisen hier wohl auf die seit langem diskutierten Verbindungen zwischen der Bernburger Kultur und Wartbergkultur hin (Walther 1986).

 

Anmerkung:
Die Empirische Dichte wurde mit dem Programm EDF Ver. 1.0 (Okt. 1993) von Herrn Prof. Dr. Frank Siegmund (Basel) berechnet. Zur Berechnung der empirischen Dichte werden innerhalb des Wertebereiches der Beobachtungen in gleichmäßigen Abständen (Schritte) Punkte festgelegt und nachfolgend die Beobachtungswerte in einer vorab bestimmten Kernweite (Fenster) um die einzelnen Punkte betrachtet. Die Schrittweite und vor allem die Kernweite beeinflussen den Verlauf des resultierenden Polygonzuges; große Weiten führen zu einer deutlichen Glättung. Für die Beurteilung der Verteilung der Beobachtungswerte in der jeweiligen Kernweite werden unterschiedliche Gewichtsfunktionen verwendet, die ebenfalls den resultierenden Polygonzug beeinflussen (Hartung 1993, 840ff., Abb. 8). Der Polygonzug der empirischen Dichte dient, wie das Histogramm, der Visualisierung der Daten.

 

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© Christoph Rinne 2000

Dr. phil. (des.) Christoph Rinne M.A.
crinne@t-online.de

 

 

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