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Vom Leben mit dem Tod - Ein Graben zwischen
Diesseits und Jenseits?
www.jungsteinsite.de - Artikel vom 27. Juni 2000
Christoph Rinne
Lassen sich Erdwerksgräben als Grenzziehung
zwischen Heiligem und Profanem oder - expliziter - zwischen Diesseits und
Jenseits interpretieren? Oder ist die Idee eines Totenreiches, in dem die
Verstorbenen nach dem Übergang weiterleben, in dieser Form nicht mit frühen
religiösen Vorstellungen vereinbar? Der folgende Artikel untersucht diese Frage
vor dem Hintergrund vorsokratischer Seelenvorstellungen.
Living with death - a ditch between this
world and the Beyond?
Are the ditch systems of causewayed enclosures to be regarded as boundaries
between the Sacred and the Profane or between the realms of the Living and
the Dead respectively? Pre-Socratic beliefs concerning the character of the "soul"
might give helpful hints to what in Neolithic times was a commonly shared notion
of the Beyond. It is argued here, that fully developed beliefs of the soul
living on in a separate world are characteristic of later epochs.
Einleitung
Im Artikel von Markus Vosteen zur religiösen und symbolischen
Bedeutung umhegter Räume (Vosteen 2000)
bildet die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, die im Tod überschritten
wird, eine zentrale Analogie zum Erdwerksgraben. Wesentliche Punkte des Beitrags
sind die allgemeine, religionsgeschichtliche Feststellung: „... der Tod [wird]
überall in der traditionellen Welt als eine zweite Geburt, als Beginn eines
neuen, geistigen Daseins, angesehen" sowie die damit verbundene „...
Vorstellung von einem ‚Land der Toten’ ...". Diese sehr allgemeine
Feststellung zu Vorstellungen vom Tod sowie dem, was den Menschen ausmacht („geistiges
Dasein" ist hier wohl als Synonym für „Seele" zu werten) und
folglich transzendiert, scheint daher für die Jungsteinzeit eine eigene
Betrachtung wert. Die nachfolgenden Überlegungen behandeln die möglichen
Vorstellungen von einer „Seele" in der Jungsteinzeit. Durch die
Verknüpfung einzelner Hinweise aus dem archäologischen Befund und deren
Deutung wird versucht eine Hypothese zur Vorstellungswelt des
jungsteinzeitlichen Menschen zu entwickeln. Eine bindende Erklärung kann und
soll sie nicht sein.
Die „Seele" in der Jungsteinzeit
Ein wesentlicher Bestandteil neolithischer Gräber ist die
Ausstattung der Toten. Hierzu zählen Beigaben zur Befriedigung
lebensnotwendiger Bedürfnisse (z. B. Speisen), des weiteren persönliche
Objekte (z.B. Bekleidung und Schmuck) und schließlich Objekte des täglichen
Gebrauchs (z.B. Pfeil und Bogen, Beil oder Axt, Spinnwirtel und
Feuersteinklingen). Diese Ausstattung der Toten mit Gegenständen des täglichen
Lebens impliziert nach Preuß eine Vorstellung vom „lebenden Leichnam"
(Preuß 1958, 207), „... der Tote wurde offensichtlich ganz konkret als
weiterexistierend empfunden ..." (Behrens 1973, 235). Sicherlich wird in
den Beigaben die Vorstellung deutlich, daß der Tod nicht das Ende des
Individuums ist. Die Mitgabe von Gegenständen, die mit der Grablege de facto
persönliches Eigentum des Toten sind (Behrens 1973, 240), läßt sich mit dem
Gedanken einer endgültigen Auflösung des Individuums nicht vereinbaren.
In der gesamten Jungsteinzeit dominiert in Mitteldeutschland
die Körperbestattung in der Form seitlicher Hocker (Fischer 1956, 212ff.).
Leichenverbrennung tritt daneben nur vereinzelt auf und wird lediglich in der
Schönfelder Kultur zum bestimmenden Grabritus (Fischer 1956, 220; Behrens 1973,
231). Da sowohl Körper- als auch Brandbestattungen mit Beigaben ausgestattet
werden, liegt in beiden Fällen eine Vorstellung vom „lebenden Leichnam"
nahe. Die weitgehend klare Trennung zwischen Körper- und Brandbestattung in der
Jungsteinzeit weist jedoch darüber hinaus auf deutliche Unterschiede hin. In
Anlehnung an eine ethnologische Untersuchung können vier Beweggründe für die
Leichenverbrennung genannt werden: 1. Totenfurcht, 2. erhöhter Grad der
Konservierung und Transportfähigkeit des Verstorbenen, 3. Auszeichnung von
sozial Höherstehenden, 4. Gründe in Verbindung mit der Vorstellung einer
Seele, welche den Körper verläßt (nach Behrens 1973, 235). Während das
zweite Argument für die Jungsteinzeit wohl eher zu vernachlässigen ist,
sollten die anderen, vorwiegend im Zusammenhang mit Gräbern des
Mittel-/Jungneolithikums, näher betrachtet werden.
Die Methoden, mit denen sich die Menschen der Jungsteinzeit
vor der Wiederkehr einzelner Toter schützen wollten sind: extreme (gefesselte)
Hockerbestattungen, das Fehlen eines Fußes und das Entfernen der Kiefer (Preuß
1958, 207f.). Hierzu ist noch die Bestattung in Bauchlage zu ergänzen, die den
„bösen" Blick abwenden und den Toten an der Rückkehr hindern soll
(Behrens 1973, 242). Es standen demnach mehrere Möglichkeiten zur Verfügung,
sich vor Wiedergängern zu schützen. Die Verbrennung des Toten scheint hier
eher zu aufwendig, um plausibel zu sein. Die Frage nach einer sozialen
Differenzierung der neolithischen Gesellschaft soll an dieser Stelle nicht
eingehend erörtert werden. Der Hinweis auf die sehr unterschiedlich
ausgestatteten Körpergräber von Dreetz, Ostorf, Pevestorf und Tangermünde
sowie der Hinweis auf den Goldring aus dem Grab von Himmelpforten mag als Beleg
für „reiche" unverbrannte Beisetzungen genügen (Kirsch/Plate 1983;
Bastian 1961; Schuldt 1961; Meyer 1993; Cassau 1936, 24ff.; Tempel 1979, 111).
Bleibt noch die von Behrens zuerst genannte Deutung der
Leichenverbrennung als Mittel, um die im Körper verborgene „Seele" zu
lösen. Das Wort „Seele" entstammt dem germanischen Sprachbereich. Seine
Bedeutung ist heute sehr vielfältig und angereichert mit Elementen aus Antike
und Christentum, Literatur, Pädagogik und Psychologie (Hasenfratz 1999, 733).
Diese Vielschichtigkeit muß für die nachfolgenden Überlegungen nicht
differenziert werden. Vielmehr scheint die unscharfe Komplexität des modernen
Sprachgebrauchs für eine Annäherung an eine nicht logos- sondern mythos-orientierte
(vorsokratische, d.h. "vorwissenschaftliche") Vorstellungswelt
angemessen.
Aufgrund der Ausstattung der Toten mit Gegenständen des
täglichen Lebens wurde bereits auf eine Vorstellung vom „Weiterleben"
des Toten geschlossen. Unabhängig von der Unfähigkeit des nun unbelebten
Körpers, Nahrung aufzunehmen oder einen Bogen zu spannen, wird er mit diesen
Objekten ausgestattet. Der Tote ist für die Hinterbliebenen demnach mehr als
ein nur unbelebter Körper. Die bisweilen praktizierte Totenverbrennung weist in
diesem Zusammenhang eventuell über den Glauben an ein „Weiterleben"
hinaus auf mögliche Vorstellungen von einer „Seele" als dem eigentlich
Weiterlebenden hin. Diese Idee von einer „Seele" als dem eigentlich
Lebenden im Körper und die Vorstellung, daß diese den Körper im Tode
verläßt, läßt sich gut mit den Eingangskonstruktionen hessischer
Galeriegräber verbinden. Hierbei handelt es sich um mächtige Steinplatten mit
einer zentralen Durchlochung von ca. 40-50 cm Durchmesser, die allgemein als „Seelenlöcher"
bezeichnet werden. Als Gegenargument ist in diesem Zusammenhang zu Recht auf die
profane Bedeutung als Zugang zum Grab für weitere Bestattungen im Kollektivgrab
hingewiesen worden (vgl. Behrens 1973, 235). Die Steinplatten mit Seelenloch
weisen aber eine ganz eigene und sehr aufwendige Herstellung auf, die nicht
unmittelbar mit den zusammengesetzten Eingängen westfälischer Grabanlagen
verglichen werden können. Letztere sind schlichter gestaltet und können profan
als zweiteilige Türlochsteine angesprochen werden (u.a. Rimbeck, Kirchborchen I
u. II, Hohenwepel; Günther/Czarnetzki 1976, 186; Günther 1978, 231; Günther
1986, 80f., Abb. 12,13). Neben die aufwendige Herstellung der Seelenlochsteine
tritt zudem die weitreichende Verbindung zu französischen Grabanlagen mit
identischen Eingängen (Schrickel 1966, 32; 37). Die Verbreitung dieses
markanten Elements von Frankreich bis in das südliche Leinetal bei Northeim
(Heege 1992, 63) unterstreicht die besondere Bedeutung des in dieser Form
gestalteten Zugangs. Eine ausschließlich profane Deutung der Seelenlochsteine
als Eingang in eine Grabkammer scheint demnach nicht gerechtfertigt. Mit der
Vorstellung von einer „Seele", die nach dem Tod den Körper verläßt,
wird auch die sichtbare Auflösung des Leichnams in den höhlenartigen
Grabkammern, eine grausige Vorstellung aus heutiger Sicht, zum logisch
konsequenten Bestandteil der Grablege.
Welche Vorstellung die neolithischen Bauern von der „Seele"
gehabt haben, läßt sich nicht ergründen. Aufgrund ihrer Beobachtungen muß
ihnen jedoch ein Erfahrungsschatz und davon abzuleitende Erkenntnisse zu eigen
gewesen sein, die als Urelemente wissenschaftlichen (deduzierenden) Denkens und
Handelns charakterisiert werden können (Behrens 1973, 214). Hierzu zählt
sicher die Erkenntnis vom ursächlichen Zusammenhang zwischen Aussaat und Ernte,
Paarung und Geburt sowie deren Wechsel im Jahreszyklus. Hinzu tritt auch die z.
B. beim Schlachten gewonnene Erkenntnis von der Lebensnotwendigkeit des Blutes
oder die Kenntnis von Atmung und Herzschlag als Lebenszeichen. Darüber hinaus
können auch die Beobachtungen von Bewegung, Veränderung, eventuell auch
Wachstum, als Ausdruck von Leben oder dem Besitz einer Seele gewertet werden.
Analogien
In der Archäologie ist die Suche nach Analogien ein probates
Mittel, die historische Bedeutung der Funde zu erschließen. Mit zunehmender
Distanz – sowohl räumlich als auch zeitlich – verringert sich dabei der
Aussagewert (oder doch zumindest die Akzeptanz durch den Leser). Die hier
angedeutete Problematik wurde kürzlich eingehend erörtert (Krauße 1999). Die
chronologische und räumliche Distanz eines Vergleichs beispielsweise mit
frühen griechischen Texten ist beträchtlich, ein Vergleich der Grabsitte mit
Riten nordamerikanischer Indianer liegt jedoch nicht unbedingt näher (vgl.
Raddatz 1980, 64). Die im Vorangegangenen aufgezeigte Verknüpfung der Seele mit
Blut, Atem oder Bewegung begegnet in vorsokratischen Texten. So wird die
Bedeutung des Blutes als Träger des Lebens eindringlich bei Odysseus' Besuch
der Unterwelt geschildert (Odyssee 11, 95-100). Das in diesem Zusammenhang
verwendetet Wort psychè (Odyssee 11, 84, 90) bedeutet an anderer Stelle
auch Hauch oder Atem, übertragen die Seele, die den Körper durch den Mund oder
eine Wunde verläßt (Ilias 5, 696). Die Bedeutung des Wortes psychè
wird jedoch gerade im 11. Buch der Odyssee besonders komplex und vielschichtig.
Der Begriff enthält hier bereits Elemente, die erst viel später im Gebrauch
des Wortes „Seele" als „... Bezeichnung des geistigmoralischen
Wesenskerns des Menschen ..." gegen Ende der archaischen Epoche voll
realisiert werden (Dihle 1982, 13, 15 ff., 19). Auf diesen Widerspruch
begründet sich unter anderem der Zweifel an der chronologischen Einheit des 11.
Buches und der Datierung in homerische Zeit. Im Zusammenhang mit psychè
wird auch das Wort thymós verwendet, das sowohl für das Regsame,
Stürmische - für Mut und Gemüt - als auch für Blut und Herz - das Leben -
steht (Ilias 5, 670, 698; 22, 91, 98; Odyssee 11, 230). Bei der Verbrennung des
Leichnams löst sich das Leben (thymós) von den Knochen (Odyssee 11,
216-221). Die Seele führt dann in der Unterwelt ein Schattendasein, sie ist eidolon,
Schatten, Schattenbild oder Ebenbild des Toten (Odyssee 10, 495; 11, 83; 24, 14;
Ilias 23, 104). Es ist festzustellen, daß die Seelen der Toten nur ein Abbild
der Verstorbenen sind, eine der christlichen Vorstellung entsprechende Trennung
von Körper und Seele also nicht vorliegt. Die Verbindung von Luft oder dem
Hauch mit der Seele begegnet bei Anaximander (um 610 - 546 v. Chr.; Kalogerakos
1996, 62). Die Idee von der Seele als etwas Bewegungsfähigem geht auf Thales
(um 650 - um 560 v. Chr.) zurück, der aufgrund des Magnetsteins, der das Eisen
bewegt, gesagt haben soll die „Seele" sei im Universum eingemischt, die
Welt daher voll von Göttern (Kalogerakos 1996, 49f.; Kirk/Raven/Schofield
1994, 104ff.). An dieser Stelle wird auch die Grenze zwischen Mythologie und
Philosophie (im Sinne wissenschaftlicher Analyse) deutlich, die mit einem
zunehmend objektiven, empirischen Denken verbunden wird (vom mythos zum logos;
Geyer 1995, 16 f.; Kirk/Raven/Schofield 1994, 8ff.).
Fazit
Diese vorsokratischen Äußerungen zur „Seele" zeigen,
in welchen Dimensionen sich die Vorstellungen von einem körperlosen
Lebensprinzips, die durch die Beobachtung der Umwelt erworben wurden, bei den
jungsteinzeitlichen Bauern bewegt haben könnten. Als Ausdrucksmittel dieser
Vorstellungen sind sicherlich mythische Erzählungen und ein an Symbolen
orientiertes Denken zu vermuten. Im Neolithikum das ausgeformte Bild einer
körperlosen bzw. transzendenten Seele zu erwarten, scheint damit sehr
unwahrscheinlich, da dies nach jüngsten Untersuchungen auch in der Vorsokratik
noch nicht vorstellbar ist (Kalogerakos 1996, 17).
Damit ist aber, um zum Schluß erneut auf den eingangs
zitierte Aufsatz von M. Vosteen zurückzukommen, die Frage erlaubt, ob der Tod
tatsächlich als Grenze zu einem „Land der Toten", vergleichbar einem
Graben, aufgefaßt wurde. Wohl als Fazit formuliert M. Vosteen am Ende „...
vielmehr können beide Nutzungen, profane wie sakrale, im damaligen Denken zwei
Aspekte ein und derselben Angelegenheit gewesen sein". Der eingangs als
Grenze ausgehobene Graben ist mit dieser abschließenden Aussage wohl wieder
weitgehend verfüllt.
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Vosteen, Markus:
"Der umhegte Raum" – eine theoretische Überlegung zu einer nicht
nur jungsteinzeitlichen Erscheinung.
In: www.jungsteinsite.de - Artikel vom 16. Mai
2000
© Christoph Rinne 2000
Dr. phil. (des.) Christoph Rinne M.A.
crinne@t-online.de
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