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Ein Spätmichelsberg-Komplex in Ostwestfalen:
Der Gaulskopf bei Warburg-Ossendorf
www.jungsteinsite.de - Artikel vom 14. November 1999
Ingo Pfeffer
Noch bis vor wenigen Jahren lag der
Übergang von Michelsberg zur Wartbergkultur in Nordhessen und Ostwestfalen
völlig im Dunkeln. Eine Kernfrage - die Entstehung der Megalithik in der
Mittelgebirgsregion - entzog sich damit weitgehend der Erforschung. Erste
Informationen zu dieser Zeit des Überganges lieferte das Calden-Projekt; nun
könnte mit einem Spät-Michelsberg-Komplex aus Ostwestfalen ein echtes
"missing link" vorliegen.
A Late Michelsberg complex from the
Gaulskopf near Warburg-Ossendorf
The transition from Michelsberg to the
Wartberg culture can be described as a "dark age" in the Neolithic
cultural development of northern Hesse and eastern Westphalia. What happened
between 3700 and 3400 BC, what are the roots of Wartberg and the closely related
gallery graves? The Calden project provided first hints but now a new complex from the
Gaulskopf near Warburg (North Rhine-Westphalia) with middle and late Michelsberg material
seems to be a long
awaited typological "missing link", dated between 3700 - 3500 / 3400
BC.

Einleitung
Der bei Warburg-Ossendorf (Kr. Höxter) südlich der Diemel und am Rand der
Warburger Börde gelegene Gaulskopf (Abb. 1-2) birgt
neben der heute noch gut erkennbaren frühmittelalterlichen Befestigungsanlage auch weitaus ältere Funde, die schon bei den Grabungen an den
frühmittelalterlichen Zangentoren 1967 erkannt und als jungsteinzeitlich
eingestuft wurden (Best 1997; Doms 1986). Die wieder aufgenommenen Grabungen von
1990 bis 1995 im Innenbereich der Anlage ergaben neben den
frühmittelalterlichen erneut viele vorgeschichtliche Funde und Befunde, die zur Zeit
vom Autor bearbeitet und ausgewertet werden.
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Abb. 1:
Lage des
Fundortes. Entfernung in Meilen.
Fig. 2: Location of the Gaulskopf site near
Ossendorf.
© Microsoft www.expediamaps.com |
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Abb. 2:
Der Gaulskopf von
Westen (Bildhintergrund).
Fig. 2: The Gaulskopf. View from the west.
© Ingo Pfeffer |
Der Großteil der weit über zehntausend vorgeschichtlichen
Fundstücke wurde überwiegend aus der Humusschicht geborgen und kann in einen
fortgeschrittenen Abschnitt des Neolithikums datiert werden. Nach derzeitigem Bearbeitungsstand
gehört der Hauptanteil der Keramikscherben in die Zeit der Michelsberger
Kultur. Als jungneolithisch lassen sich weiterhin einige Abfallgruben
ansprechen (Abb. 3). Bei den Funden handelt sich vor allem um Keramik und
Feuersteingeräte bzw. um Abfallprodukte aus der Herstellung von Flintgeräten,
doch kommen auch Knochengeräte vor.
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Abb. 3:
Abfallgrube der
Michelsberger Kultur.
Fig. 3: Refuse pit of the Michelsberg
culture.
© Westfälisches Museum für
Archäologie, Amt für Bodendenkmalpflege, Bielefeld
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Möglicherweise liegt auf dem Gaulskopf mit dem sog.
"Steinfeld" auch ein (michelsbergzeitlicher?) Bestattungsplatz vor. Allerdings
steht die Aufarbeitung dieses Materials erst am Anfang, so daß
Zeitstellung und Deutung z. Zt. nicht gesichert sind.
Funde
Zum Spektrum der Tongefäße gehören u.a. große
grobkeramische Vorratsgefäße (Abb. 4, rechts), z.T. mit Arkadenrand, aber
auch kleinere Näpfe, Schalen und Schüsseln, die teilweise gut gearbeitet und
gebrannt sind, sowie die für die Michelsberg typischen Backteller. Sie weisen
auf der Unterseite häufig Flechtmattenabdrücke auf. Aus Schnitt 29 stammt ein
fast vollständiger Tulpenbecher (Abb. 4 links). Gefäßfragmente
mit subkutanen Schnurösen gehören zu Ösenkranzflaschen.
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| Abb. 4:
Tulpenbecher (links) und flachbodiger Topf der Michelsberger Kultur. Ohne
Maßstab.
Fig. 4: Michelsberg pottery.
© Ingo Pfeffer |
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Das Flintmaterial besteht u.a.
aus Klingen, Schabern
(Abb. 5), Beilen, Bohrern und Pfeilspitzen (Abb. 6). Viele
Geräte wurden aus nordischem Geschiebe (mit der Eiszeit herantransportierter
Feuerstein) direkt am Fundort angefertigt, was die zahlreichen Abfallstücke
(Abschläge) belegen. So wurden flächendeckend retuschierte Pfeilspitzen mit
leicht eingezogener oder konvexer Basis und konvexen Seiten meist aus nordischem
Silex gefertigt, während man für die größeren Klingen wie Spitzklingen und Klingenkratzer
sowie für einige Pfeilspitzentypen westischen Feuerstein wählte,
der aus dem belgisch-niederländischen Raum importiert wurde. Damit sind für
die Zeit der Michelsberger Kultur weitreichende Handelsbeziehungen belegt.
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Abb. 5: Flintgeräte (Klingen, Schaber).
Fig. 5: Flint objects.
© Ingo Pfeffer |
Beile aus Felsgestein bzw. Silex, die leider nur in
Bruchstücken vorliegen, weisen einen ovalen Querschnitt auf. Da für die
Wartbergkultur eher Formen mit rechteckigem Querschnitt üblich sind, ist auch
die Zuweisung dieser Formen zur Michelsberger Kultur wahrscheinlich.
Erwähnt sei am Rande, daß einige der gefundenen Silexgeräte
nicht neolithisch sind und nach bisherigem Kenntnisstand teilweise in das
Jungpaläolithikum und wohl auch in das Mesolithikum datiert werden müssen.
Leider sind die Artefakte durch die neolithischen und frühmittelalterlichen
Siedlungstätigkeiten mehrfach umgelagert worden, so daß zur Zeit keine
weiteren Aussagen über die Art und Länge des Aufenthaltes in diesen Zeiten
gesagt werden kann.
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Abb. 6:
Pfeilspitzen der
Michelsberger Kultur. Ohne Maßstab.
Fig. 6: Arrowheads of the Michelsberg
culture.
© Ingo Pfeffer
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Kulturelle Zuweisung
Kulturell läßt sich ein großer Teil des keramischen Fundmaterials in
einen mittleren Abschnitt der Michelsberger Kultur stellen. Daneben existiert
jedoch eine typologische Komponente, die sich weder hier noch in die ab ca. 3500
v. Chr. in diesem Raum folgende Wartbergkultur ohne weiteres einfügen läßt.
Es handelt sich dabei u.a. um Trichterrandscherben mit tiefen Randeinstichen,
stichverzierte Umbrüche von Knickwandschalen (Abb. 7) sowie breite, spatelförmige
Impressionen. Dabei scheinen Parallelen zum späten
Michelsberg der Wetterau (Höhn 1994) sowie zur mitteldeutschen Hutberg-Gruppe
(Beran 1993) zu bestehen, doch sind weitere Vergleiche mit anderen Fundkomplexen
nötig, um die Datierung abzusichern.
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Abb. 7:
Einstichverzierte
Scherben. Ohne Maßstab.
Fig. 7: Decorated pottery.
© Ingo Pfeffer |
Die vorläufige typologische Einschätzung wird mittlerweile auch durch
zwei 14C-Daten an Tierknochen aus den Abfallgruben bestätigt, die diese
Siedlungsphase etwa in den Zeithorizont des unmittelbar benachbarten, auf dem
gegenüberliegenden Diemelufer liegenden Erdwerks von Rimbeck sowie der
nordhessischen Anlage von Calden stellen (ca. 3700 - 3500 / 3400 v. Chr.; vgl.
Raetzel-Fabian 1997; 1999). Auf
dem Gaulskopf scheint somit ein später Michelsberg-Komplex vorzuliegen, der den
Übergang der Wartbergkultur greifbarer macht, denn in ihrer älteren Phase
nimmt die Wartbergkultur die Einstichverzierung des Randes wie auch die
Trichterbecherkomponente auf bzw. führt sie weiter (Raetzel-Fabian 1997). Eindeutiges
Wartbergmaterial liegt vom Gaulskopf bisher allerdings nicht vor. Endgültige
Klarheit wird es aber erst nach Abschluß der Auswertung geben.
Spätere Aktivitäten
In das späte Neolithikum (ca. 2800 - 2000 v. Chr.) sind
bisher nur zwei kleine Scherben zu datieren, so daß für diese
Zeit nicht mit einer dauerhaften Besiedlung zu rechnen ist. Gleiches
gilt für den Übergang zur Frühbronzezeit (zwei kleine geflügelte
Pfeilspitzen) sowie für die späte Bronze- und die frühe Eisenzeit.
Leider lassen sich die metallzeitlichen grobkeramischen
Gefäßfragmente nur schwer oder überhaupt nicht von den neolithischen Scherben
trennen, so daß momentan noch nicht abgeschätzt werden kann, wieviel Material
insgesamt in diese Periode gehört. Erst im frühen Mittelalter wurde der
Gaulskopf wieder intensiv besiedelt und umwallt (Best 1997; Doms 1986). Hierbei ist jedoch zu bedenken, daß bisher nur ein Teil der
Innenfläche ergraben wurde und daß weitere Siedlungsschwerpunkte auf den
nichtergrabenen Flächen liegen können. Auch die Frage einer möglichen
Umwallung bereits in vorgeschichtlicher Zeit bleibt vorerst ungeklärt, da die in Frage
kommenden Abschnittswälle auf der Südwest-Seite noch nicht untersucht wurden.
Die bisherigen Grabungen haben also ein deutlicheres Licht auf
die Geschichte des Gaulskopfes geworfen - mit der Entdeckung des
Spät-Michelsberg-Komplexes kann die Lücke zwischen Michelsberger Kultur und Wartbergkultur
in dieser Region erhellt werden. Doch sind nach wie vor bei weitem nicht alle
Fragen geklärt. Die laufende Auswertung wird hier weitere Ergebnisse bringen.
Literatur
Beran, Jonas:
Untersuchungen zur Stellung der Salzmünder Kultur im Jungneolithikum des
Saalegebietes. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 2. Wilkau Hasslau 1993.
Best, Werner:
Die Ausgrabungen in der frühmittelalterlichen Wallburg Gaulskopf bei
Warburg-Ossendorf, Kreis Höxter. Vorbericht. Germania 75, 1997, 159-192.
Doms, Anton:
Der Gaulskopf bei Warburg-Ossendorf, Kreis Höxter. Frühe Burgen in
Westfalen 7. Münster (1986).
Höhn, Birgit:
Eine Höhensiedlung mit Erdwerk auf der Altenburg bei
Ranstadt-Dauernheim/Wetteraukreis. Zum Stand der Forschung im Jungneolithikum
Mittelhessens. In: Hans-Jürgen Beier (Hrsg.), Der Rössener Horizont in
Mitteleuropa. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 6.
Wilkau-Hasslau 1994, 109-126.
Lüning, Jens:
Die Michelsberger Kultur. Ihre Funde in zeitlicher und räumlicher
Gliederung. Berichte der Römisch-Germanischen Kommission 48, 1967.
Raetzel-Fabian, Dirk:
Absolute Chronologie. In: Klaus Günther, Die Kollektivgräber-Nekropole
Warburg I-V. Bodenaltertümer Westfalens 34. Mainz 1997, 165-178.
Raetzel-Fabian, Dirk:
Calden - Erdwerk und Galeriegräber des 4. Jahrtausends v. Chr.
In: www.jungsteinsite.de
- Artikel vom 14. November 1999.
© Ingo Pfeffer 1999
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