Ein Mauerkammergrab der Bernburger Kultur bei Remlingen (Niedersachsen)
www.jungsteinsite.de - Artikel vom 14. November 1999

Ulrich Dirks & Silke Grefen-Peters

 

1998 wurde bei Remlingen im Nordharzvorland ein Kollektivgrab der Bernburger Kultur vollständig untersucht. Dabei gelangen überraschende Detailbeobachtungen u.a. zur Konstruktion der nichtmegalithischen Anlage. Der folgende Bericht faßt die vorläufigen Grabungsergebnisse zusammen.

 

A collective burial chamber ("Mauerkammergrab") of the Bernburg Culture
at Remlingen (Lower Saxony)
The complete excavation of a Neolithic non-megalithic burial chamber, a so-called 'Mauerkammergrab', near Remlingen in 1998 provides new data on the architecture of this special collective grave type. The features offer structural details of the former tent-shaped roof and the floor, both made of oak-planks. In the western part of the chamber the skeleton of a young dog was found together with a conical cup. Disarticulated human remains, together with pots and potsherds, were uncovered in the eastern part. Remains of cattle bones in the entrance area may be interpreted as a team of oxen. The pottery shows strong cultural affinities to the Bernburg culture of Central Germany (c. 3100 - 2800 BC).

 

Von April bis Oktober 1998 fand auf dem Hohberg bei Remlingen (Kr. Wolfenbüttel, Niedersachsen; Abb. 1) die Ausgrabung eines sogenannten Mauerkammergrabes (vgl. Beier 1984, 19-25) statt. Diese aus Holz, Steinen und Erde errichteten, rund um den Harz verbreiteten (nichtmegalithischen) Grabanlagen sind eine Erscheinung des ausgehenden 4. Jht. v. Chr.

Lage des Fundortes Der Hohberg liegt am Südhang des nordwest-südöstlich streichenden Höhenzuges der Asse (bis 225 m üNN), etwa 500 m nordöstlich des Ortes Remlingen. Die Fundstelle befindet sich gut 20 m oberhalb einer Niederung. Von hier aus erstreckt sich nach Süden die Remlinger Mulde bis zum Großen Bruch, das die Grenze zum Bundesland Sachsen-Anhalt markiert. Über die Mulde hinweg ist ein freier Blick bis zum 28 km entfernten Harz möglich.

Abb. 1: Lage des Fundortes.
Entfernung in Meilen.

Fig. 1: Location of the Remlingen site.

© Microsoft www.expediamaps.com

Erste Hinweise auf menschliche Aktivitäten im Bereich dieser Fundstelle liegen seit 1981 vor. Die Beobachtungen des Remlinger Ortsheimatpflegers Norbert Koch veranlaßten im September 1997 die Bezirksarchäologie Braunschweig zu einer zweiwöchigen Sondierungsgrabung. Die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigten, daß auf dem Hohberg der Befund eines 12 m langen, annähernd ungestörten Kollektivgrabes der jungneolithischen Bernburger Kultur vorlag, dessen Substanz durch Überpflügung gefährdet war (Dirks 1998). Daher begann im April 1998 die Bezirksarchäologie in Zusammenarbeit mit dem Lehrgebiet Anthropologie der TU Braunschweig, finanziert vom Braunschweigischen Vereinigten Kloster- und Studienfonds, mit der Ausgrabungstätigkeit auf dem Hohberg.

Bereits nach dem flächendeckenden Abtrag des Pflughorizonts hoben sich die Umrisse der eingetieften, nordwest-südöstlich ausgerichteten, 12 m langen und 3,40 m breiten Anlage scharf gegen den umgebenden Lias-Ton ab (Abb. 2). Es war eine Steinpackung von etwa 60 cm Stärke zu erkennen, die die Grubenverfüllung aus rotgebranntem Lehm und Holzkohlen einzufassen schien.

Übersicht über die Grabung

Grabkammer, Westabschluß

Abb. 2: Blick von Osten auf die Remlinger Grabkammer während der Freilegung.

Fig. 2: Burial chamber during excavation - view to the west.

© Bezirksarchäologie Braunschweig

 

Abb. 3: Westabschluß der Remlinger Grabkammer mit freigelegtem Pflaster. Zu erkennen ist die streifenförmige Anordnung der Steinplatten.

Fig. 3: Western part of the chamber. Linear concentrations of stones indicate substructures for a wooden floor.

© Bezirksarchäologie Braunschweig

Die freigelegte Basis der maximal 60 cm in den Boden eingetieften Kammer zeigte ein rampenartiges Gefälle von der südöstlichen zur nordwestlichen Schmalseite. Der Boden bestand aus einer bis zu 10 cm starken, über die gesamte Grubensohle ziehenden Quarzsandplanierung. Darauf hatte man ein Plattenpflaster aus anstehenden Tonsteinen verlegt, das ein Querstreifenmuster zu bilden schien (Abb. 3). Auf dem Pflaster fanden sich die verkohlten Reste eines Holzfußbodens aus in Längsrichtung verlegten Eichenbohlen. Diese Hölzer bildeten den oberen Abschluß eines aufwendigen Bodenbaus, wie er ähnlich in dem frühbronzezeitlichen Fürstengrab von Leubingen, beobachtet wurde (Ldkr. Sömmerda, Thüringen; Höfer 1906, 10).

Rekonstruierter Querschnitt

Abb. 4: Rekonstruierter Querschnitt durch die Remlinger Grabkammer.

Fig. 4: Reconstruction of the burial chamber (cross-section). Vertically hatched: oak-planks.

© Ulrich Dirks

 

Die seitlichen Steinpackungen aus ortsfremden Kalk- und Rogensteinen setzten auf dem Plattenpflaster auf und waren stellenweise von hochkant stehenden Steinplatten eingefaßt. Steinpackung und einfassende Steinplatten wiesen eine deutliche Neigung ins Innere der Anlage auf, wodurch im Fall der Remlinger Kammer auf eine hölzerne Zeltdachkonstruktion mit einem Neigungswinkel von 55 bis 60 Grad geschlossen werden kann. Das Holzdach hatte man vermutlich mit Steinplatten und mit einer Stein-Erde-Packung überdeckt, deren Reste nun die Verfüllung der Kammer bildeten (Abb. 4).

Der älteste Bestattungshorizont über dem Steinplattenpflaster bzw. über der Holzdielung scheint bereits in prähistorischer Zeit teilweise ausgeräumt worden zu sein. Darauf verweisen durchweg kleinteilige Skelettfragmente sowie kleinere Keramikscherben im Westteil der Kammer. Das in diesem Bereich aufgedeckte Skelett eines jungen Hundes mit einer Tasse und einer Rinderunterkieferhälfte läßt sich als Deponierung im Anschluß an die Ausräumung deuten. Holzkohlen, rotgebrannter Lehm und angeglühte Steinplatten belegen ein Ausbrennen dieser Anlage durch Feuer, den sogenannten Grabbrand (vgl. Fischer 1956, 99-100).

Begrenzt auf die östliche Hälfte der Kammer fand sich über dem Steinplattenpflaster bzw. dem Holzfußboden eine Bruchsteinschotterung aus meist faustgroßen Kalk- und Rogensteinen. Dies sind die Reste eines jüngeren Bodenbelags, der eine Weiternutzung dieses Teils der Mauerkammer im Anschluß an den ersten Grabbrand belegt. Auf dem Schotterpflaster lagen die stark verbrannten Skelettreste mehrerer Individuen sowie Scherben und zwei vollständige Gefäße der Bernburger Kultur. Im anatomischen Teilverband befanden sich die Knochen eines etwa 50 Jahre alten Mannes, einer etwa gleichaltrigen Frau sowie eines einjährigen Kindes. Schädel und Langknochen waren zerbrochen und wohl durch den Einsturz der Dachkonstruktion über eine größere Fläche verstreut. Im Bereich der nordöstlichen Außenwandung der Kammer konnte außerdem eine Leichenbrandschüttung nachgewiesen werden.

Der Zugang zur Kammer erfolgte von der östlichen Schmalseite aus. Links und rechts davon lagen auf dem Steinschotterpflaster die stark verbrannten Skelettreste von Rindern, deren Schädel bzw. Unterkiefer in östliche Richtung wiesen (Abb. 5). Dieses in Mauerkammergräbern bislang einmalige Phänomen kann mit den sogenannten Rinderbestattungen der Bernburger- und der Kugelamphorenkultur in Zusammenhang gebracht werden, bei denen es sich um Zugtiergespanne gehandelt haben soll (Behrens 1964, 71; Döhle/Schlenker 1998, 14, 28). Im Zusammenhang mit Grabanlagen stehen auch die in Stein gepickten Darstellungen von Rindergespannen, wie man sie aus den jungneolithischen Steinkammergräbern von Lohne-Züschen (Schwalm-Eder-Kreis, Hessen) und Warburg I  (Ldkr. Höxter, Nordrhein-Westfalen) kennt (Kappel 1989, 16ff.; Günther 1997, 208). Somit sind die Rinderknochen in der Remlinger Grabanlage als Reste eines Gespanns - eventuell für einen Totenwagen - zu deuten.

Rinderunterkiefer in situ Abb. 5: Hinweis auf eine Rinderdoppelbestattung: Verbrannter Rinderunterkiefer mit Schädelresten. Spiegelbildlich dazu fand sich auf der anderen Seite der Remlinger Grabkammer ebenfalls der Unterkiefer eines Hausrindes.

Fig. 5: Burnt bovine mandible. The same feature was observed on the opposite side of the chamber, indication for the burial of a team of oxen.

© Bezirksarchäologie Braunschweig

Neben Rindern konnten in der Grabkammer noch Hausschwein, Schaf/Ziege sowie Nagetiere und Vögel nachgewiesen werden. Die Knochen von Schaf/Ziege, Schweinen, einem Hasen und von Vögeln sowie Fischschuppen sind als Reste von Speisebeigaben anzusehen. Dagegen nutzten Mäuse und Marder die Kammer wahrscheinlich als Unterschlupf.

Verbrannte Knochen, rot gebrannter Lehm sowie Holzkohle zeigen, daß die Kammer auch im Anschluß an die zweite Nutzung einem Grabbrand ausgesetzt war.

Anhand der vom Institut für Vor- und Frühgeschichte der Universität Köln an Holzkohleproben der Holzdielung durchgeführten 14C-Messungen läßt sich für die Grabkammer auf dem Hohberg eine Errichtung in der Zeit um 3000 v. Chr. wahrscheinlich machen. Eine Serie von AMS-Datierungen an verbranntem Knochenmaterial wird derzeit am Leibniz Labor für Altersbestimmung und Isotopenforschung der Universität Kiel durchgeführt.

 

Literatur

Behrens, Hermann:
Die neolithisch-frühmetallzeitlichen Tierskelettfunde der Alten Welt. Studien zu ihrer Wesensdeutung und historischen Problematik. Veröffentlichungen des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle 19. Berlin 1964.

Beier, Hans-Jürgen:
Die Grab- und Bestattungssitten der Walternienburger und der Bernburger Kultur. Neolithische Studien 3. Wissenschaftliche Beiträge der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 1984/30 (L 19). Halle (Saale) 1984.

Dirks, Ulrich:
Ein Haus für die Toten - Die jungsteinzeitliche Grabkammer auf dem Hohberg bei Remlingen. Archäologie in Niedersachsen 1, 1998, 41-43.

Dirks, Ulrich / Grefen-Peters, Silke:
Verborgen seit 5000 Jahren - Ausgrabung einer jungsteinzeitlichen Totenhütte bei Remlingen im Landkreis Wolfenbüttel. Wegweiser zur Vor- und Frühgeschichte Niedersachsens 21. Oldenburg 1999.

Döhle, Hans-Jürgen / Schlenker, Björn:
Ein Tiergrab der Kugelamphorenkultur von Oschersleben, Ldkr. Bördekreis. Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 80, 1998, 13-42.

Fischer, Ulrich:
Die Gräber der Steinzeit im Saalegebiet. Studien über neolithische und frühbronzezeitliche Grab- und Bestattungsformen in Sachsen-Thüringen. Vorgeschichtliche Forschungen 15. Berlin 1956.

Günther, Klaus:
Die Kollektivgräber-Nekropole Warburg I-V. Bodenaltertümer Westfalens 34. Mainz 1997.

Höfer, Paul:
Der Leubinger Grabhügel. Jahresschrift für die Vorgeschichte der sächsisch-thüringischen Länder 5, 1906, 1-99.

Kappel, Irene:
Steinkammergräber und Menhire in Nordhessen. Führer zur nordhessischen Ur- und Frühgeschichte 5. 2. überarbeitete Auflage, Kassel 1989.

Müller, Detlef W.:
Die Bernburger Kultur im Spiegel ihrer nichtmegalithischen Kollektivgräber. Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 76, 1994, 75-200.

 

© Ulrich Dirks / Silke Grefen-Peters 1999

Dr. Ulrich Dirks
Emilienstrasse 16
D-37075 Göttingen
U.Dirks@gmx.de

Dr. Silke Grefen-Peters
Lehrgebiet Anthropologie des Zoologischen Institutes der TU Braunschweig
Postfach 3329
D-38023 Braunschweig
grefenpeters@aol.com

 

 

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