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Calden - Erdwerk und Galeriegräber des 4. Jahrtausends v.
Chr.
Rekonstruktion einer rituellen Landschaft
www.jungsteinsite.de - Artikel vom 14.
November 1999
(letzte Aktualisierung 02. Februar 2001)
Dirk Raetzel-Fabian
Was ist eine „Rituelle Landschaft"? In einer eher
allgemeinen Definition eine Region, deren Charakter zu einer bestimmten Epoche
oder auch für lange Zeit von religiös motivierten Aktivitäten bestimmt wird
und die im heutigen Fundbild durch eine Häufung von entsprechenden Objekten
gekennzeichnet ist. Die wohl bekanntesten Beispiele sind die Salisbury Plain mit
Stonehenge und das Morbihan mit Carnac. Ist eine entsprechende Prägung der
Landschaft erst einmal vorhanden, können sich auch nachfolgende Generationen
häufig diesem Sog nicht entziehen. Die Untersuchungen in Calden zeigen, daß
rituelle Landschaften auch in wesentlich kleineren Dimensionen auf
mikroregionaler Basis nachweisbar sind.
Calden: reconstruction of a ritual landscape
The construction of the Calden causewayed enclosure marks the starting point for
several exclusively ritual activities in its vicinity - dating from late Michelsberg to
at least the late Hallstatt period and limited to a dry
limestone ridge, peripheral to the potential settlement areas further to the
East (stream valleys of the Calde and Esse). They are interpreted as component
parts of a ritual landscape on a micro scale, forming a mediating "belt of
ancestors" between the outer sphere in the West and the settlements of the
"living" in the East.

Eine Chronologie ritueller Aktivitäten
Die Errichtung des Caldener Erdwerks ca. im 37. Jh. v. Chr. begründet in
seinem engeren Umfeld eine lange Reihe von Aktivitäten, die ohne Ausnahme in
einer religiös-rituellen Tradition stehen. Die Befunde in chronologischer
Reihenfolge:
Neolithikum
- ca. 3700 / 3600 v. Chr.
Erdwerk: Bau und Hauptnutzungsphase A (Michelsberg
V / Baalberge)
- ca. 3500 / 3400 - 3200 v. Chr.
Erdwerk: vereinzelt nachweisbare Aktivitäten im
Grabenbereich
Galeriegrab Calden I: Konstruktion und Belegung (ältere Wartbergkultur)
- ca. 3200 - 3000 v. Chr.
Erdwerk: intensive Aktivitäten im Grabenbereich
(Hauptnutzungsphase B: ältere Wartbergkultur)
Calden II: Konstruktion und Belegung (ältere Wartbergkultur)
- ca. 3000 - 2000 v. Chr.
Erdwerk: Aktivitäten im Grabenbereich
(Hauptnutzungsphase C: ältere und jüngere Einzelgrabkultur)
Calden II: Aktivitäten der Einzelgrabkultur (Beginn der „Dekonstruktion"?)
Bronzezeit
- 1500 - 1200 v. Chr.
Calden II: Extraktion von Wandsteinen, Tieropfer
Errichtung von Hügelgräbern südlich des Erdwerks (?; undatiert)
Eisenzeit
- 800 - 500(?) v. Chr.
Erdwerk: Anlage eines Brandgräberfeldes im nördl.
und östl. Bereich des ehemaligen Grabenringes
Weitere Brandgräber(felder?) nördlich des Erdwerks
Calden II: Eisenzeitliche Aktivitäten im Grabbereich
Mittelalter
- 14. Jh. n. Chr.
Calden II: Extraktion des mächtigsten
Wandsteines, Verfüllung des entstandenen Loches durch Steinplatten des
ehemaligen Trockenmauerwerks.
Die räumliche Komponente
Bemerkenswert ist die Konzentration dieser Befunde im Bereich einer
nordsüdlich orientierten und nach Osten hin abfallenden Muschelkalkplatte, die
aufgrund ihrer Wasserarmut im Vergleich zum Umland wenig siedlungsgünstig ist.
Quellhorizonte und ständig wasserführende Bachläufe finden sich nur randlich
im Westen und Osten im Bereich geologischer Schichtgrenzen. Hier sind auch die
potentiellen Siedlungsräume zur Zeit der späten Michelsberger Kultur und der
Wartbergkultur zu suchen.
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Abb. 1:
Calden. Rekonstruiertes Nutzungsschema der Landschaft (grün: potentielle
Siedlungsgebiete; blau: rituell genutzte Areale), historische Wegführungen und hypothetische neolithische Trasse.
Fig. 1: Calden. Use of the landscape. Potential settlement areas
(green),ritual space (blue), enclosure, gallery graves, Bronze Age burial mounds, cremation
cemeteries, historic roadways and suggested Neolithic road.
© Dirk Raetzel-Fabian |
Die ausgeprägte randliche Lage, eine deutliche, westlich anschließende
Schichtstufe und der Bezug zu einem hier tangential verlaufenden
Fernverbindungsweg verleihen dieser Mikroregion ein
besonderes Gepräge. Von der erhöhter Randposition aus bietet sich - bei
heutigem Entwaldungsgrad - ein weiter Blick nach Nordosten über die
potentiellen Siedlungsgebiete des Calde- und Essetales. Die Vermutung liegt
nahe, daß die Schichtstufe zu bestimmten Zeiten eine Art Territoriumsgrenze
für die östlich gelegenen Regionen bildete. Der Muschelkalkplatte käme damit
möglicherweise die Funktion einer Grenz- und Pufferzone zwischen der Außenwelt
und den eigenen Siedlungsgebieten zu, die über Jahrtausende die bevorzugte
Sphäre der Verstorbenen und des Totenkultes bildete.
Literatur
Dirk Raetzel-Fabian:
Der umhegte Raum. Überlegungen zur Funktion monumentaler Erdwerke. In: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 81, 1999,
81-117.
Dirk Raetzel-Fabian:
Calden: Erdwerk und Bestattungsplätze des Jungneolithikums. Architektur -
Ritual - Chronologie.
Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 70. Bonn 2000.
© Dirk Raetzel-Fabian 1999
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