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Dirk Raetzel-Fabian:
Die Ergebnisse des Datierungsprojektes
Wartbergkultur - Detailbetrachtungen zur chronologischen Entwicklung im Jungneolithikum
Hessens
Vortrag auf der Tagung des Nordwestdeutschen
Altertumsverbandes in Braunschweig am 18. September 1997
Vortragsmanuskript

Einführung
Der Titel des Vortrages klingt verdächtig nach Chronologietabellen mit dem Umfang von
Bundesbahn-Fahrplänen und Fragestellungen wie: "Ist die Stufe F in Region A mit
Stufe C in Region B zu parallelisieren, oder doch eher (wenigstens zum Teil) mit Stufe
D?"
Tatsächlich fürchte ich, daß ich Ihnen die eine oder andere Tabelle in den folgenden
20 Minuten nicht ersparen kann, möchte Ihnen aber versichern, das am Ende meines
Vortrages, wenn schon keine festgefügten Ergebnisse, so doch einige hoffentlich nicht
uninteressante Fragestellungen stehen, die die Frage nach den Vorgängen bei der Ablösung
von Kulturen betreffen.
Zu Beginn einige grundsätzliche Fragen:
Sind chronologische Forschungen - insbesondere Detailforschungen im Neolithikum
überhaupt noch nötig (bzw. historisch ergiebig), oder dienen sie nur zur immer
detailreicheren Untergliederung des Fundstoffes, bis wir schließlich, wie im Fall des
Alt- und Mittelneolithikums, auf typologischem Weg Stilentwicklungen bis hin auf eine
Generation Genauigkeit glauben verfolgen zu können - mit einer Genauigkeit, die in der
Regel nicht einmal in historischer Zeit möglich ist?
Abgesehen von solch chronologischen Detailfragen: Besteht nicht über die generelle
Abfolge der Kulturen in den jeweiligen mitteleuropäischen Teilräumen dank Dendro- und
C14-Chronologie im wesentlichen Konsens? Das Bild der komplex ineinander verschachtelten
Kulturen in den mitteleuropäischen Teilräumen scheint passé - hier und da gibt es lang
bekannte kleinere Ausnahmen wie die KAK, die parallel neben anderen zeitgleichen
Kulturerscheinungen des Endneolithikums steht.
Vorbei sind die Zeiten, da - wie immerhin noch vor 20 Jahren - diskutiert wurde, ob
mittlere Linienbandkeramik und Cortaillod zu parallelisieren seien - zwei Komplexe, die
aus heutiger Sicht immerhin durch einen Zeitraum von 1200 Jahre getrennt sind. Nicht
zuletzt sind es die großen Zeiträume, die durch die lange Chronologie zur Verfügung
stehen, die das Konzept des Nacheinanders zu begünstigen scheinen, da sie schließlich in
irgendeiner Form gefüllt werden wollen.
In meinem Arbeitsgebiet Nordhessen gilt für den jüngeren Abschnitt des Neolithikums
seit der Wartberg-Monographie von Winrich Schwellnus aus dem Jahr 1979 ebenfalls die
Abfolge Michelsberg - Wartberg - Becherkulturen als gesichert. Sehr komplizierte
chronologische Vorstellungen von Waltraud Schrickel aus den 60er Jahren, die auch die
Frage der Datierung der hessisch-westfälischen Megalithik betrafen, galten damit als
überwunden.
Im Dia links sehen Sie im Überblick einen Vergleich beider Chronologieentwürfe,
daneben die heutigen Vorstellungen. Rechts die Darstellung der strikten Kulturenfolge in
der Ausstellung der Hessischen Landesmuseums in Kassel aus dem Jahr 1988. Die hohe
Akzeptanz des Schwellnus-Modells einer klaren Aufeinanderfolge (verbunden mit einer
Wartberg-Innengliederung in zwei Stufen) erklärt sich zweifellos auch aus dem Gefühl,
daß nun im hessischen Raum endlich "klare Verhältnisse" geschaffen waren. Daß
hier aber doch noch erhebliche Probleme bestanden, machten die Ergebnisse der Untersuchung
von Erdwerk und Galeriegrab II bei Calden, nördlich von Kassel, in den Jahren 1988-1992
deutlich.
In beiden Objekten - Grab II und Erdwerk - trat Keramik auf, die typologisch zweifellos
zu Wartberg gehört, sich jedoch insbesondere in den Leitformen kaum mit den bisher
bekannten Typen zur Deckung bringen ließ. Im Erdwerk sind diese Funde aber nicht mit der
Konstruktionsphase in Verbindung zu bringen, sondern repräsentieren eine spätere
Nutzungsphase. Angesichts der geographischen Nähe zu den übrigen Fundorten war eine
Deutung als lokale Sonderfazies eher unwahrscheinlich.
Nachdenklich in Bezug auf die Gültigkeit bestehender Chronologievorstellungen stimmten
auch die 1991 in der Spätmichelsbergsiedlung Dauernheim in der Wetterau gefundenen
Kragenflaschenfragmente, einer in der Michelsberger Kultur bisher unbekannten Form, die in
Wartberg aber durchaus zum keramischen Standardrepertoire gehört. War also die
Wartbergkultur in Nordhessen bereits ausgeprägt, als weiter südlich noch
Michelsberg-Siedlungen bestanden?
Um diese Unstimmigkeiten näher zu untersuchen, wurde parallel zu den Untersuchungen in
Calden ein C14-Datierungsprojekt begonnen, das neben Proben aus Calden auch Material
verschiedener Komplexe aus Hessen und den Nachbarräumen erfaßte. Parallel hierzu ließ
Klaus Günther, Bielefeld, mehrere Proben aus Bestattungsschichten von westfälischen
Galeriegräbern messen. Insgesamt stehen heute nach Abschluß des Projektes 79 neue
14C-Daten zur Verfügung, von denen 19 aber als klar erkennbare Fehlmessungen
ausgeschieden werden müssen.
Beteiligt waren angesichts der großen Probenzahl fünf 14C-Laboratorien in
Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz. Vorzug hatte dabei, wenn vorhanden,
kurzlebiges Probenmaterial wie Knochen oder verbranntes Getreide.
Neben den von vielen Kollegen zur Verfügung gestellten Proben aus aktuellen
Untersuchungen wurde mit Erfolg auch Material aus Museumsbeständen gemessen, so
beispielsweise Knochen aus der Züschen-Grabung von 1894. Selbst der kriegsbedingte
Totalverlust des Skelettmaterials aus dem Grab von Rimbeck - gegraben 1906/7 - war kein
Hindernis: Klaus Günther konnte Knochenmaterial zur Verfügung stellen, das bei einer
Nachuntersuchung des alten Grabungsaushubs zutage kam. So haben auch Nachlässigkeiten
früher Untersuchungen durchaus ihre positiven Seiten.
Die Qualität der Einzelmessungen erlaubt die Abkehr von der Kombination möglichst
vieler Datierungen zur Abschätzung der Zeitdauer einer Kultur hin zur Bewertung von
Einzelmessungen bzw. zur Kombination weniger Messungen zwecks Datierung nicht mehr von
Kulturen, sondern von Einzelkomplexen, deren relativ gesehen geschlossene Zeitstellung
typologisch nahe liegt. Wichtig für die Interpretation ist hier jedes Einzeldatum, seine
Position auf der Kalibrationskurve, sein Verhältnis zu den übrigen Daten der Serie,
Probenmaterial und die Korrespondenz mit dem assoziierten Material. Ein Beispiel:
Für das Erdwerk von Rimbeck in Ostwestfalen, bislang der Wartbergkultur zugeordnet,
liegen 4 Daten vor. Eine ältere Messung an Holzkohle mit hoher Standardabweichung (250
BP) - das große Rechteck markiert das Datierungsintervall auf der Kalibrationskurve
zwischen 3750 und 3050 BC - illustriert die weitgehende Wertlosigkeit von Messungen mit
einer Standardabweichung von mehr als 100 Jahren.
Die drei Messungen des Datierungsprogrammes an Tierknochen aus der Grabenfüllung
(Basis- und Mittelschichten) weisen Standardabweichungen zwischen 27 und 34 BP auf. Und
diese Datierungsschärfe ist auch nötig: Die drei Daten liegen immerhin noch in einem
Intervall zwischen 3700 und 3350 BC. Die Messungen schneiden übereinstimmend den steilen
Kurvenabschnitt zwischen 3700 und 3600 und streuen vor allem zum Jüngeren durch den
flachen Kurvenverlauf.
Das enge älteste Datum legt die Vermutung nahe, daß auch die jüngeren Daten den
steilen Kurvenabschnitt betreffen. Da archäologisch nichts gegen eine zeitliche Nähe
aller Proben spricht, ist damit eine Datierung der Grabenverfüllung in das 37.
Jahrhundert wahrscheinlich. Rechts auf der gleichen Grundlage eine histogrammatische
Darstellung der Einzeldaten und - unten - ihre Kombination unter der Prämisse, daß die
Proben zeitlich eng beieinander liegen. Das Vorgehen für die übrigen datierten Komplexe
ist ähnlich.
Verhältnis Michelsberg - Wartberg
Die Datierung des Erdwerks Rimbeck ist gleichzeitig auch der Ausgangspunkt eines
Überblicks über die chronologische Entwicklung der Wartbergkultur, wie sie sich nach
Abschluß des Datierungsprojektes darstellt.
So wird im 37. Jh. nicht allein diese Anlage errichtet, sondern auch das etwa gleich
große Erdwerk bei Calden. Der Umstand, daß beide Anlagen mit einer Distanz von etwa 27
km in angrenzenden Siedlungsräumen liegen, läßt auf einen gemeinsamen, beiden Erdwerken
zugrunde liegenden Impuls schließen.
Bemerkenswert ist, daß beide Anlagen - obwohl zeitlich über C14 sehr genau mit
reichen Spätmichelsberg-Komplexen in der Wetterau (wie Echzell und Dauernheim)
parallelisierbar - nicht eigentlich als Michelsberger Anlagen bezeichnet werden können.
Aus den Caldener Basisschichten stammen nur wenige Michelsberg-Fragmente und ein
Baalberger Trichterbecher, aus den 6 Probeschnitten in Rimbeck einige uncharakteristische
Trichterränder. Ebenfalls unspezifisch bleiben Scherben aus der noch weiter nördlich
gelegen Anlage von Brakel, die ebenfalls in diesen Zeitabschnitt gehört.
Wir haben damit den Fall einer geographischen und zeitlichen Grenz- bzw.
Übergangssituation: Der nordhessisch-ostwestfälische Raum wird in Spätmichelsberger Zeit
zwar von gewissen südlichen und östlichen Einflüssen erreicht, erscheint aber von der
eigentlichen Kulturentwicklung abgekoppelt.
Die Errichtung großer Erdwerke (mit Flächen etwa über 10 ha), die in dieser Form
bisher nur aus dem Beginn der Michelsberger Entwicklung belegt ist, macht indes deutlich,
daß hier dynamische Vorgänge stattfinden, die mittels unserer bewährten
Keramiktypologie nicht recht faßbar sind.
In Calden wie auch in Rimbeck - wird mit der Errichtung von Megalithgräbern und der
Wiederbenutzung der Erdwerksgräben wenig später - ich komme gleich darauf zurück - an
die besondere Funktion der Plätze angeknüpft. Ältere Michelsberger Traditionen konnten
an beiden Plätzen bemerkenswerterweise nicht festgestellt werden. Links im Dia Calden mit
dem Galeriegrab II 100 m südlich des Erdwerks; rechts Rimbeck mit dem Grab in der Mitte
der Erdwerksanlage.
Durch diese besondere Konstellation erscheint es denkbar, daß mit der Errichtung der
Erdwerke der Beginn einer neuen kulturellen Entwicklung markiert wird, die schließlich
zur Herausbildung der Wartbergkultur im eigentlichen Sinn führt.
Mit der Datierung von Calden und Rimbeck kann auch die Frage verneint werden, ob die
Kragenflaschen im Spätmichelsberg-Milieu Kontakte zu einem bereits entwickelten Wartberg
weiter nördlich belegen: Sie müssen nun als Ergebnis der Beziehungen zur zeitgleichen
frühneolithischen Trichterbecherkultur gewertet werden.
Entstehung(szeitpunkt) der Galeriegräber
Eng mit der Entstehungsfrage der Wartbergkultur verknüpft ist die Datierung der
Galeriegräber, die als bisher einzige sicher bekannte Grabform der Wartbergkultur gelten
können. Im Bild links ein schematischer Überblick über Bauart und Orientierung der
Anlagen, rechts die Rekonstruktion von Calden II.
Späte C14-Daten bereits im Zeitbereich der frühen Becherkulturen schufen hier lange
Zeit für Verwirrung bei der zeitlichen Einordnung und stützten die naheliegende
Hypothese einer Herkunft dieser Grabform aus der Ile de France, wo - neben der Bretagne -
ein deutlicher Verbreitungsschwerpunkt dieser Anlagen liegt.
Eine Reihe von Daten aus basalen Bestattungsschichten hessischer und westfälischer
Anlagen zeigt nun, daß diese Anlagen durchaus an den Beginn der Wartbergentwicklung zu
setzen sind und wir mit ihrer Errichtung spätestens ab 3400 BC rechnen können. Die
Benutzung der Anlagen erstreckt sich dann bis in die ersten Jahrhunderte des 3.
Jahrtausends. Die Daten aus dem französischen Raum sind durchweg jünger, jedoch von
schlechter Qualität, so daß eine Umkehrung der Einflußrichtung nicht statthaft ist.
Naheliegender scheint eine weitgehend gleichzeitige Herausbildung vom Atlantik bis in den
hessischen Raum, was natürlich interessante Fragen nach den zugrunde liegenden Prozessen
und Kommunikationsstrukturen aufwirft. Hier wird man das Augenmerk zukünftig auf das in
allen Regionen zugrundeliegende Chasséen-Michelsberg-Substrat richten müssen.
Bemerkenswert ist auch die Beobachtung, daß im Arbeitsgebiet bereits am Beginn der
Entwicklung sehr unterschiedliche Architekturformen nebeneinander standen, die man bisher
für das Produkt einer allmählichen Evolution im Grabbrauch gehalten hatte: So liegen
frühe Daten sowohl für relativ kurze Kammern mit axialem Zugang wie auch für über 30 m
lange Gräber mit seitlichem Zugang vor.
Ein Vergleich mit der Megalithik der Nachbarräume zeigt, daß die Galeriegräber des
Arbeitsgebietes mit den ersten Ganggräbern der Trichterbecherkultur zu parallelisieren
sind, und das die Kammerverlängerung in der Trichterbecher-Westgruppe, die in
emsländischen Kammern und den Gräbern von Wechte ihren Höhepunkt findet, zeitlich recht
späte Erscheinungen sind, die wenigstens teilweise aus dem Wartbergbereich inspiriert
wurden.
Während der Bau von Megalithgräbern im Norden noch vor der Jahrtausendwende zum
Erliegen kommt, kann in Hessen - neben der Nutzung bestehender Anlagen - die Errichtung
kleinerer Anlagen, quasi Galeriegrabderivate, beobachtet werden. Die bekannten Gräber von
Lohra, Muschenheim und Niedertiefenbach gehören in diesen Zusammenhang.
Dynamik der inneren Entwicklung
Was die keramische Entwicklung der älteren Wartbergkultur - zwischen 3400 und 3000 BC
- betrifft, so kann man die Ergebnisse des Datierungsprojektes nur als beunruhigend
bezeichnen. Die von Schwellnus als Leitformen der Gesamtentwicklung herausgestellten
keramischen Typen gehören zur Gänze in einen späten Abschnitt der Entwicklung nach
3000. Funde des älteren Abschnitts beschränken sich auf Einzelformen und wenige Scherben
in Galeriegräbern. Erst die Funde aus einer zweiten Nutzungsphase des Caldener Erdwerks
und aus Galeriegrab Calden II, die hinreichend datiert sind, ermöglichen nun eine
typologische Umschreibung.
Dies bedeutet: Wir hatten in Hessen bis vor wenigen Jahren eine nicht erkannte Lücke
von immerhin 400 - 600 Jahren in unserer regionalen Keramik-Typochronologie. Hier zeigen
sich einmal mehr die Probleme, die sich aus den langen Zeiträumen ergeben, die mit der
langen Chronologie zur Verfügung stehen und gefüllt werden wollen.
Welche keramischen Formen mit der Zeit der Errichtung der Galeriegräber verbunden
werden können, bleibt - mangels Masse - momentan noch recht unklar. Einzelne
Trichterrandgefäße mit tulpenbecherartig geschwungenen Randprofilen aus Züschen, Calden
I und Warburg IV mögen hierher gehören.
Deutlicher wird die weitere Entwicklung:
Hier stellen Vorratsgefäße mit eingezogenem Rand Standfuß und tiefer
Einstichverzierung oder Lochbuckeln die Leitformen. Typologisch gibt es momentan lediglich
zum älteren Horgen der Nordschweiz klare Bezüge, die gleichzeitig die chronologische
Position vor 3000 BC untermauern. Komplexe, die geographisch zwischen Nordhessen und der
Schweiz vermitteln könnten, etwa im Rheintal, sind bisher nicht bekannt. Die Karte dieses
Zeitabschnittes zeigt denn auch ab Mittelhessen nach Süden einen bedenklichen Mangel an
Funden.
Der Widerspruch zwischen dem Westbezug der Grabform und den typologischen Südkontakten
könnte sich abmildern, wenn man älteres Wartberg, Horgen und die französischen
Galeriegräber als regionale Ausprägungen eines noch völlig unzureichend umschriebenen
Gesamtkomplexes auffaßt, zu dem im Westen die Seine-Oise-Marne-Kultur und im Süden eben
Horgen gehört, deren nordöstliche Komponente mit den Caldener Funden aber jetzt greifbar
wird.
Östlichster Ausläufer des Wartberg-Siedlungsraumes ist in diesem Zeitabschnitt das
Mühlhäuser Becken mit zahlreichen Siedlungen, jedoch bisher ohne Galeriegräber.
Wartberg gibt hier allerdings nur ein kurzes Intermezzo, denn wenig später bricht die
Entwicklung ab zugunsten der Bernburger Kultur.
Verhältnis zu frühendneolithischen Gruppen (Kugelamphoren / frühe
Einzelgrabkultur)
Mit der jüngeren Wartbergkultur ab 3000 verkompliziert sich die Situation noch einmal.
Ursache sind zum einen Einflüsse von außen wie Kugelamphorenkeramik und das erste
Auftreten früher Einzelgrabkeramik, zum anderen die Beobachtung, daß die einzelnen
Teilräume des Arbeitsgebietes jeweils recht unterschiedliche Entwicklungen nehmen.
Geprägt wird das Bild dieses Zeitabschnittes durch die reichen Inventare der
Höhensiedlungen des Fritzlarer Raumes wie dem Hasenberg, dem Bürgel und dem
namengebenden Wartberg, die bisher als Repräsentanten der Gesamtentwicklung galten.
Aus typologischer Sicht sind die Höhensiedlungen einphasig, eine Differenzierung des
Materials im Sinne einer längeren Nutzung der Siedlungsplätze über Jahrhunderte läßt
sich typologisch nicht beobachten. Dennoch sind von Siedlung zu Siedlung, die ja nur
jeweils wenige Kilometer auseinander liegen, Unterschiede in der Zusammensetzung des
Fundgutes zu erkennen. Ob es sich hierbei um lokale Differenzierungen oder
feinchronologische Unterschiede handelt, wie Schwellnus seinerzeit vermutete, bleibt beim
heutigen Stand unklar. Die C14-Datierung stößt hier die Grenze ihrer Auflösung.
Von Schwellnus entwickelt wurde auch das räumliche Modell kleiner Siedlungsverbände
mit einer Höhensiedlung als Mittelpunkt und einem oder mehreren zugehörigen
Galeriegräbern an der Peripherie in etwa einem Kilometer Entfernung. Leider sind die
wenigsten Gräber soweit untersucht, daß sich dieses Gefüge verifizieren ließe.
Im einzig nachprüfbaren Fall, der Kombination Hasenberg - Galeriegrab Züschen, zeigt
sich jedoch, daß das Grab bereits mehrere hundert Jahre vor der Siedlung angelegt wurde.
Auch die bereits von Paul Reinecke beobachtete Orientierung des Grabes mit seiner
Längsachse auf den weiter entfernten Wartberg rechts (beide Bilder vom Züschener Grab
aufgenommen) läßt sich nicht mit der dort befindlichen Siedlung erklären - auch sie ist
wesentlich jünger. Hier zeigt sich, daß die Annahme einer sogenannten "groben
Gleichzeitigkeit", mit der wir gezwungenermaßen z.T. arbeiten, sehr schnell in die
Irre führen kann.
Das keramische Material des jüngeren Entwicklungsabschnittes zeigt Bezüge nach Süden
und Osten, wobei insbesondere die enge typologische Verwandtschaft zur Goldberg III-Gruppe
Oberschwabens mit der hessischen Datierung nach 3000 sehr gut übereinstimmt.
Wiederum kann hier der nord- und mittelhessische Raum in einen größeren kulturellen
Zusammenhang eingebunden werden, der sich über Mainfranken bis an den Bodensee erstreckt.
Auffällig sind Bezüge nach Südosten, etwa in den Bereich der Chamer Kultur. Ähnlich
wie im älteren Entwicklungsabschnitt bleibt das Rheintal eine unbekannte Größe -
entsprechende Funde bleiben hier also über einen Zeitraum von einem Jahrtausend fast
völlig aus.
Im engeren Arbeitsgebiet ist ab 3000 eine kleinräumige Differenzierung zu beobachten:
Auf die unterschiedliche Zusammensetzung der Inventare der Höhensiedlungen wurde bereits
hingewiesen, ebenso auf die Ablösung von Wartberg durch Bernburg in Westthüringen. Die
Gegenüberstellung von Karte und Chronologietabelle für die einzelnen Teilräume soll
versuchen, dies zu illustrieren.
Im Raum Calden wird die Entwicklung zur jüngeren Wartbergkultur nicht mehr vollzogen.
An ihre Stelle tritt in den Erdwerksgräben und an Grab II bereits die frühe
Einzelgrabkultur. Auch im westfälischen Raum sind Belege für die jüngere
Entwicklungsstufe selten; immerhin zeigen 14C-Daten an Skelettmaterial, daß die
Kollektivgräber weiterhin - mindestens bis 2800 - belegt werden. Ob hier die Bestattenden
weitgehend Kugelamphoren- und Becherkeramik benutzten, muß die weitere Forschung zeigen.
Im hessischen Lahntal zeigt das nach 3000 belegte und wohl auch konstruierte Grab von
Niedertiefenbach - bautypologisch ein Galeriegrabderivat - daß hier, an der Peripherie
des Wartberggebietes, ebenfalls keine spezifische Keramik mehr in das Grab gelangte.
Becherscherben im Grabraum müssen angesichts der C14-Datierung der Skelettschichten etwa
zwischen 2900 und 2700 nicht zwangsläufig als das Ergebnis von Nachbestattungen
interpretiert werden. Eher ist mit diesem Befund ein allmählicher Übergang dokumentiert,
der für einen gewissen Zeitraum die Verwendung der traditionellen Grabsitten in
Verbindung mit neuen keramischen Formen erlaubte.
Bemerkenswert in diesem Bild eines kulturellen Flickenteppichs ist abschließend auch
die durch Grabungen in den letzten Jahren erschlossene Wartberg-Exklave im Leinetal
südlich von Göttingen. Die bisherigen Funde datieren in den jüngeren
Entwicklungsabschnitt.
Schluß
Was hat sich also durch daß Datierungsprojekt geändert? Wartberg liegt immer noch
grob zwischen Michelsberg und Becherkulturen. Die Galeriegräber sind immer noch ein
Bestandteil der Wartbergkultur.
Die Probleme stecken im Detail, und hier liegen auch die zukünftigen Aufgaben der
chronologischen Forschung: Es zeigt sich, daß wenigstens im Beobachtungszeitraum
überhaupt nicht mit einer gleichförmigen kulturellen Entwicklung gerechnet werden
kann. Vor 3000 bleibt die Galeriegrabsitte - und vorerst auch die keramischen Leitformen
auf einen relativ eng begrenzten Bereich - nördliches Hessen / östliches Westfalen
begrenzt. Schon im westlichen Thüringen ist das kulturelle Paket anders geschnürt: Hier
fallen die Megalithgräber weg, an ihre Stelle treten möglicherweise Holzkonstruktionen.
Nach 3000 nimmt jeder Teilraum eine andere Entwicklung. Von "der"
Wartbergkultur kann man eigentlich nicht mehr sprechen, auch wenn der Großteil unserer
Funde in den Magazinen aus dieser Zeit stammt. Wenn wir die Caldener Befunde richtig
interpretieren, hält im Raum Kassel bereits die Einzelgrabkultur Einzug (was immer wir
uns darunter vorzustellen haben). Nur wenige Kilometer südlich liegen die
Wartberg-Höhensiedlungen. Diese Situation ähnelt dem Verhältnis von später
Trichterbecher-Westgruppe und früher Einzelgrabkultur, deren zeitliche Parallelität auch
durch einen geschlossenen Fund belegt ist.
Unter der chronologischen Lupe zeigen die ehemals großzügig definierten kulturellen
Komplexe vielfältige Asynchronitäten, Sonderentwicklungen und Brüche in ihrer
Entwicklung, denen es nachzuspüren gilt. Nicht um den Chronologietabellen die
soundsovielte neue Stufe hinzuzufügen, sondern um kleinräumig der kulturellen Dynamik
dieser Zeit auf die Spur zu kommen.
© Dirk Raetzel-Fabian (www.jungsteinsite.de - 14. November 1999)
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