Dirk Raetzel-Fabian:
Die Ergebnisse des Datierungsprojektes Wartbergkultur - Detailbetrachtungen zur chronologischen Entwicklung im Jungneolithikum Hessens
Vortrag auf der Tagung des Nordwestdeutschen Altertumsverbandes in Braunschweig am 18. September 1997

Vortragsmanuskript

Einführung

Der Titel des Vortrages klingt verdächtig nach Chronologietabellen mit dem Umfang von Bundesbahn-Fahrplänen und Fragestellungen wie: "Ist die Stufe F in Region A mit Stufe C in Region B zu parallelisieren, oder doch eher (wenigstens zum Teil) mit Stufe D?"

Tatsächlich fürchte ich, daß ich Ihnen die eine oder andere Tabelle in den folgenden 20 Minuten nicht ersparen kann, möchte Ihnen aber versichern, das am Ende meines Vortrages, wenn schon keine festgefügten Ergebnisse, so doch einige hoffentlich nicht uninteressante Fragestellungen stehen, die die Frage nach den Vorgängen bei der Ablösung von Kulturen betreffen.

Zu Beginn einige grundsätzliche Fragen:

Sind chronologische Forschungen - insbesondere Detailforschungen im Neolithikum überhaupt noch nötig (bzw. historisch ergiebig), oder dienen sie nur zur immer detailreicheren Untergliederung des Fundstoffes, bis wir schließlich, wie im Fall des Alt- und Mittelneolithikums, auf typologischem Weg Stilentwicklungen bis hin auf eine Generation Genauigkeit glauben verfolgen zu können - mit einer Genauigkeit, die in der Regel nicht einmal in historischer Zeit möglich ist?

Abgesehen von solch chronologischen Detailfragen: Besteht nicht über die generelle Abfolge der Kulturen in den jeweiligen mitteleuropäischen Teilräumen dank Dendro- und C14-Chronologie im wesentlichen Konsens? Das Bild der komplex ineinander verschachtelten Kulturen in den mitteleuropäischen Teilräumen scheint passé - hier und da gibt es lang bekannte kleinere Ausnahmen wie die KAK, die parallel neben anderen zeitgleichen Kulturerscheinungen des Endneolithikums steht.

Vorbei sind die Zeiten, da - wie immerhin noch vor 20 Jahren - diskutiert wurde, ob mittlere Linienbandkeramik und Cortaillod zu parallelisieren seien - zwei Komplexe, die aus heutiger Sicht immerhin durch einen Zeitraum von 1200 Jahre getrennt sind. Nicht zuletzt sind es die großen Zeiträume, die durch die lange Chronologie zur Verfügung stehen, die das Konzept des Nacheinanders zu begünstigen scheinen, da sie schließlich in irgendeiner Form gefüllt werden wollen.

In meinem Arbeitsgebiet Nordhessen gilt für den jüngeren Abschnitt des Neolithikums seit der Wartberg-Monographie von Winrich Schwellnus aus dem Jahr 1979 ebenfalls die Abfolge Michelsberg - Wartberg - Becherkulturen als gesichert. Sehr komplizierte chronologische Vorstellungen von Waltraud Schrickel aus den 60er Jahren, die auch die Frage der Datierung der hessisch-westfälischen Megalithik betrafen, galten damit als überwunden.

Im Dia links sehen Sie im Überblick einen Vergleich beider Chronologieentwürfe, daneben die heutigen Vorstellungen. Rechts die Darstellung der strikten Kulturenfolge in der Ausstellung der Hessischen Landesmuseums in Kassel aus dem Jahr 1988. Die hohe Akzeptanz des Schwellnus-Modells einer klaren Aufeinanderfolge (verbunden mit einer Wartberg-Innengliederung in zwei Stufen) erklärt sich zweifellos auch aus dem Gefühl, daß nun im hessischen Raum endlich "klare Verhältnisse" geschaffen waren. Daß hier aber doch noch erhebliche Probleme bestanden, machten die Ergebnisse der Untersuchung von Erdwerk und Galeriegrab II bei Calden, nördlich von Kassel, in den Jahren 1988-1992 deutlich.

In beiden Objekten - Grab II und Erdwerk - trat Keramik auf, die typologisch zweifellos zu Wartberg gehört, sich jedoch insbesondere in den Leitformen kaum mit den bisher bekannten Typen zur Deckung bringen ließ. Im Erdwerk sind diese Funde aber nicht mit der Konstruktionsphase in Verbindung zu bringen, sondern repräsentieren eine spätere Nutzungsphase. Angesichts der geographischen Nähe zu den übrigen Fundorten war eine Deutung als lokale Sonderfazies eher unwahrscheinlich.

Nachdenklich in Bezug auf die Gültigkeit bestehender Chronologievorstellungen stimmten auch die 1991 in der Spätmichelsbergsiedlung Dauernheim in der Wetterau gefundenen Kragenflaschenfragmente, einer in der Michelsberger Kultur bisher unbekannten Form, die in Wartberg aber durchaus zum keramischen Standardrepertoire gehört. War also die Wartbergkultur in Nordhessen bereits ausgeprägt, als weiter südlich noch Michelsberg-Siedlungen bestanden?

Um diese Unstimmigkeiten näher zu untersuchen, wurde parallel zu den Untersuchungen in Calden ein C14-Datierungsprojekt begonnen, das neben Proben aus Calden auch Material verschiedener Komplexe aus Hessen und den Nachbarräumen erfaßte. Parallel hierzu ließ Klaus Günther, Bielefeld, mehrere Proben aus Bestattungsschichten von westfälischen Galeriegräbern messen. Insgesamt stehen heute nach Abschluß des Projektes 79 neue 14C-Daten zur Verfügung, von denen 19 aber als klar erkennbare Fehlmessungen ausgeschieden werden müssen.

Beteiligt waren angesichts der großen Probenzahl fünf 14C-Laboratorien in Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz. Vorzug hatte dabei, wenn vorhanden, kurzlebiges Probenmaterial wie Knochen oder verbranntes Getreide.

Neben den von vielen Kollegen zur Verfügung gestellten Proben aus aktuellen Untersuchungen wurde mit Erfolg auch Material aus Museumsbeständen gemessen, so beispielsweise Knochen aus der Züschen-Grabung von 1894. Selbst der kriegsbedingte Totalverlust des Skelettmaterials aus dem Grab von Rimbeck - gegraben 1906/7 - war kein Hindernis: Klaus Günther konnte Knochenmaterial zur Verfügung stellen, das bei einer Nachuntersuchung des alten Grabungsaushubs zutage kam. So haben auch Nachlässigkeiten früher Untersuchungen durchaus ihre positiven Seiten.

Die Qualität der Einzelmessungen erlaubt die Abkehr von der Kombination möglichst vieler Datierungen zur Abschätzung der Zeitdauer einer Kultur hin zur Bewertung von Einzelmessungen bzw. zur Kombination weniger Messungen zwecks Datierung nicht mehr von Kulturen, sondern von Einzelkomplexen, deren relativ gesehen geschlossene Zeitstellung typologisch nahe liegt. Wichtig für die Interpretation ist hier jedes Einzeldatum, seine Position auf der Kalibrationskurve, sein Verhältnis zu den übrigen Daten der Serie, Probenmaterial und die Korrespondenz mit dem assoziierten Material. Ein Beispiel:

Für das Erdwerk von Rimbeck in Ostwestfalen, bislang der Wartbergkultur zugeordnet, liegen 4 Daten vor. Eine ältere Messung an Holzkohle mit hoher Standardabweichung (250 BP) - das große Rechteck markiert das Datierungsintervall auf der Kalibrationskurve zwischen 3750 und 3050 BC - illustriert die weitgehende Wertlosigkeit von Messungen mit einer Standardabweichung von mehr als 100 Jahren.

Die drei Messungen des Datierungsprogrammes an Tierknochen aus der Grabenfüllung (Basis- und Mittelschichten) weisen Standardabweichungen zwischen 27 und 34 BP auf. Und diese Datierungsschärfe ist auch nötig: Die drei Daten liegen immerhin noch in einem Intervall zwischen 3700 und 3350 BC. Die Messungen schneiden übereinstimmend den steilen Kurvenabschnitt zwischen 3700 und 3600 und streuen vor allem zum Jüngeren durch den flachen Kurvenverlauf.

Das enge älteste Datum legt die Vermutung nahe, daß auch die jüngeren Daten den steilen Kurvenabschnitt betreffen. Da archäologisch nichts gegen eine zeitliche Nähe aller Proben spricht, ist damit eine Datierung der Grabenverfüllung in das 37. Jahrhundert wahrscheinlich. Rechts auf der gleichen Grundlage eine histogrammatische Darstellung der Einzeldaten und - unten - ihre Kombination unter der Prämisse, daß die Proben zeitlich eng beieinander liegen. Das Vorgehen für die übrigen datierten Komplexe ist ähnlich.

Verhältnis Michelsberg - Wartberg

Die Datierung des Erdwerks Rimbeck ist gleichzeitig auch der Ausgangspunkt eines Überblicks über die chronologische Entwicklung der Wartbergkultur, wie sie sich nach Abschluß des Datierungsprojektes darstellt.

So wird im 37. Jh. nicht allein diese Anlage errichtet, sondern auch das etwa gleich große Erdwerk bei Calden. Der Umstand, daß beide Anlagen mit einer Distanz von etwa 27 km in angrenzenden Siedlungsräumen liegen, läßt auf einen gemeinsamen, beiden Erdwerken zugrunde liegenden Impuls schließen.

Bemerkenswert ist, daß beide Anlagen - obwohl zeitlich über C14 sehr genau mit reichen Spätmichelsberg-Komplexen in der Wetterau (wie Echzell und Dauernheim) parallelisierbar - nicht eigentlich als Michelsberger Anlagen bezeichnet werden können. Aus den Caldener Basisschichten stammen nur wenige Michelsberg-Fragmente und ein Baalberger Trichterbecher, aus den 6 Probeschnitten in Rimbeck einige uncharakteristische Trichterränder. Ebenfalls unspezifisch bleiben Scherben aus der noch weiter nördlich gelegen Anlage von Brakel, die ebenfalls in diesen Zeitabschnitt gehört.

Wir haben damit den Fall einer geographischen und zeitlichen Grenz- bzw. Übergangssituation: Der nordhessisch-ostwestfälische Raum wird in Spätmichelsberger Zeit zwar von gewissen südlichen und östlichen Einflüssen erreicht, erscheint aber von der eigentlichen Kulturentwicklung abgekoppelt.

Die Errichtung großer Erdwerke (mit Flächen etwa über 10 ha), die in dieser Form bisher nur aus dem Beginn der Michelsberger Entwicklung belegt ist, macht indes deutlich, daß hier dynamische Vorgänge stattfinden, die mittels unserer bewährten Keramiktypologie nicht recht faßbar sind.

In Calden wie auch in Rimbeck - wird mit der Errichtung von Megalithgräbern und der Wiederbenutzung der Erdwerksgräben wenig später - ich komme gleich darauf zurück - an die besondere Funktion der Plätze angeknüpft. Ältere Michelsberger Traditionen konnten an beiden Plätzen bemerkenswerterweise nicht festgestellt werden. Links im Dia Calden mit dem Galeriegrab II 100 m südlich des Erdwerks; rechts Rimbeck mit dem Grab in der Mitte der Erdwerksanlage.

Durch diese besondere Konstellation erscheint es denkbar, daß mit der Errichtung der Erdwerke der Beginn einer neuen kulturellen Entwicklung markiert wird, die schließlich zur Herausbildung der Wartbergkultur im eigentlichen Sinn führt.

Mit der Datierung von Calden und Rimbeck kann auch die Frage verneint werden, ob die Kragenflaschen im Spätmichelsberg-Milieu Kontakte zu einem bereits entwickelten Wartberg weiter nördlich belegen: Sie müssen nun als Ergebnis der Beziehungen zur zeitgleichen frühneolithischen Trichterbecherkultur gewertet werden.

Entstehung(szeitpunkt) der Galeriegräber

Eng mit der Entstehungsfrage der Wartbergkultur verknüpft ist die Datierung der Galeriegräber, die als bisher einzige sicher bekannte Grabform der Wartbergkultur gelten können. Im Bild links ein schematischer Überblick über Bauart und Orientierung der Anlagen, rechts die Rekonstruktion von Calden II.

Späte C14-Daten bereits im Zeitbereich der frühen Becherkulturen schufen hier lange Zeit für Verwirrung bei der zeitlichen Einordnung und stützten die naheliegende Hypothese einer Herkunft dieser Grabform aus der Ile de France, wo - neben der Bretagne - ein deutlicher Verbreitungsschwerpunkt dieser Anlagen liegt.

Eine Reihe von Daten aus basalen Bestattungsschichten hessischer und westfälischer Anlagen zeigt nun, daß diese Anlagen durchaus an den Beginn der Wartbergentwicklung zu setzen sind und wir mit ihrer Errichtung spätestens ab 3400 BC rechnen können. Die Benutzung der Anlagen erstreckt sich dann bis in die ersten Jahrhunderte des 3. Jahrtausends. Die Daten aus dem französischen Raum sind durchweg jünger, jedoch von schlechter Qualität, so daß eine Umkehrung der Einflußrichtung nicht statthaft ist. Naheliegender scheint eine weitgehend gleichzeitige Herausbildung vom Atlantik bis in den hessischen Raum, was natürlich interessante Fragen nach den zugrunde liegenden Prozessen und Kommunikationsstrukturen aufwirft. Hier wird man das Augenmerk zukünftig auf das in allen Regionen zugrundeliegende Chasséen-Michelsberg-Substrat richten müssen.

Bemerkenswert ist auch die Beobachtung, daß im Arbeitsgebiet bereits am Beginn der Entwicklung sehr unterschiedliche Architekturformen nebeneinander standen, die man bisher für das Produkt einer allmählichen Evolution im Grabbrauch gehalten hatte: So liegen frühe Daten sowohl für relativ kurze Kammern mit axialem Zugang wie auch für über 30 m lange Gräber mit seitlichem Zugang vor.

Ein Vergleich mit der Megalithik der Nachbarräume zeigt, daß die Galeriegräber des Arbeitsgebietes mit den ersten Ganggräbern der Trichterbecherkultur zu parallelisieren sind, und das die Kammerverlängerung in der Trichterbecher-Westgruppe, die in emsländischen Kammern und den Gräbern von Wechte ihren Höhepunkt findet, zeitlich recht späte Erscheinungen sind, die wenigstens teilweise aus dem Wartbergbereich inspiriert wurden.

Während der Bau von Megalithgräbern im Norden noch vor der Jahrtausendwende zum Erliegen kommt, kann in Hessen - neben der Nutzung bestehender Anlagen - die Errichtung kleinerer Anlagen, quasi Galeriegrabderivate, beobachtet werden. Die bekannten Gräber von Lohra, Muschenheim und Niedertiefenbach gehören in diesen Zusammenhang.

Dynamik der inneren Entwicklung

Was die keramische Entwicklung der älteren Wartbergkultur - zwischen 3400 und 3000 BC - betrifft, so kann man die Ergebnisse des Datierungsprojektes nur als beunruhigend bezeichnen. Die von Schwellnus als Leitformen der Gesamtentwicklung herausgestellten keramischen Typen gehören zur Gänze in einen späten Abschnitt der Entwicklung nach 3000. Funde des älteren Abschnitts beschränken sich auf Einzelformen und wenige Scherben in Galeriegräbern. Erst die Funde aus einer zweiten Nutzungsphase des Caldener Erdwerks und aus Galeriegrab Calden II, die hinreichend datiert sind, ermöglichen nun eine typologische Umschreibung.

Dies bedeutet: Wir hatten in Hessen bis vor wenigen Jahren eine nicht erkannte Lücke von immerhin 400 - 600 Jahren in unserer regionalen Keramik-Typochronologie. Hier zeigen sich einmal mehr die Probleme, die sich aus den langen Zeiträumen ergeben, die mit der langen Chronologie zur Verfügung stehen und gefüllt werden wollen.

Welche keramischen Formen mit der Zeit der Errichtung der Galeriegräber verbunden werden können, bleibt - mangels Masse - momentan noch recht unklar. Einzelne Trichterrandgefäße mit tulpenbecherartig geschwungenen Randprofilen aus Züschen, Calden I und Warburg IV mögen hierher gehören.

Deutlicher wird die weitere Entwicklung:

Hier stellen Vorratsgefäße mit eingezogenem Rand Standfuß und tiefer Einstichverzierung oder Lochbuckeln die Leitformen. Typologisch gibt es momentan lediglich zum älteren Horgen der Nordschweiz klare Bezüge, die gleichzeitig die chronologische Position vor 3000 BC untermauern. Komplexe, die geographisch zwischen Nordhessen und der Schweiz vermitteln könnten, etwa im Rheintal, sind bisher nicht bekannt. Die Karte dieses Zeitabschnittes zeigt denn auch ab Mittelhessen nach Süden einen bedenklichen Mangel an Funden.

Der Widerspruch zwischen dem Westbezug der Grabform und den typologischen Südkontakten könnte sich abmildern, wenn man älteres Wartberg, Horgen und die französischen Galeriegräber als regionale Ausprägungen eines noch völlig unzureichend umschriebenen Gesamtkomplexes auffaßt, zu dem im Westen die Seine-Oise-Marne-Kultur und im Süden eben Horgen gehört, deren nordöstliche Komponente mit den Caldener Funden aber jetzt greifbar wird.

Östlichster Ausläufer des Wartberg-Siedlungsraumes ist in diesem Zeitabschnitt das Mühlhäuser Becken mit zahlreichen Siedlungen, jedoch bisher ohne Galeriegräber. Wartberg gibt hier allerdings nur ein kurzes Intermezzo, denn wenig später bricht die Entwicklung ab zugunsten der Bernburger Kultur.

Verhältnis zu frühendneolithischen Gruppen (Kugelamphoren / frühe Einzelgrabkultur)

Mit der jüngeren Wartbergkultur ab 3000 verkompliziert sich die Situation noch einmal. Ursache sind zum einen Einflüsse von außen wie Kugelamphorenkeramik und das erste Auftreten früher Einzelgrabkeramik, zum anderen die Beobachtung, daß die einzelnen Teilräume des Arbeitsgebietes jeweils recht unterschiedliche Entwicklungen nehmen.

Geprägt wird das Bild dieses Zeitabschnittes durch die reichen Inventare der Höhensiedlungen des Fritzlarer Raumes wie dem Hasenberg, dem Bürgel und dem namengebenden Wartberg, die bisher als Repräsentanten der Gesamtentwicklung galten.

Aus typologischer Sicht sind die Höhensiedlungen einphasig, eine Differenzierung des Materials im Sinne einer längeren Nutzung der Siedlungsplätze über Jahrhunderte läßt sich typologisch nicht beobachten. Dennoch sind von Siedlung zu Siedlung, die ja nur jeweils wenige Kilometer auseinander liegen, Unterschiede in der Zusammensetzung des Fundgutes zu erkennen. Ob es sich hierbei um lokale Differenzierungen oder feinchronologische Unterschiede handelt, wie Schwellnus seinerzeit vermutete, bleibt beim heutigen Stand unklar. Die C14-Datierung stößt hier die Grenze ihrer Auflösung.

Von Schwellnus entwickelt wurde auch das räumliche Modell kleiner Siedlungsverbände mit einer Höhensiedlung als Mittelpunkt und einem oder mehreren zugehörigen Galeriegräbern an der Peripherie in etwa einem Kilometer Entfernung. Leider sind die wenigsten Gräber soweit untersucht, daß sich dieses Gefüge verifizieren ließe.

Im einzig nachprüfbaren Fall, der Kombination Hasenberg - Galeriegrab Züschen, zeigt sich jedoch, daß das Grab bereits mehrere hundert Jahre vor der Siedlung angelegt wurde. Auch die bereits von Paul Reinecke beobachtete Orientierung des Grabes mit seiner Längsachse auf den weiter entfernten Wartberg rechts (beide Bilder vom Züschener Grab aufgenommen) läßt sich nicht mit der dort befindlichen Siedlung erklären - auch sie ist wesentlich jünger. Hier zeigt sich, daß die Annahme einer sogenannten "groben Gleichzeitigkeit", mit der wir gezwungenermaßen z.T. arbeiten, sehr schnell in die Irre führen kann.

Das keramische Material des jüngeren Entwicklungsabschnittes zeigt Bezüge nach Süden und Osten, wobei insbesondere die enge typologische Verwandtschaft zur Goldberg III-Gruppe Oberschwabens mit der hessischen Datierung nach 3000 sehr gut übereinstimmt.

Wiederum kann hier der nord- und mittelhessische Raum in einen größeren kulturellen Zusammenhang eingebunden werden, der sich über Mainfranken bis an den Bodensee erstreckt. Auffällig sind Bezüge nach Südosten, etwa in den Bereich der Chamer Kultur. Ähnlich wie im älteren Entwicklungsabschnitt bleibt das Rheintal eine unbekannte Größe - entsprechende Funde bleiben hier also über einen Zeitraum von einem Jahrtausend fast völlig aus.

Im engeren Arbeitsgebiet ist ab 3000 eine kleinräumige Differenzierung zu beobachten: Auf die unterschiedliche Zusammensetzung der Inventare der Höhensiedlungen wurde bereits hingewiesen, ebenso auf die Ablösung von Wartberg durch Bernburg in Westthüringen. Die Gegenüberstellung von Karte und Chronologietabelle für die einzelnen Teilräume soll versuchen, dies zu illustrieren.

Im Raum Calden wird die Entwicklung zur jüngeren Wartbergkultur nicht mehr vollzogen. An ihre Stelle tritt in den Erdwerksgräben und an Grab II bereits die frühe Einzelgrabkultur. Auch im westfälischen Raum sind Belege für die jüngere Entwicklungsstufe selten; immerhin zeigen 14C-Daten an Skelettmaterial, daß die Kollektivgräber weiterhin - mindestens bis 2800 - belegt werden. Ob hier die Bestattenden weitgehend Kugelamphoren- und Becherkeramik benutzten, muß die weitere Forschung zeigen.

Im hessischen Lahntal zeigt das nach 3000 belegte und wohl auch konstruierte Grab von Niedertiefenbach - bautypologisch ein Galeriegrabderivat - daß hier, an der Peripherie des Wartberggebietes, ebenfalls keine spezifische Keramik mehr in das Grab gelangte. Becherscherben im Grabraum müssen angesichts der C14-Datierung der Skelettschichten etwa zwischen 2900 und 2700 nicht zwangsläufig als das Ergebnis von Nachbestattungen interpretiert werden. Eher ist mit diesem Befund ein allmählicher Übergang dokumentiert, der für einen gewissen Zeitraum die Verwendung der traditionellen Grabsitten in Verbindung mit neuen keramischen Formen erlaubte.

Bemerkenswert in diesem Bild eines kulturellen Flickenteppichs ist abschließend auch die durch Grabungen in den letzten Jahren erschlossene Wartberg-Exklave im Leinetal südlich von Göttingen. Die bisherigen Funde datieren in den jüngeren Entwicklungsabschnitt.

Schluß

Was hat sich also durch daß Datierungsprojekt geändert? Wartberg liegt immer noch grob zwischen Michelsberg und Becherkulturen. Die Galeriegräber sind immer noch ein Bestandteil der Wartbergkultur.

Die Probleme stecken im Detail, und hier liegen auch die zukünftigen Aufgaben der chronologischen Forschung: Es zeigt sich, daß wenigstens im Beobachtungszeitraum überhaupt nicht mit einer gleichförmigen kulturellen Entwicklung gerechnet werden kann. Vor 3000 bleibt die Galeriegrabsitte - und vorerst auch die keramischen Leitformen auf einen relativ eng begrenzten Bereich - nördliches Hessen / östliches Westfalen begrenzt. Schon im westlichen Thüringen ist das kulturelle Paket anders geschnürt: Hier fallen die Megalithgräber weg, an ihre Stelle treten möglicherweise Holzkonstruktionen.

Nach 3000 nimmt jeder Teilraum eine andere Entwicklung. Von "der" Wartbergkultur kann man eigentlich nicht mehr sprechen, auch wenn der Großteil unserer Funde in den Magazinen aus dieser Zeit stammt. Wenn wir die Caldener Befunde richtig interpretieren, hält im Raum Kassel bereits die Einzelgrabkultur Einzug (was immer wir uns darunter vorzustellen haben). Nur wenige Kilometer südlich liegen die Wartberg-Höhensiedlungen. Diese Situation ähnelt dem Verhältnis von später Trichterbecher-Westgruppe und früher Einzelgrabkultur, deren zeitliche Parallelität auch durch einen geschlossenen Fund belegt ist.

Unter der chronologischen Lupe zeigen die ehemals großzügig definierten kulturellen Komplexe vielfältige Asynchronitäten, Sonderentwicklungen und Brüche in ihrer Entwicklung, denen es nachzuspüren gilt. Nicht um den Chronologietabellen die soundsovielte neue Stufe hinzuzufügen, sondern um kleinräumig der kulturellen Dynamik dieser Zeit auf die Spur zu kommen.

 

© Dirk Raetzel-Fabian (www.jungsteinsite.de - 14. November 1999)

 

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