Dirk Raetzel-Fabian:
Ritual und Architektur - das jungsteinzeitliche Erdwerk Calden bei Kassel
Vortrag im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle am 12. Dezember 1995

Vortragsmanuskript

Einleitung

Wenn ich heute über ein nordhessisches Erdwerk berichte, dann in der Hoffnung, daß Sie mir Ihre Aufmerksamkeit schenken - trotz der Tatsache, daß Sie selbst eine äußerst beeindruckende Anlage gleich vor Ihrer Haustür auf der Dölauer Heide besitzen. Das mehrphasige Erdwerk auf der Dölauer Heide führt uns zugleich in die Zeit, die heute Abend im Mittelpunkt stehen wird: grob gesagt, das 4. Jahrtausend v. Chr. In Nordhessen und den angrenzenden Räumen Ostwestfalen, Südniedersachsen und Westthüringen ist dies die Zeit der Wartbergkultur.

Allgemeines

Benannt ist die Wartbergkultur nach dem Fundplatz auf dem Wartberg bei Fritzlar südlich von Kassel. Ihre Entwicklung ist über einen vergleichsweise langen Zeitraum zu verfolgen: von der schrittweisen Herauslösung aus der vorangehenden Michelsberger Kultur ab ca. 3700 v.Chr. bis zu ihrem Aufgehen in den Becherkulturen um 2700 - insgesamt also etwa eintausend Jahre. In Mitteldeutschland - und auf der Dölauer Heide - ist dies die Zeit der Baalberger Kultur, der Salzmünder sowie der Bernburger Kultur.

Der namengebende Fundplatz und weitere z.T. befestigte Höhensiedlungen wie der Hasenberg - rechts im Bild - sind in dieser langen Entwicklung bereits sehr späte Erscheinungen, die vielleicht auf ein erhöhtes Schutzbedürfnis und einen Zerfallsprozess der kulturellen Gemeinschaft schließen lassen.

Neben den charakteristischen Höhensiedlungen auf Basaltkuppen sind es die Großsteingräber, die sog. Galeriegräber, die für die Wartbergkultur als kennzeichnend gelten. Ihr Eingang liegt in der Regel an der Schmalseite, häufig als ein- oder zweiteiliger Lochstein ausgebildet. Links sehen Sie ein Foto aus dem Jahr 1894. Es handelt sich um das Grab von Züschen, ebenfalls bei Fritzlar gelegen; rechts einige charakteristische Grundrisse. Die Länge dieser Anlagen liegt im Mittel zwischen 10 und 30 Meter.

Das Grab von Züschen ist durch seine piktogrammartigen Darstellungen von Rindergespannen und Wagen auf den Wandsteinen bekannt geworden, die mit als die frühesten Belege für die Benutzung des Rades gelten können. Die ovale Darstellung rechts wird mit der sogenannten Dolmengöttin in französischen Megalithgräbern verglichen.

Die Wartbergkultur (WBK) hat eine verwirrende Forschungsgeschichte hinter sich: Bis in die 70er Jahre hinein bestand sie in der Sicht der Forschung quasi aus zwei eigenständigen Kulturen oder Gruppen. Die charakteristischen Höhensiedlungen wurden zur Wartberggruppe zusammengefaßt, die Megalithgräber auf der anderen Seite zur sog. Steinkammergräber- oder Galeriegrabkultur.

Doch die damals wichtige Erkenntnis, daß es sich hierbei um zwei Bestandteile einer Kultur handelt, muß heute wiederum ein wenig modifiziert werden: Tatsächlich waren die Siedler auf den Höhensiedlungen gewissermaßen die Ururur-Enkel der Erbauer der Großsteingräber - zwischen ihnen und den Grabkonstrukteuren lagen bis zu vier Jahrhunderte - auch wenn sie die Gräber weiterhin für die Bestattung der Toten nutzten. Siedlungen aus der Erbauungszeit der Gräber sind in Nordhessen noch nicht bekannt - was zweifellos eine Forschungslücke ist.

Ein Blick auf die Verbreitungskarte zeigt die Kernverbreitung der WBK in der nordhessischen Beckenlandschaft und den angrenzenden Räumen - vor allem Ostwestfalen. Auch die Errichtung der Galeriegräber bleibt auf diesen Raum beschränkt. Rechts sehen Sie die schematische räumliche Gruppierung in Kombination mit Größe und Orientierung der Anlagen. Nach Norden schließen die konstruktiv unterschiedlichen Megalithgräber der Trichterbecherkultur an, nach Osten und Süden herrschen dagegen deutlich kleinere Grabanlagen vor, häufig in Holz- und Trockenmauerarchitektur.

Als Abschluß dieses Überblicks die keramischen Formen - hier im wesentlichen der jüngeren Kulturentwicklung. Mit Tassen, Kragenflaschen und Vorratstöpfen mit Lochrand finden sie hier Formen, die durchaus in ähnlicher Weise auch in Mitteldeutschland auftreten.

Erdwerke

Thema des heutigen Abends sind jedoch weniger Gräber und Siedlungen, sondern Objekte, die mit der Bezeichnung "Erdwerk" zunächst nur nach ihrer Konstruktionsform benannt werden, nicht aber nach ihrer Funktion. Das ist auch gut so, denn kaum ein archäologischer Objekttyp war und ist in seiner Funktion derartig umstritten.

Belegt sind sie seit dem Beginn der bäuerlichen Wirtschaftsweise in der Mitte des 6. Jahrtausends. Ihre Form und Größe ist äußerst vielgestaltig, die eingenommenen Flächen schwanken zwischen wenigen tausend Quadratmetern und 100 Hektar. Ihnen allen ist gemeinsam, daß sie mit Hilfe von Gräben, Wällen und meist auch Palisaden ein bestimmtes Areal umschließen, umhegen, befestigen - zu welchem Zweck auch immer...

Ich möchte Ihnen die wesentlichen Interpretationsvorschläge der Forschungsgeschichte einmal auflisten:

- Befestigte Hauptorte, Häuptlingssitze, Burgen
- Befestigte Siedlungen
- Fliehburgen
- Viehkrale
- Versammlungsplätze mit sozialer und politischer Mittelpunktfunktion:
  Gerichtsorte, Marktplätze, Handels- und Austauschzentren
- Saisonaler "Heiratsmarkt" für einen zerstreuten Siedlungsverband
- Heiligtümer, Kultstätten
- Astronomische Observatorien
- Umgrenzung von Aufbahrungsplätzen für Verstorbene: Tabuorte

Mittlerweile steht es außer Frage, daß man Erdwerke nicht über einen Kamm scheren darf und dieser Begriff funktional z.T. völlig unterschiedliche Anlagen einschließt. Die Frage nach der Funktion muß deshalb bei der einzelnen Anlage einsetzen, im nächsten Schritt gilt es, zeitgleiche Erdwerke einer Kleinregion zu untersuchen. Mit Sicherheit kann ein Erdwerk nicht alle übrigen Objekte seiner Art erklären.

Die Dias zeigen links im Luftbild das Erdwerk von Uttershausen an der Schwalm: hier wird eine Kuppe halbkreisförmig abgeriegelt. Rechts ein Größenvergleich von als wartbergzeitlich bezeichneten Erdwerken in Hessen und Ostwestfalen. Gleich als erstes fallen die enormen Größenunterschiede auf: 14 Hektar in Calden zu 1,4 Hektar in Wittelsberg.

Solche Differenzen bedeuten ohne Frage auch Unterschiede in der Funktion, der Nutzung dieser Erdwerke, doch im speziellen Fall spielt uns wiederum die Zeit einen Streich: Während die beiden großen Anlagen von Calden und Rimbeck zur gleichen Zeit errichtet wurden, liegt zwischen ihnen und der Errichtung der kleinen Anlage von Wittelsberg etwa 7 Jahrhunderte. Es muß also auch mit jeweils ganz unterschiedlichen historischen Rahmenbedingungen für die Entstehung gerechnet werden.

Ich möchte Ihnen nun im Detail eine der großen Anlagen vorstellen, die Anlage von Calden - auf dem rechten Bild links außen.

Calden - Befunde

Der Fundplatz Calden liegt nördlich von Kassel, geographisch etwa auf der Höhe des Zusammenflusses von Werra und Fulda. Das Erdwerk wurde 1976 zufällig entdeckt - dank seiner Lage in unmittelbarer Nähe zum Flugplatz Kassel-Calden. Die archäologische Untersuchung erfolgte erst relativ spät zwischen 1988 und 1992 durch die Staatlichen Museen Kassel.

Bis zu diesem Zeitpunkt war an Objekten der WBK in dieser Region nur ein 1948 ausgegrabenes Galeriegrab in 1 km Entfernung am Ortsrand bekannt. Im Laufe unserer Untersuchungen kam ein zweites Galeriegrab - als Calden II bezeichnet - hinzu, nun in unmittelbarer Nähe und südlich des Erdwerks.

Eine wichtige Frage unserer Untersuchungen war damit auch, den Zusammenhang zwischen diesen drei Objekten zu klären.

Die Ausdehnung und der Umriß des Erdwerks zeichnet sich bereits als Bewuchsmerkmale in den Luftbildern deutlich ab. Auf dem Entdeckungsfoto links sind drei von insgesamt sieben Unterbrechungen im Verlauf des Doppelgrabens erkennbar. Das rechte Bild - zwölf Jahre später aufgenommen - zeigt eine Gesamtschau mit Flugplatz im Norden und einem Kalksteinbruch im Westen, der die Anlage bereits erfaßt hat und damit Anlaß für die wissenschaftliche Untersuchung war.

Um die Bewuchsmerkmale zu erfassen und zu kartieren, bedarf es nicht unbedingt des Luftbildes. Auch vom Boden aus sind sie bei günstiger Niederschlagssituation hervorragend zu erkennen - links im Getreide, rechts auf Trockenmagerrasen, jeweils als doppelte Spur. Die Ursache hierfür ist eine sehr dünne Bodenschicht von 10 bis 60 cm Mächtigkeit; darunter steht bereits felsiger Muschelkalk an, in den die Gräben eingetieft wurden - wir sehen dies noch in den nächsten Bildern. Die z.T. mit Bodenmaterial verfüllten Gräben dienen nun als Wasserreservoir für den darüber befindlichen Bewuchs, der entsprechend kräftiger ausfällt.

Als weitere zerstörungsfreie und grabungsvorbereitende Erkundung bietet sich die Magnetometermessung an. Sie registriert Störungen in der Bodenmagnetik und somit auch künstliche Eingriffe wie unsere Erdwerksgräben.

Aufgrund der vorgeschalteten Prospektionsmaßnahmen hatten wir von Beginn der Untersuchungen an eine sehr gute Vorstellung vom Gesamtbild der Anlage und konnten bei den Ausgrabungen deshalb sehr gezielt zu Werke gehen.

Das Erdwerk besteht aus einem Doppelgrabensystem, das an sieben Stellen für etwa 10 Meter unterbrochen ist. Die Gesamtfläche beträgt 14 Hektar, die Innenfläche 12 Hektar. Insgesamt macht das Erdwerk von seiner Form her einen sehr unregelmäßigen Eindruck - dieser Frage werde ich später noch nachgehen. Im Gelände liegt die Anlage im Mittelhangbereich und kann von verschiedenen Seiten aus gut eingesehen werden. Auch hierauf komme ich später noch zurück. 100 Meter außerhalb liegt das Galeriegrab Calden II.

Die Ausgrabungen erfaßten 6 der 7 Torbereiche sowie ausgewählte Flächen im Innenraum. Dabei stellte sich heraus, das der Innenraum keinerlei Besiedlungsspuren aufwies. Bemerkenswerte Befunde trafen wir dagegen in den Grabenunterbrechungen an - rechts die zusammengestellten Grabungspläne. In allen Fällen waren diese Lücken im Grabenverlauf durch Einbauten aus Holz geschlossen worden. In allen Fällen handelt es sich um mehrräumige, gegliederte Konstruktionen, die im Gesamtlayout, aber auch in Details einem einheitlichen Bauplan folgen.

Links ein sehr gut erhaltener Befund im Luftbild, der das Bauschema widerspiegelt. Anders als bei Grabungen im Löß konnten wir uns in Calden nicht auf die üblichen Bodenverfärbungen verlassen. Sie sehen hier die mit Boden verfüllten Erdwerksgräben, die sich deutlich vom hellen Muschelkalk absetzen, in den sie eingetieft sind; in der Lücke dazwischen Fundamentgräben für aufgehende Holzstämme. Charakteristisch sind folgende Merkmale:

- doppelte Palisade: Holz-Erde-Mauer
- doppelt trapezoider Einbau
- zwei Querriegel, jeweils in Höhe der Gräben
- Palisadenansatz zwischen den Gräben
- schmale Durchgänge
- Tiefe etwa 20 Meter

Nicht immer sind die Befunde im Kalk so deutlich zu fassen. Im rechten Beispiel sind die Einbau-Strukturen trotz des Streiflichtes nur schwach erkennbar (Areal N). Gut sichtbar dagegen Bewuchsmerkmale des Doppelgrabens rechts und links der Grabungsfläche - in diesem Fall eigentlich völlig unüblich auf einem abgeernteten Feld. Hier ist Ursache die größere Halmdichte aufgrund der besseren Wasserversorgung direkt über den Gräben.

Der Blick auf eine Grabungsfläche (Areal E) zeigt die Probleme, denen wir bei der Erfassung der Befunde bisweilen gegenüber standen. In diesem Fall ist der Muschelkalk im Bereich einer Verwerfung sehr stark gegliedert und varriert kleinräumig von feinen mergeligen bis hin zu blockartigen Strukturen. Rechts sehen sie z.B. die Fundamentgräben der doppelten Palisade zwischen ausgewitterten Kalksteinblöcken hindurch laufen.

Das nächste Bild zeigt besser erhaltene Befunde (Areal A): links ein Fundamentgraben mit etwa 40 cm Tiefe im Kalk, rechts ein ausgenommener Sohlgraben mit einer Tiefe von 1,4-1,7 m im Kalk. Darin ein typischer Nordhesse als Maßstab.

Exkurs Grab II

Lassen Sie mich an dieser Stelle einen kurzen Exkurs einschieben über das benachbarte Galeriegrab Calden II, das von uns parallel zu den Ausgrabungen im Erdwerk untersucht wurde. Das Objekt ist durch zahlreiche Eingriffe in vorgeschichtlichen Zeit und zuletzt durch eine Baumaßnahme in den 60er Jahren stark zerstört worden, bei der diagonal eine Wasserleitung mitten durch das Objekt hindurch verlegt wurde.

Wiederum finden wir hier Fundamentgräben in den Kalk eingetieft - diesmal für die Wandsteine des Grabes, die aus Tertiärquarzit bestanden. Auch die Grabsohle ist mehrere Dezimeter in den Kalk eingetieft. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand und sind praktischer Natur: Es stand bei der Konstruktion einfach keine genügend mächtige Bodenschicht zur Verfügung, um ein solide fundamentiertes Grab zu konstruieren - mit einer Grabsohle, die wie bei allen Gräbern dieses Typs aus rituellen Gründen unter Bodenniveau liegen mußte.

Auf dem Foto links erkennen Sie verschiedene spätere Störungen:

- Ausbruchgruben für Wandsteine
- einen eingekippten Wandstein
- die Hohlform einer Baggerschaufel, die sich in den Kalk gefressen hat.

Das rechte Bild zeigt den rückwärtigen Teil der Kammer mit Wandsteinstümpfen in den Fundamentgräben. Nur in diesem Teil waren Reste des Bestattungshorizontes erhalten.

Wie in lange genutzten Kollektivgräbern üblich, waren die Knochen recht tumultuarisch gelagert. Dennoch konnte als vorherrschende Bestattungsweise die Körperbestattung, gestreckt auf dem Rücken festgestellt werden. Dies entspricht den Verhältnissen im benachbarten Grab I - etwa 1 km entfernt - sowie in anderen Galeriegräbern der Wartbergkultur, beispielsweise Altendorf und neuerdings Wewelsburg I.

Durch die dauerhafte Fixierung der Fundamente im Kalk läßt sich die Anlage recht gut rekonstruieren: Sie hat eine Gesamtlänge von 11,7 Meter und ist damit 90 cm kürzer als Grab I. Der für Bestattungen nutzbare Innenraum beträgt 19 m², nur 1 m² weniger als bei Grab I. Die beiden Gräber sind damit - wie es scheint - konstruktiv sehr eng verwandt. Die lichte Höhe im Inneren variierte von 1,50 im vorderen bis 1 m im hinteren Teil der Kammer, mit Sicherheit keine sehr angenehme Arbeitshöhe für das Einbringen Verstorbener.

Der Hügel über dem Grab wurde durch eine kleine Mauer aus Trockenmauerwerk eingefaßt. Aus Trockenmauerwerk bestand vermutlich auch die Fassade des Einganges. Fundamente für einen Eingangsstein gibt es nicht.

Chronologie

Trockene Datierungsfragen und Chronologiediskussionen sind vielleicht das liebste Kind der Archäologen; wir haben aber bereits beim Vergleich der Erdwerke zu Beginn gesehen, daß eine möglichst genaue Vorstellung vom zeitlichen Verhältnis der Objekte zueinander tatsächlich für das Verständnis der Zusammenhänge extrem wichtig ist. Ich möchte Sie hier aber nicht mit Details quälen, sondern lediglich die zwei grundsätzlichen Wege aufzeigen, die im Fall Calden für eine Datierung zu beschreiten waren.

Der erste Weg führt traditionell über den Fundstoff:
Die älteste Keramik in Calden - links im Bild - stammt aus den untersten Grabenschichten des Erdwerks und zeigt noch Verbindungen zum Vorläufer der Wartbergkultur, zur späten Michelsberger Kultur sowie zur mitteldeutschen Baalberger Kultur.

Michelsberger und Baalberger Traditionen kann man ebenfalls noch in den keramischen Beigaben des Grabes I feststellen. Doch in der späteren Entwicklung treten diese dann zurück. Das Gros des Fundmaterials aus den höheren Schichten der Erdwerksgräben sowie das Inventar des Grabes II in unmittelbarer Nähe zeigen nun überraschende Verbindungen zur Horgener Kultur des Bodenseegebietes und der Nordschweiz, zur nordwestdeutschen Trichterbecherkultur und - mit den charakteristischen Tontrommeln - auch zum mitteldeutschen Raum.

Der zweite Weg zur Datierung ist die 14C-Methode, mit deren Hilfe sich das Alter organischer Substanzen wie Holzkohle oder das in Knochen enthaltene Kollagen bestimmen läßt. Auf der Basis von 30 Datierungen sind wir über das zeitliche Verhältnis der Caldener Objekte und ihre Nutzungsgeschichte recht gut im Bilde. Die Entwicklung vor Ort beginnt mit der Errichtung des Erdwerks - etwa im 37. Jh. v.Chr. Wie lange Einbauten und Palisaden bestanden, läßt sich nicht exakt sagen; Indizien für eine mehrfache Erneuerung der Holzarchitektur gibt es aber nicht. Auch müssen die Gräben rasch verfüllt worden sein, da keinerlei größere Verwitterungspuren an den Flanken zu erkennen sind.

Etwa um 3.400 - 200 bis 300 Jahre später - wird Grab I in einiger Entfernung errichtet. Zur gleichen Zeit beginnt auch an vielen Plätzen in Nordhessen und Ostwestfalen die Errichtung solcher Gräber.
Wieder etwa 200 Jahre später datiert der Beginn der Belegung des zweiten Grabes unmittelbar beim Erdwerk. Die Erdwerksgräben werden zu dieser Zeit weiterhin intensiv genutzt, d.h. Teile der Füllung werden hinausgeschaufelt, Keramik und Tierknochen und Teile der alten Füllung im Gegenzug wieder eingefüllt.
Um 3.000 v.Chr. enden schließlich die Aktivitäten der Wartbergkultur in Calden. Doch die Geschichte des Erdwerks ist damit nicht zu Ende. Denn kurze Zeit später machen sich die Träger der Einzelgrabkultur am Grabeninhalt zu schaffen. Die letzten Aktivitäten an den Gräben verzeichnen wir schließlich in der frühen Bronzezeit, 1700 Jahre nach Errichtung der Anlage.

Der Blick auf die Karte links zeigt die bekannten Fundstellen im hessischen Raum zur Zeit der Errichtung des Erdwerkes.

Während weiter südlich in der Wetterau z.T. befestigte Siedlungen der späten MK existieren, wird diese Entwicklung in Nordhessen nicht mehr vollzogen, obwohl frühere Stufen der Michelsberger Kultur als Grundlage durchaus vorhanden sind. Mit Calden und dem 30 km entfernten Rimbeck werden hier statt dessen große Anlagen errichtet, in deren Fundmaterial Michelsberger Elemente nur noch in abgeschwächter Form bzw. gar nicht mehr vertreten sind.
Man könnte diese Beobachtung als Indiz dafür deuten, daß sich der nordhessisch-ostwestfälische Raum um 3700 von der Entwicklung der Michelsberger Kultur abkoppelt - sozusagen eigene Wege geht, die in der weiteren Folge zur Herausbildung der Wartbergkultur führen.

Die großen Erdwerke als Gemeinschaftsleistung, als konstituierender Akt, der eine neue Gruppenidentität stiftet und damit am Beginn einer neuen kulturellen Entwicklung steht? Dies wäre möglicherweise bereits ein Erklärungsansatz zu einem eher allgemeinen Verständnis der Caldener Anlage.

Funktion, Architektur

Zurück zu den Befunden. Hier gibt es eine Reihe von Beobachtungen, die den Charakter des Erdwerks aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten:

An verschiedenen Stellen der Grabensohle fanden sich Ensembles aus Tierknochen, Hirschgeweihstangen, Rinderhornzapfen und menschlichen Schädelteilen in wechselnden Zusammensetzungen. Sie stammen aus der Bauphase oder der sich unmittelbar anschließenden Nutzungsphase des Erdwerks. Ihr Zustandekommen ist mit Sicherheit nicht zufällig und dürfte mit rituellen Handlungen in Verbindung stehen - denkbar sind beispielsweise Bauopfer und ähnliches.

Deponierungen finden sich auch im Bereich der Einbauten. Im linken Bild ersetzt eine Grube mit verbrannten Steinen und einer Geweihhacke in der Füllung eine innere Querwand, die nicht mehr ausgeführt wird. Rechts eine Geweihhacke in der Füllung eines Palisadengrabens, unmittelbar neben einem Durchgang.

Eine wichtige Grundlage für das Verständnis des Erdwerks ist die Frage nach Funktion der Einbauten. Kurz gefragt: Handelte es sich um Tore, die den Zugang in den Innenraum regelten, oder um bastionsartige Sperren, die den Zugang dauerhaft verschlossen und als vorgeschobene Verteidigungspodien dienten?

Der Vergleich mit anderen Befunden aus dem mitteleuropäischen Neolithikum links zeigt im gleichen Maßstab Parallelen aus dem Michelsberger Erdwerk von Urmitz, einer polnischen Anlage sowie dem dänischen Erdwerk Sarup auf Fyn. Urmitz bietet die einzigen treffenden Parallelen, ist aber ein halbes Jahrtausend älter: Dennoch zeigen sich hier architektonische Traditionslinien. Auch die Urmitzer Einbauten weisen teilweise eine geschlossene Front auf und wurden folgerichtig als Schanzen rekonstruiert.

Eine Analyse der Caldener Befunde zeigt jedoch, daß durchgezogene Fundamentgräben nicht zwangsläufig auch durchgezogene Wände bedeuten müssen. Ich will dies stark verkürzt erläutern: Rechts sehen Sie eine Zusammenstellung der einzelnen baulichen Elemente nach Gruppen: Vorderfront - Mittelteil - rückwärtiger Palisadenteil. In vier Fällen scheint die Vorderfront durchgängig (Areale A, E, G, H), in zwei Fällen ist sie für einen Durchgang unterbrochen (O, N). Auch der Palisadengraben läuft teils durch oder ist für einen Zugang unterbrochen. Mehrfach befinden sich aber dort, wo die Fundamentgräben durchlaufen, zusätzliche paarige Pfostenstellungen. Bezieht man sie in die Überlegungen mit ein, so zeigen sich durchgängig regelhafte Abstände von 1,3 bis 1,4 Meter in allen Bauteilen, die eine Funktion als Durchgang nahelegen.

In der Rekonstruktion zeigt sich zunächst eine ausgesprochene Wehrhaftigkeit der Anlage. Links ein Schnitt durch das Wall-Graben-System mit der Holz-Erde-Mauer als innerem Abschluß. Rechts aus der Vogelperspektive eine Computerrekonstruktion eines Einbaues. Unklar ist, ob die Einbauten überdacht waren - die Befunde sind hier etwas widersprüchlich.

Der bauliche Aufwand der Umfassungsanlagen ist erheblich: Für die Einbauten wurde im wesentlichen, vielleicht sogar ausschließlich, Eichenholz verwendet; der gesamte Arbeitsaufwand für das Ausheben der Gräben und die Errichtung der Palisaden kann auf ca. 100.000 Arbeitsstunden geschätzt werden. 100 Personen wären damit für mindestens ein Viertel Jahr gut beschäftigt.

Die Rekonstruktion zeigt, daß die rekonstruierten Durchlässe doch recht schmal sind und z.T. durch Pfostensetzungen noch zusätzlich verschmalt wurden. Man muß also eher von Pforten sprechen, Konstruktionen, die den Zugang zur Anlage reglementierten oder kanalisierten. Etwas offener ist dagegen einzig der Zugang im Norden der Anlage - rechts im Bild. Er springt als einziger etwas aus der Vorderfront heraus und weicht gleichzeitig vom doppelt trapezoiden Bauschema ab. Möglicherweise ist dies der Hauptzugang zur Anlage, doch auch er ist für ein Tor zu einer befestigten Siedlung zu schmal.

Ganz allgemein bestätigen die Einbauten zwar durchaus den Eindruck der Wehrhaftigkeit, erfüllen aber bei einer Funktion des Erdwerks als Befestigung durch ihren Pfortencharakter keinen rechten Zweck. Hier wären andere Lösungen sicher effektiver gewesen.

Betrachten wir die Anlage in ihrer Gesamtheit, so erscheint ihr Grundriß zunächst völlig unregelmäßig. Dieses Bild ändert sich jedoch, wenn wir eine gedachte Symmetrieachse von Südwesten nach Nordosten durch das Erdwerk legen. Bis auf den Einbau im Norden, der wie wir eben gesehen haben, eine konstruktive Sonderstellung einnimmt, sind die Einbauten nun paarig angeordnet; die Anlage scheint nach Südwesten hin ausgerichtet.

Daß die besondere Form möglicherweise kein Zufall ist, sondern wie die Architektur der Einbauten möglicherweise auf Traditionslinien beruht, deuten zwei Erdwerke aus Ostniedersachsen und Südengland an ,die einen ähnlichen Umriß aufweisen - rechts im Bild im direkten Vergleich mit Calden, allerdings nicht genordet. Robin Hood´s Ball in der Nähe von Stonehenge ist recht genau halb so groß wie Calden und grob zeitgleich, die Anlage von Wittmar bei Wolfenbüttel ist bisher noch nicht untersucht und nur aus dem Luftbild bekannt.

Die Lage des Caldener Erdwerks im Gelände im Bezug auf Relief und Gewässernetz zeigt mehrere Auffälligkeiten. In der Darstellung links sehen Sie Höhenschichten und Gewässernetz im Bereich von Erdwerk sowie den Gräbern I und II. Zunächst ist das Erdwerk durch seine Hanglage von verschiedenen Seiten aus gut einsehbar gewesen. Nur wenige hundert Meter nördlich hätte auf dem Terrain des jetzigen Flugplatzes ein strategisch wesentlich günstigerer Platz zur Verfügung gestanden.

Bemerkenswert ist die Randlage zu den potentiellen Siedlungsarealen, die wir im Bereich des Caldebaches im Osten vermuten können. Das Erdwerk scheint sich in seiner Lage und Orientierung an einer nordsüdlich verlaufenden Schichtstufe und Wasserscheide auszurichten. In der frühen Neuzeit wurde diese Schichtstufe von einem überregionalen Fernhandelsweg vom Kasseler Becken in die Münstersche Bucht, der Holländischen Straße, auf verschiedenen Trassen meist in Steilanstiegen überwunden. Die günstigsten Reliefbedingungen für ein Passieren der Schichtstufe finden sich jedoch auffälligerweise im Bereich des Erdwerks.

Auch das benachbarte Erdwerk Rimbeck liegt oberhalb der heutigen Holländischen Straße, und so habe ich einmal probeweise die jungneolithischen Erdwerke unseres Raumes auf das Haupt-Fernstraßennetz des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit projiziert. Da der Verlauf der Straßen im Mittelgebirgsland wesentlich durch das Relief bestimmt wird, kann man davon ausgehen, daß hier gleichzeitig auch potentielle Trassen neolithischer Verbindungswege widergespiegelt werden.

Der Gedanke, daß große Erdwerke an überregionalen Kommunikationsschneisen angelegt werden, ist naheliegend. Denn letztlich kann nur dort kann das möglicherweise mit Prestigevorstellungen behaftete Gemeinschaftswerk einer Region von anderen zur Kenntnis genommen werden.
Gleichzeitig wäre zu prüfen, ob Erdwerke bei einer Randlage zum eigenen Territorium - wie im Fall Calden und auch Rimbeck - als eine Art Schnittstelle der Gemeinschaft zu ihren Nachbarn und zu entfernteren sozialen Gruppen dienten.

Ein solcher Austausch und Kontakt kann sicher nicht allein mit dem Begriff Handel umschrieben werden. Er umfaßte möglicherweise auch die Auseinandersetzung mit fremden religiösen Vorstellungen, politischen Ideen, Wertesystemen und Territorialitätsansprüchen. In einem solchen Rahmen findet vielleicht auch der Widerspruch zwischen ausgeprägten Befestigungselementen und rituellem Charakter des Erdwerks seine Erklärung: Als Teil von Konfliktlösungsstrategien, mit denen der komplizierte Umgang mit dem "Fremden", mit der Außensphäre, geregelt wurde.

 

© Dirk Raetzel-Fabian (www.jungsteinsite.de - 14. November 1999)

 

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