Dirk Raetzel-Fabian:
Zwischen Fluchtburg und Kultstätte
In: Archäologie in Deutschland 1991, Heft 4, 22-25.

Text ohne Abbildungen

Seit einigen Jahren werden auch scheinbar periphere Regionen von einem regelrechten »Erdwerks-Boom« erfaßt. Ein Beispiel ist der nordhessische Raum um Kassel, wo neueste Untersuchungen überraschende Erkenntnisse zur Architektur und Funktion dieser Denkmäler liefern - Anlaß für einen Blick auf die momentane Forschungssituation.

Das Bild der frühen Bauern Mitteleuropas bekommt neue Züge. Nicht nur Siedlungen und Bestattungsplätze waren offensichtlich integrale Bestandteile der jungsteinzeitlichen Welt, sondern auch sogenannte Erdwerke: Wall-Graben-Anlagen unterschiedlicher Größe und Zweckbestimmung, deren Errichtung erheblichen Arbeitsaufwand erfordert und entwickelte gesellschaftliche Organisationsformen voraussetzt.

Eine regelrechte Entdeckungswelle, ausgelöst durch rege Bautätigkeit, flächenintensive archäologische Untersuchungen und vor allem systematisch betriebene Luftbildarchäologie, hat aus einer seltenen Fundgattung mittlerweile einen Regelbefund werden lassen. Wenige archäologische Denkmäler, die "Pfahlbauten" einmal ausgenommen, wurden in ihrer Funktion leidenschaftlicher diskutiert. Als um die Jahrhundertwende die ersten Wall-Graben-Anlagen bekannt wurden, schien es noch keine Zweifel zu geben. So trägt eine Publikation von 1910 den Titel "Der Festungsbau der jüngeren Steinzeit". Doch Funde regelloser Menschenknochen und vollständiger Gefäße wie im Erdwerk von Altheim (Bayern) oder Wälle, die wie im Fall der Beusterburg bei Alfeld (Niedersachsen) vor den Gräben lagen, brachten bald andere Deutungen ins Spiel. Ob nun befestigte Siedlung, Fluchtburg, Viehkraal, Marktplatz oder Kultstätte - die Frage nach der Funktion eines Erdwerks sollte beim momentanen Forschungsstand für jede Anlage neu gestellt werden. Die Erdwerks-Forschung in Nordhessen geht auf den Beginn dieses Jahrhunderts zurück: Im Jahr 1910 wurden in Kassel an der

Fundstelle "Niedervellmar" Siedlungsreste der jüngeren Linienbandkeramik (um 5.000 v. Chr.) untersucht, die einer Ziegeleigrube zum Opfer fallen sollten. Neben einem Gewirr von Pfostenlöchern und Abfallgruben, die der Ausgräber entsprechend der Forschungsmeinung jener Zeit für Grubenhäuser hielt ("Reinlichkeitssinn ist sicher nicht die starke Seite der Bewohner gewesen."), kam ein 23 m langes Grabenstück zutage, das aber in seiner Bedeutung zunächst nicht erkannt wurde - die berühmte bandkeramische Befestigungsanlage von Köln-Lindenthal, lange das "Musterbeispiel" eines Erdwerks, sollte erst 19 Jahre später entdeckt werden. Der Graben von "Niedervellmar" ist heute nur einer von vielen Fundpunkten auf der Verbreitungskarte bandkeramischer Erdwerke; er macht aber deutlich, warum solche Entdeckungen über Jahrzehnte Zufall und Ausnahme waren: Die untersuchten Flächen waren unzusammenhängend und viel zu klein, um eine Regelhaftigkeit in den Befunden erkennen zu können.

Aus der Zeit der Michelsberger Kultur (ca. 4.200-3.500 v. Chr.) liegen bisher zwei Erdwerke vor, beide zufällig im Rahmen von Ausschachtungsarbeiten entdeckt. Die Anlage von Bergheim bei Bad Wildungen wurde zwischen 1964 und 1983 am nördlichen Ederufer in mehreren Ausgrabungskampagnen detailliert untersucht. 1986 kam eine Anlage bei Wolfershausen hinzu, über deren Umfang vermutlich aufgrund] weitgehender Überbauung kaum noch Erkenntnisse zu gewinnen sind.

Rätselhafte Erdbrücken

In Bergheim beschreibt das Grabensystem einen Halbkreis von ca. 260 m Durchmesser. Die für viele Erdlwerke typischen "Erdbrücken", kurze Unterbrechungen im Grabenverlauf von wenigen Metern Breite, sind hier an zwei Stellen zu beobachten. Sie werden gewöhnlich als Tore interpretiert. Eine dieser Lücken wurde hinter dem Gräben durch eine Palisadenwand gesperrt, und es ist eine Überlegung wert, ob dies tatsächlich als befestigtes Tor gedeutet werden kann, zumal ein sinnvoller Zugang zwischen Graben und Palisade nicht mehr möglich war.

Vielleicht wurde hier ein ehemals vorhandener Zugang geschlossen, oder die Palisade einsetzte den Graben, dessen Unterbrechungen die Erbauer vielleicht aus Gründen für nötig hielten, die wir nicht ohne weiteres nachvollziehen können, und die beispielsweise im rituellen Bereich lagen. Im Norden scheint der Graben auf einer Länge von mindestens 25 m auszusetzen; auch hier übernimmt ein Palisadenriegel seine Funktion. Pfostenreihen im Inneren des Erdwerks, parallel zum Grabenverlauf ausgerichtet, zeugen von weiteren Befestigungs- oder Einhegungsmaßnahmen.

Das neue Bild der Wartbergkultur

Seit einigen Jahren liegt der regionale Forschungsschwerpunkt in der Zeit der Wartbergkultur (ca. 3.500-2.800 v. Chr.) , die in Hessen die Michelsberger Kultur ablöst. Sie hat den Archäologen im Lauf der Forschungsgeschichte manche Rätsel aufgegeben. Man behandelte bis in die siebziger Jahre hinein ihre charakteristischen Großsteingräber ("Galeriegräber") und Höhensiedlungen als zwei getrennte Phänomene ("Steinkistenkultur" und "Wartberg-Gruppe"), deren Datierung darüber hinaus heftig umstritten war. Heute steht fest, daß beide zeitlich wie kulturell zusammengehören, auch wenn das vielschichtige Erscheinungsbild dieser Kultur deutlicher denn je zum Vorschein kommt. So finden sich im Fundmaterial Hinweise auf intensive Kontakte mit Süd-, Mittel- und Nordwestdeutschland bis hin nach Nordfrankreich. Aus den Großsteingräbern von Züschen bei Fritzlar und Warburg in Ostwestfalen sind Wandsteine mit eingepickten Rinderzeichen bekannt, die eine Sonderstellung dieser Tiere in der Religion. wohl aber auch im weltlichen Leben belegen; in Züschen kommen Wagendarstellungen hinzu, die momentan zu den ältesten der Welt zählen. Neueste Forschungen zeigen, daß neben dem bisher vorherrschenden Siedlungstyp der Höhensiedlung durchaus auch befestigte Flachlandsiedlungen in der Nähe von Bachläufen vorkommen. Seit wenigen Jahren sind ferner große Erdwerke bekannt, zu deren prominentesten Vertretern Rimbeck in Westfalen und Calden in Nordhessen zählen. Zwei weitere Objekte in Nordhessen liegen bei Uttershausen und Helmarshausen. Sie sind trotz Probegrabungen bzw. Feldbegehungen bisher undatiert, aber gerade aufgrund ihrer Fundarmut "verdächtig", in die späte Jungsteinzeit zu gehören.

Vom Bewuchsmerkmal zum archäologischen Befund

Das 12 km nordwestlich von Kassel gelegene Erdwerk von Calden wurde 1976 aufgrund ausgeprägter Bewuchsmerkmale über den ehemaligen Gräben aus der Luft entdeckt. Bereits 10 cm-60 cm unter der Oberfläche steht hier massiver Muschelkalk an, in den die Gräben bis zu 1,7 m eingetieft sind. Verfüllt mit Kalksteinschutt und Erde, stellen sie einen Wasserspeicher dar, der sich deutlich auf das Pflanzenwachstum auswirkt.

Seit 1988 wird diese 14 ha umfassende Anlage von der Abteilung Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel untersucht. Da das Objekt in seiner Gesamtheit nicht gefährdet ist, erfolgen die Grabungen in Abstimmung mit der Archäologischen Denkmalpflege Hessen nur an ausgewählten Abschnitten, die zuvor durch Prospektionsmaßnahmen wie Bohrungen, Magnetometermessungen und Luftbildauswertung festgelegt werden. So wurde auch der gesamte Grabenverlauf erkundet, ohne zum kostenintensiven und letztlich zerstörenden Mittel der Ausgrabung greifen zu müssen.

Faszinierendes Dokument jungsteinzeitlicher Befestigungsarchitektur

Das Erdwerk besteht aus einem fast kreisförmigen Doppelgrabensystem von 70 x 390 m Durchmesser, das sich auf einem leicht geneigten Nordhang unter bewirtschafteten Feldern und Weiden erstreckt. Bereits auf den ersten Fotos waren mehrere Unterbrechungen des Doppelgrabens zu erkennen, die nach bisherigem Kenntnisstand zunächst als Tore gedeutet wurden. Durch neuere Luftbilder und ergänzende Magnetometermessungen sind nun insgesamt sieben solcher Lücken bekannt, von denen bisher zwei durch Ausgrabungen untersucht wurden. Auf die alte Frage, welchen Sinn so viele Zugänge bei einem Befestigungssystem ergeben, liefern die Ausgrabungen eine überraschende Antwort: in beiden Lücken befanden sich keine Tore, sondern bastionsartige Einbauten aus senkrechten Eichenstämmen, die den Raum zwischen den Grabenköpfen hermetisch abriegelten. Zum Inneren des Erdwerks hin waren sie mit einer doppelten Palisade verbunden, die hinter dem inneren Graben rund um die gesamte Anlage verlief und als eine Holz-Erde-Mauer mit erhöhtem Wehrgang gedeutet werden kann. Auch die Fundamentgräbchen für diese Einbauten wurden durch die vor 5.000 Jahren etwa 1 m mächtige Bodenschicht bis in den Muschelkalk eingetieft und haben sich dadurch, je nach Struktur des Untergrundes, sehr gut erhalten. Im Fall der Einbauten und Palisaden hielten die jungsteinzeitlichen Baumeister 10 cm-40 cm für ausreichend genug, um ein faszinierendes Dokument ihrer Befestigungsarchitektur zu hinterlassen.

Beide Bastionen scheinen auf einen gemeinsamen Bauplan zurückzugehen, der eine Dreiräumigkeit, den doppelt trapezoiden Grundriß sowie einen schmalen Zugang in die Bastion durch die doppelte Palisade hindurch vorschrieb.

Einbauten solcher Perfektion und Einheitlichkeit, die den Gedanken an einen Baumeister nahelegen, sind für die mitteleuropäische Jungsteinzeit bisher ohne Beispiel. Dennoch gibt es Hinweise dafür, daß Bastionen und Schanzen, wenn auch nicht in dieser entwickelten Form, durchaus zu Repertoire der Erbauer von Erdwerken gehörten. So sind aus einer Anlage der Michelsberger Kultur von Urmitz bei Koblenz und einer in etwa zeitgleichen Befestigung bei Sandomierz in Südpolen funktionsverwandte Konstruktionen bekannt.

Befestigung oder Kultstätte

Einer Deutung des Caldener Erdwerks als Befestigungsanlage scheint somit nichts im Wege zu stehen, doch gibt es eine Reihe von Beobachtungen, die nicht in dieses Bild passen. So verfielen beispielsweise die Gräben nicht auf natürliche Weise, sondern wurden vermutlich schon nach wenigen Jahren mit Kalksteinschutt, Erde sowie stark fragmentierten Tier- und - seltener - Menschenknochen aufgefüllt. Keramik tritt spärlich auf dann aber so stark zerscherbt, daß eine Restaurierung der Gefäße große Schwierigkeiten bereitet. Auffällig sind Hirschgeweihe und Geweihteile, die sowohl auf der Grabensohle als auch in der Füllung zutage kamen. Sie weisen keine Gebrauchsspuren auf und könnten als bewußte Deponierungen interpretiert werden. Auch wurde eine der Bastionen nicht zu Ende gebaut: dort, wo normalerweise die Wand verlief, befand sie eine Grube mit niedergelegtem Hirschgeweih; die Wand selbst gelangte nur unvollständig zur Ausführung.

 

© Dirk Raetzel-Fabian (www.jungsteinsite.de - 14. November 1999)

 

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