Irene Kappel:
Calden (Kreis Kassel) - Jungneolithisches Erdwerk.
Denkmalpflege in Hessen 1989, Heft 2, 18-19.

Text ohne Abbildungen

Das Caldener Erdwerk zeigt sich nach länger anhaltender Trockenheit im Luftbild als annähernd kreisförmiger Doppelgraben, der - wie wir heute auch aufgrund von geophysikalischen Messungen und Geländebeobachtungen wissen - an sieben Stellen unterbrochen ist. Die Gräben umschließen ein erstaunlich großes Areal von rund 450 m Durchmesser und 14 Hektar Flächeninhalt, gelegen auf einem leicht ansteigenden Hang.

Durch einen Kalksteinbruch ist über eine Länge von mindestens 80 m der äußere Graben ganz, der innere teilweise zerstört, der Innenraum jedoch blieb unberührt. Die erste Grabungsfläche wurde im Anschluß an diese Störung angelegt, an einer Stelle, wo alles für eine Lücke im Grabensystem sprach. Schon nach dem Abschieben des Ackerbodens, der dort unmittelbar auf dem Muschelkalk aufliegt, bestätigte sich unsere Vermutung. Mehr als dies: zwischen den erwarteten vier Grabenköpfen fanden sich, ebenfalls in den Kalkstein eingetieft, die Fundamentgräben eines zweiräumigen, nach außen hin geschlossenen Einbaus, wie er in solcher Regelmäßigkeit bisher von keinem anderen Platz bekannt ist. Dieser Einbau dürfte eher als Bastion denn als Tor anzusprechen sein. Zum Innenraum hin folgen parallel zu den Hauptgräben noch zwei Palisadengräbchen, deren ehemals vorhandene Hölzer einer Stein-Erde-Aufschüttung (Grabenaushub) Halt gaben und vermutlich in einem Wehrgang endeten. Zwischen den zwei Hauptgräben ist höchstwahrscheinlich ein Wall anzunehmen. Berücksichtigt man eine erodierte Erdschicht von bis zu 1 m Mächtigkeit, in die die schrägen Wände der bis zu 1,70 m tief in den Kalk eingetieften Sohlgräben sich noch weiter fortgesetzt haben, so scheint allerdings der verbleibende Zwischenstreifen für einen Wall relativ schmal.

In den bereits im Neolithikum wieder verfüllten Gräben fand sich eine große Zahl von Scherben und meist zersplitterten Tierknochen, auch Fragmente menschlicher Knochen, darunter zwei Schädeldecken. Auffällig ist eine Reihe von Hirschgeweihstangen, überwiegend aus dem Bereich der Grabensohle, die teilweise durch Abnutzungsspuren als Geräte ausgewiesen sind. Holzkohlereiche Schichten in beiden Gräben und dem Fundamentgraben der Außenwand des Einbaus zeugen von einem Brand. Die keramischen Funde lassen erkennen, daß die Anlage der Wartbergkultur angehört (etwa 3.500 bis 2.800 v. Chr.). Diese Kultur ist gerade in Nordhessen durch kleinere Höhensiedlungen und Megalithgräber sehr gut belegt. Bekannt ist vor allem das Grab von Züschen mit seinen im Innern angebrachten zeichenhaften Darstellungen von Rindergespannen. Ein Erdwerk dieser Größe hingegen war hier bisher noch nicht bekannt.

Die Funktion der Anlage ist noch unklar. Handelt es sich um eine größere befestigte Siedlung? Ist es ein zentraler Ort für eine ganze Region, an dem man aus vielleicht unterschiedlichen Anlässen zusammenkam? Der für den Bau einer solchen Anlage notwendige Personenkreis dürfte jedenfalls größer sein als die Bewohnerschaft einer einzigen Siedlung (mehr als 10.000 Bäume waren zu fällen, mehr als 5.000 Kubikmeter Gestein zu lockern und zu bewegen).

Künftige, auch geophysikalische Untersuchungen sollen hauptsächlich folgende Fragen klären: Wie sehen eventuelle Einbauten in den übrigen Grabenlücken aus (Tore, Bastionen)? Wie steht es mit der Besiedlung des Innenraums? Wie lange bestand die Anlage? Und vor allem: Welche Funktion(en) erfüllte sie?

Die Ausgrabungen werden von der Abteilung Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel (Hessisches Landesmuseum) durchgeführt.

 

 © Irene Kappel (www. jungsteinsite.de - 14. November 1999)

 

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