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Calden - Erdwerk und Galeriegräber
des 4. Jahrtausends v. Chr.
Das Galeriegrab Calden II
www.jungsteinsite.de - Artikel vom 14. November 1999
(letzte Aktualisierung 02. Februar 2001)
Dirk Raetzel-Fabian
Zwischen 1990 und 1992 wurde nur einhundert Meter südlich des
Erdwerks von Calden ein weiteres Galeriegrab untersucht, das in Architektur und
Ritus enge Verbindungen zum Grab I am Ortsrand aufweist.
Chronologisch ist es jedoch eindeutig jünger und zeigt in seinem Fundmaterial
enge Parallelen zur Nutzungsphase B des Erdwerks.
Calden: Gallery grave II
Completely excavated between 1990 and 1992, the Calden II gallery
grave offers, despite being largely damaged, detailed information on its
construction principles. Foundation trenches for the sidestones and the
grave floor had been dug into the limestone close to the surface. Architecture
and ritual correspond to grave I 1 km distant, but finds and
radiocarbon dating suggest a close connection with the re-use (phase B) of the
nearby enclosure (c. 3200 - 3000 BC). Traces of cremations between the
bones of the regular burials indicate the existence of different funeral rites. The
"de-construction" of the grave in the course of ritual activities is well
illustrated by the removal of a sidestone and the deposition of a sheep in
the Middle Bronze Age.
Lage und Entdeckung
Grab II liegt unmittelbar südlich des Erdwerks, ca. 100 m außerhalb des
Grabenringes. Direkt unter einem Wirtschaftsweg gelegen, wurde die Anlage
bereits 1969 beim Verlegen einer Wasserleitung angeschnitten, jedoch als
zerstörtes Hügelgrab interpretiert und nicht weiter untersucht. Eine
Überprüfung der damaligen Fundumstände anläßlich der ab 1988 laufenden
Untersuchungen am Erdwerk ließ jedoch den Verdacht auf ein Galeriegrab
aufkommen, zumal 1969 größere Quarzitblöcke und menschliche Knochen zutage
gekommen waren. Ein erster Suchschnitt 1990 bestätigte den Verdacht; in der
Folge wurde die Anlage parallel zu den Grabungen im Erdwerk bis 1992
vollständig untersucht.
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| Abb. 1:
Wintergrabung
1991/92.
Fig. 1: Winter campaign 1991/92.
© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel |
Abb. 2:
Lage des Fundortes ca. 100 m südlich des Doppelgrabensystems.
Fig. 2: Location of the site c. 100 m south of the enclosure.
© Dirk Raetzel-Fabian |
Grabarchitektur
Die Eingriffe durch die Baumaßnahme von 1969 und weitere Störungen von der
Bronzezeit bis ins Mittelalter haben die Anlage weit mehr als Grab I in
Mitleidenschaft gezogen. Daß dennoch eine vollständige Rekonstruktion des
Grund- und Aufrisses möglich ist, liegt an der besonderen Konstruktionsweise:
Ähnlich wie im Bereich des Erdwerks wurden die Fundamentgräben für
die Wandsteine in den dicht unter der Oberfläche anstehenden Muschelkalk
eingetieft; gleiches gilt für die Grabsohle. In dieser Form erwiesen sich die
Befunde als äußerst robust gegenüber späteren Störungen.
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Abb. 3:
Eingangsbereich des Grabes mit Fundamentgräben und eingekipptem
Wandstein. Blick nach Norden.
Fig. 3: Foundation trenches in the entrance area and dumped sidestone. View to
the north.
© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel |
Abb. 4:
Rückwärtiger (westlicher) Teil des Grabes mit Grabsohle und
Wandsteinresten in den Fundamentgräben. In diesem Bereich wurden intakte
Bestattungsschichten angetroffen. Blick nach Süden.
Fig. 4: Rear (western) part of the chamber after the removal of the skeletal
remains. Foundation trenches with a damaged sidestone
(in situ) in the foreground. View to
the south.
© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel |
Das Grab ist südwest-nordöstlich ausgerichtet, der Eingang befand sich im
Nordosten. Die Außenlänge beträgt 11,9 m, die maximale Breite des Befundes
3,8 m. Anhand von Standspuren in den Fundamentgräben und in späterer Zeit
angelegten Ausbruchgruben zum Entfernen von Steinen kann die ehemalige Anzahl
der Wandsteine auf 18 hochgerechnet werden. Drei noch erhaltene Exemplare im
vorderen wie hinteren Bereich der Anlage ermöglichen eine Rekonstruktion der
lichten Höhe der Grabkammer: Sie lag bei ca. 1,4 m im Eingangsbereich und 1,05
m im hinteren Teil der Kammer. Wie bei Grab I bleibt die Gestaltung des Eingangs unsicher. Anhand der Parallelen aus dem übrigen Arbeitsgebiet ist ein
Zugang in die Kammer durch einen Lochstein hindurch jedoch die wahrscheinlichste
Variante.
Die Anlage dürfte zur Zeit ihrer Benutzung überhügelt gewesen sein.
Zahlreiche Kalk- und Sandsteinplatten um das Grab herum sprechen für einen mit
Plattenlagen eingefaßten Hügelfuß und eine Fassade aus Trockenmauerwerk im
Eingangsbereich.
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Abb. 5:
Rekonstruktionsversuch auf der Grundlage des
Gesamtplans.
Fig. 5: Suggested reconstruction of the gallery grave. Black filled
sidestones in the ground
plan indicate orthostats, which have survived, offering information on the
height of the chamber .
The reconstructed positions of the side stones and capstones (both hatched) depend partly on features
observed in the limestone bedrock. The perforated entrance stone
("Lochstein") suggested here is a common feature in gallery graves.
© Dirk Raetzel-Fabian |
Bestattungen
Trotz der massiven Störungen waren die Bestattungslagen im hinteren Drittel
des Innenraumes gut erhalten. Das Totenritual erscheint dabei in großen Teilen
identisch mit den Beobachtungen in Calden I. Die Beobachtungen während der
Grabung und die anthropologischen Analyse durch Kerstin Pasda (Erlangen)
bestätigen, daß auch hier die Verstorbenen in gestreckter Rückenlage
längs zur Grabachse und mit dem Kopf zum Eingang niedergelegt wurden. Daneben
gibt es Indizien für eine Orientierung von Kindern quer zur
Hauptbestattungsrichtung. Vereinzelt auftretender Leichenbrand belegt birituelle
Bestattungsweise, ein in der Wartbergkultur mehrfach auftretender Befund
(Altendorf: Jordan 1954; Rimbeck: unpubl.). Die Mindestindividuenzahl liegt bei 78; bezogen auf den
gesamten Innenraum kann also von mindestens 200 ehemals Bestatteten ausgegangen
werden.
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Abb. 6:
Teilzerstörte Bestattung einer adulten Frau. Unmittelbar
nordwestlich eine flankierende Steinsetzung.
Fig. 6: Burial of an adult woman. This feature can be seen in Fig. 7 directly
above the scale.
© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel |
Abb. 7:
Übersicht über die erhaltene Bestattungsschicht im
rückwärtigen Teil des Grabes; eingekippte Wandsteine (links unten, oben). Die
Bestattung aus Abb. 6 befindet sich unmittelbar über dem Maßstab.
Fig. 7: The burial layer in the rear part of the chamber.
© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel |

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Beigaben
Auch die Beigabensitte entspricht den Verhältnissen in Grab I. Keramische
Funde konzentrieren sich auf den Eingangsbereich vor dem Grab, mit Indizien für
eine in situ-Zerscherbung. Zu den Gefäßformen zählen eine Trommel mit
Lochbuckelverzierung im Fußbereich Abb. 8 unten), eine tiefstichverzierte Schale, eine
kalottenförmige Schale mit Bandhenkel, ein Kragenflaschenfragment und
Randscherben von eiförmigen Töpfen mit tiefen Einstichen unterhalb des Randes,
wie sie als Leitform in der Nutzungsphase B des Erdwerks auftreten. Ebenfalls im
Eingangsbereich wurde das Fragment eines großen Rechteckbeiles aus Wiedaer
Schiefer gefunden. Aus dem Inneren der Kammer stammt eine Trommel, die wohl
nicht als Ausstattung einer bestimmten Person, sondern eher als Instrument im
Rahmen des Totenkultes interpretiert werden muß (Abb. 8 oben).
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Abb. 8:
Trommelgefäße aus der Grabkammer (oben) und aus dem
Eingangsbereich. Höhe des kleinen Gefäßes 21,5 cm.
Fig. 8: Pottery (drums).
© Staatliche Museen Kassel (Zeichnung: Heidi
Hogel) |
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Abb. 9:
Detail der Bestattungsschicht mit durchbohrten Tierzähnen vom Pferd und
Braunbär (Bildmitte).
Fig. 9: Detail of the burial layer with perforated teeth of horse
(equus)
and brown bear (ursus arctos) in the centre.
© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel |
Die übrigen Funde aus der
Bestattungsschicht bestehen aus durchbohrten Tierzähnen (Hund, Fuchs, Dachs,
Wolf, Pferd, Braunbär; Bestimmung: Kerstin Pasda, Erlangen), unretuschierten Flintklingen
sowie einer Reihe von triangulären und querschneidigen Pfeilbewehrungen aus
Flint und Kieselschiefer. Bemerkenswert ist eine ringförmige Bernsteinperle
sowie eine polierte, durchbohrte Knochenscheibe.
Datierung
Zwei 14C-Daten an Knochen aus der Bestattungsschicht ergaben
gegenüber Calden I ein deutlich jüngeres Alter (um 3100 v. Chr.). Dieses
Ergebnis stimmt mit den unmittelbaren Bezügen der Keramik zur Nutzungsphase B
des Erdwerks und der
typochronologischen Datierung der Tiefstichkeramik überein (Trichterbecher-Westgruppe,
Horizont Brindley 4).
Spätere Aktivitäten im Grabbereich
Wann die „Demontage" des Grabes, die Extraktion der ersten Wandsteine
begonnen hat, ist nicht zu ermitteln. Becherscherben im Störungsbereich
oberhalb eines verkippten Wandsteins gehören in die Zeit der (frühen?)
Einzelgrabkultur. Am Ende der mittleren Bronzezeit (nach 14C-Daten)
wurde ein Abschlußstein auf einer der Längsseiten entfernt, in der
entstandenen Grube ein Feuer entfacht und nach dem Erkalten der Glut ein sechs
Monate altes Schaf niedergelegt (Abb. 10). Im Anschluß wurde das Tier mit einer
Steinpackung abgedeckt. Es ist denkbar, daß mit diesen rituellen Aktivitäten
auch die Versenkung des unmittelbar benachbarten Wandsteines zusammenhängt,
für den eine Grube in den anstehenden Kalk des Kammerbodens geschlagen wurde
(vgl. Abb. 3).
Ein dichter Scherbenschleier belegt in der Folge bis in die Eisenzeit hinein
Aktivitäten am Grab. Für den besonders massiven südöstlichen Abschlußstein
ist schließlich eine Extraktion im Hochmittelalter nachweisbar.
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Abb. 10:
Niederlegung eines
Schafes im Abschluß eines Fundamentgrabens.
Fig. 10: Deposit of a sheep (ovis) within a foundation trench.
The deposition can be dated to 1300 - 1200 calBC by radiocarbon.
© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel |
Die Gräber Calden I und II im Vergleich
Während das in beiden Fällen verwendete Baumaterial Tertiärquazit von der
lokalen Verfügbarkeit bestimmt wurde, sind in den Abmessungen der Kammern
deutliche Ähnlichkeiten vorhanden. Augenfällig wird dies in der identischen Kammerbreite, eine Übereinstimmung, die kaum auf Zufall
beruhen dürfte. Der Abstandswert für die Mittellinien der Fundamentgräben,
der zwischen 2,65 und 2,80 schwankt, entspricht dem Zweifachen des Maßes, das
für die Breite der Zugänge in das Erdwerk hinein ermittelt wurde. In der
Länge scheint Calden I die spätere Anlage um ein Wandsteinpaar zu
übertreffen.
Grabritus und Beigabensitte entsprechen sich bis ins Detail. Lediglich
Leichenbrand wurde in Calden I nicht beobachtet, was aber möglicherweise auf
die damalige Grabungstechnik zurückzuführen ist. Umso mehr erstaunt der
zeitliche Abstand zwischen den Anlagen. Grab I wurde, nach der Keramik und den
14C-Daten
zu urteilen, am Beginn der Wartbergentwicklung um oder noch vor 3400 v. Chr. errichtet. Für Grab II gibt es dagegen keine Indizien, die eine Konstruktion
vor wesentlich vor 3200 v. Chr. zulassen; die beiden Anlagen folgen demnach
zeitlich aufeinander, verbunden durch eine gemeinsame Tradition in Architektur und Ritus.
Literatur
Brindley, A.L.:
The typochronology of TRB West Group pottery. Palaeohistoria 28, 1986, 93-132.
Günther, Klaus:
Die Kollektivgräber-Nekropole Warburg I-V. Bodenaltertümer Westfalens 34. Mainz 1997.
Jordan, Wilhelm:
Das Steinkammergrab von Altendorf, Kr. Wolfhagen. Kurhessische Bodenaltertümer 3 (Hrsg. Otto Uenze). Marburg 1954, 5-26.
Raetzel-Fabian, Dirk:
Die archäologischen Ausgrabungen bei Calden 1988-1992. Vom Befund zur
Interpretation. Jahrbuch `93 des Landkreises Kassel. Kassel 1992, 7-14. [zum
Text]
Dirk Raetzel-Fabian:
Calden: Erdwerk und Bestattungsplätze des Jungneolithikums. Architektur -
Ritual - Chronologie.
Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 70. Bonn 2000.
Uenze, Otto:
Das Steinkammergrab von Calden, Kr. Hofgeismar. In: Steinzeitliche Grabungen
und Funde (Hrsg. Otto Uenze). Kurhessische Bodenaltertümer 1. Marburg 1951,
22-31.
© Dirk Raetzel-Fabian 1999
Dirk Raetzel-Fabian
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D-34119 Kassel
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