Calden - Erdwerk und Galeriegräber des 4. Jahrtausends v. Chr.

 

Das Galeriegrab Calden I
www.jungsteinsite.de - Artikel vom 14. November 1999
(letzte Aktualisierung 02. Februar 2001)

Dirk Raetzel-Fabian

 

1948 entdeckt, spielte die Anlage aufgrund der spärlichen keramischen Funde und der scheinbaren isolierten Lage zwischen den Verbreitungszentren der Wartbergkultur bei Fritzlar und Warburg in der Forschung zunächst keine größere Rolle. Im Rahmen des Calden-Projektes wurden Befunde und Fundmaterial erneut analysiert sowie 14C-Daten am Knochenmaterial veranlaßt. Calden I ist heute ein wichtiger Baustein für das Verständnis der älteren Wartbergkultur.

 

Calden: Gallery grave I
Within the scope of the Calden project, features and finds of the gallery grave Calden I, which had been originally excavated in 1948, were re-examined. Based on typological considerations (affinities to Baalberge and probably Michelsberg) and radiocarbon dates on human skeletal remains, its construction can be dated to c. 3400 BC or perhaps somewhat before. Despite the striking similarity between Calden I and II regarding architecture and burial rites, the use of Calden I seems to end with the construction of grave II and phase B of the Calden enclosure.

 

Lage und Entdeckung

Das Grab liegt südlich des Ortskerns in einem kleinen Tälchen, in unmittelbarer Nähe zweier Quellen, die den Bach Calde speisen. Die Anlage wurde östlich des Baches, knapp über der Bachaue errichtet und liegt sehr geschützt ohne Rundumsicht. Der Eingang ist nach Südosten orientiert.

Luftbild Abb. 1: Lage des Grabes im Luftbild. Die ehemalige Position wird durch den Pfeil markiert. Blick nach Südwesten.

Fig. 1: Aerial view of the gallery grave Calden I site, excavated in 1948 (position indicated by the arrow).

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Die Untersuchung erfolgte 1948 durch Otto Uenze unter Mithilfe von Hans-Jürgen Hundt innerhalb von nur 6 Wochen, nachdem im Jahr zuvor ein großer „Findling" angepflügt worden war (Uenze 1951). Bis zu den Ausgrabungen des Calden-Projektes blieb das Grab ein isolierter Fundpunkt zwischen den Verbreitungszentren der Wartbergkultur in der Fritzlarer und Warburger Börde. Der Zerstörungsgrad des Grabes und das scheinbar unspezifische keramische Fundmaterial führten dazu, daß die Anlage in der wissenschaftlichen Diskussion bisher keine größere Rolle spielte.

Plan des Grabes

Grabarchitektur

Durch Störungen in der römischen Kaiserzeit und im Mittelalter wurde das Grab erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Zwei Wandsteine befanden sich noch in situ, zwei weitere waren in den Innenraum gekippt. Außerhalb des Grabes vor dem ehemaligen Eingang fanden sich zwei Decksteine im Bereich einer großflächigen kaiserzeitlichen Störung. Mit Hilfe der Fundamentgräben für die Wandsteine und der Position erhaltener Steine läßt sich der Grund- und Aufriß des Grabes rekonstruieren.

Danach bestand die Anlage aus ca. 20 Wandsteinen aus Tertiärquarzit; hinzu kommen ca. 10 Decksteine. Die Außenlänge betrug 12,6 m, die Breite 3 m. Die südöstliche Querwand war gegenüber den Enden der Schmalseiten um ca. 1,2 m zurückgesetzt; dieser Befund entspricht dem üblichen Bauschema der Galeriegräber vom Typ Züschen und legt einen Eingang in Form eines Lochsteines in diesem Bereich nahe. Standspuren des Abschlußsteines im Nordwesten haben sich nicht erhalten. Die ehemalige lichte Höhe des Grabinnenraumes läßt sich auf 1,0 bis 1,5 m schätzen. In den Abmessungen entspricht Calden I sehr genau dem ca. 1 km entfernten Grab II, lediglich die Länge scheint um ein Joch zu differieren. Angesichts der unterschiedlichen Abmessungen der Gräber in der Nekropole von Warburg (Günther 1997) scheint hier eine explizite Bautradition vorzuliegen.

Abb. 2: Plan des Grabes (nach Uenze 1951). Der Eingang befand sich im Südosten (auf der Zeichnung oben).

Fig. 2: Calden I. Plan of the gallery grave (after Uenze 1951). The entrance was located in the southeast.

Bestattungen

Trotz der späteren Störungen waren Teile der Bestattungsschicht noch intakt. Obwohl keine vollständig erhaltenen Skelette angetroffen wurden, lassen zahlreiche Skelettelemente im anatomischen Zusammenhang eine Rekonstruktion der Totenhaltung zu. Die Verstorbenen wurden in gestreckter Rückenlage parallel zur Längsrichtung des Grabes und mit dem Kopf zu Eingang hin niedergelegt. Dies entspricht dem Befund in anderen Galeriegräbern (Altendorf, Calden II, Wewelsburg I). Zum Teil scheinen die Körper nebeneinander (in Reihen?) niedergelegt worden zu sein; in einem Fall wurde eine vierfache Überlagerung von Skelettelementen beobachtet.

Grabung 1948, Übersicht Grabung 1948, Detail
Abb. 3: Das Grab während der Grabung 1948.

Fig. 3: Calden I during the excavation in 1948.

© Staatliche Museen Kassel

Abb. 4: Detail der Bestattungsschicht (1948).

Fig. 4: Detail of the burial layer (1948).

© Staatliche Museen Kassel

Die Zahl der Bestattungen wird vom Ausgräber mit 40 bis 80 angegeben; aus den Grabungsunterlagen geht hervor, daß mindestens 40 Schädel vorhanden waren. Dem anthropologischen Bearbeiter Alfred Czarnetzki lagen in den 60er Jahren die Reste von mindestens 30 Individuen vor.
Aufgrund der Kürze der Untersuchung und des Zerstörungsgrades kann davon ausgegangen werden, daß nur ein Teil der ursprünglichen Bestattungen erfaßt wurde. Die Gesamtzahl wird man vorsichtig auf 100 bis 200 schätzen können.

Beigaben

Innerhalb der Grabkammer wurde keine Keramik gefunden - alle Funde stammen aus dem Bereich der kaiserzeitlichen Störung im Eingangsbereich. Entsprechend den Verhältnissen in Calden II kann vermutet werden, daß auch hier Keramik im Zuge des Totenrituals vor der Kammer verblieb und den Toten nicht in das Kammerinnere begleitete. 

Pfeilspitzen Die Verstorbenen wurden mit dem beigesetzt, was sie als persönliche Ausrüstung am Körper trugen: Hierzu gehören durchbohrte Tierzähne (Hund, seltener Wildkatze, Schwein, Rind, Braunbär, Rothirsch) als Trachtbestandteile, Tierunterkieferhälften (Fuchs, in einem Fall Reh; alle Bestimmungen: Kerstin Pasda, Erlangen), Flintklingen und eine große Zahl von Pfeilbewehrungen aus Flint und Kieselschiefer, die das ganze Spektrum der zeitgenössischen Formen abdecken - wohl Reste von Jagdausstattungen. Zu den Besonderheiten zählt eine axtförmige, durchbohrte Bernsteinperle und Spuren grüner Patina auf dem Boden der Grabkammer, die für das ehemalige Vorhandensein von Kupfergegenständen unter den Beigaben spricht.

 

Abb. 5: Pfeilspitzen. Ohne Maßstab.

Fig. 5: Arrowheads.

© Staatliche Museen Kassel (Zeichnung: Heidi Hogel)

Von den keramischen Funden kann lediglich ein kleiner Trichterbecher mit Innenösen vollständig rekonstruiert werden; er hat seine beste Parallele in einem Baalberger Gefäß aus Alsleben, das nach Beifunden und einem 14C-Datum in die Baalberger Kultur gehört (Döhle et al. 1992). Auch die meisten übrigen Gefäßreste stammen von Trichterrandgefäßen, die z.T. eine feine, randbegleitende Einstichreihe aufweisen. Hinzu kommt ein unverzierter Bandhenkel sowie Fragmente von einfachen Schalen. Ob eine Arkadenrandscherbe der Michelsberger Scherbe im Zusammenhang mit der Grabanlage steht, ist unklar. Angesichts der typochronologischen Bezüge des Ösenbechers ist dies jedoch nicht mehr auszuschließen.

Gefäßspektrum Abb. 6: Gefäßspektrum (Formen z.T. rekonstruiert). Höhe des Ösenbechers (links) 8,0 cm.

Fig. 6: Characteristic pottery (partly reconstructed).

© Staatliche Museen Kassel (Zeichnung: Heidi Hogel)

Datierung

Zwei 14C-Datierungen an Menschenknochen geben für die Bestattungen einen terminus a quo im 34. Jh. v. Chr. Dies entspricht den Ergebnissen aus der Galeriegrab-Nekropole Warburg (Raetzel-Fabian 1997a). Der Beginn der Belegung dürfte damit spätestens um 3400 v. Chr. beginnen. Das Fehlen von Formen, wie sie in der Hauptnutzungsphase B des Erdwerks und in Calden II vorliegen, deutet an, daß die Belegung des Grabes zu dieser Zeit (um 3200) bereits ein Ende gefunden hatte.

Ein Menhir in Grabnähe?

Während der Ausgrabungen berichtete ein Einheimischer von einem großen Stein, der vierzig Jahre zuvor 34 Meter nordöstlich des Grabes geborgen worden war. Die Maße wurden mit 4,0 x 0,6 x 0,6 m angegeben. Noch 1948 war an der Entnahmestelle eine Mulde im Acker erkennbar. Auf dem Luftbild zeichnet sich hier eine ausgeprägte dunkle Verfärbung ab (Abb. 1: unterhalb des Pfeiles am Kreuzungsbereich zweier Feldwege). Der Verbleib des Steines konnte nicht mehr festgestellt werden. Angesichts der Abmessungen ist eine Deutung als Menhir erwägenswert, zumal ähnliche Befunde mittlerweile von einer ganzen Reihe grob zeitgleicher Kollektivgräber des Arbeitsgebietes bekannt sind (Großenrode I und II, Odagsen: Heege/Heege 1989; Heege 1992; Rinne 1997; Muschenheim: Menke 1993; Gudensberg: Raetzel-Fabian 1997b). Grab und fraglicher Menhir könnten im Zusammenhang mit ihrer Lage im muldenartig geschützten Quellbereich als Bestandteile eines kleinen religiösen Bezirkes gedeutet werden.

 

Literatur

Döhle, Hans-Jürgen / Wagner, Karin / Weigelt, Jürgen:
Eine Opfergrube der Baalberger Kultur von Alsleben, Ldkr. Bernburg. Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 75, 1992, 51-69.

Günther, Klaus:
Die Kollektivgräber-Nekropole Warburg I-V. Bodenaltertümer Westfalens 34. Mainz 1997.

Heege, Elke und Andreas:
Die Häuser der Toten. Jungsteinzeitliche Kollektivgräber im Landkreis Northeim. Wegweiser zur Vor- und Frühgeschichte Niedersachsens 16. Hildesheim 1989.

Heege, Andreas:
Nur eine Kreisstraße... Archäologische Funde und Befunde beim Ausbau der Kreisstraße 425 Moringen-Großenrode 1988-1990. Neue Ausgrabungen und Forschungen in Niedersachsen 20, 1992, 27-80.

Menke, Manfred:
Neue Ausgrabungen in der Megalithanlage "Heilige Steine" bei Muschenheim (Lkr. Gießen). Vorbericht über die Ausgrabungskampagnen 1989 bis 1992. Germania 71.2, 1993, 279-314.

Raetzel-Fabian, Dirk (1997a):
Absolute Chronologie. In: Klaus Günther, Die Kollektivgräber-Nekropole Warburg I-V. Bodenaltertümer Westfalens 34. Mainz 1997. 165-178.

Raetzel-Fabian, Dirk (1997b):
Anatomie eines Sonderfalles - das Galeriegrab im Gudensberger Stadtwald ("Lautariusgrab"). In: Daniel Bérenger (Hrsg.), Archäologische Beiträge zur Geschichte Westfalens. Festschrift für Klaus Günther. Internationale Archäologie, Studia honoraria 2. Rahden 1997, 59-72.

Dirk Raetzel-Fabian:
Calden: Erdwerk und Bestattungsplätze des Jungneolithikums. Architektur - Ritual - Chronologie.
Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 70. Bonn 2000.

Rinne, Christoph:
Das jungsteinzeitliche Kollektivgrab II von Großenrode, Lkr. Northeim. Archäologische Informationen 20.1, 1997, 199-201.

Uenze, Otto:
Das Steinkammergrab von Calden, Kr. Hofgeismar. In: Steinzeitliche Grabungen und Funde (Hrsg. Otto Uenze). Kurhessische Bodenaltertümer 1. Marburg 1951, 22-31.

 

© Dirk Raetzel-Fabian 1999

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