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Calden - Erdwerk und Galeriegräber des 4. Jahrtausends v.
Chr.
Das Erdwerk (2) - Funde, Chronologie, Nutzung
www.jungsteinsite.de - Artikel vom 14. November 1999
(letzte
Aktualisierung 02. Februar 2001)
Dirk Raetzel-Fabian
[Zusammenfassung
/ Abstract s. Das Erdwerk (1)]

Grabenverfüllung
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Abb. 1:
Präparation
eines Fundensembles auf der Grabensohle (Außengraben, Areal G).
Fig. 1: A deliberately placed assemblage of finds on the floor of the
ditch, deposited shortly after the completion of the enclosure.
© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel |
Abb. 2:
Detail.
Tierknochen, Rinderhornzapfen (unten links, menschlicher Schädel
(rechts).
Fig. 2: Detail: animal bones, cattle horn (bottom left), human skull (right).
© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel |
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Abb. 3:
Fund einer
Hirschgeweihhacke im Bereich der Grabensohle (Außengraben, Areal A).
Fig. 3: Antler pick above the floor of an outer ditch
(area A).
© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel |
Abb. 4:
Grube mit z.T.
rot geglühten Kalksteinen und Hirschgeweihhacke (rechts; Einbaubereich,
Areal E).
Fig. 4: Pit with heat-reddened limestone blocks and an antler pick
(right).
© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel |
Während der Untersuchungen bestand die Möglichkeit, einen ausgehobenen
Graben über Winter ungeschützt offen stehen zu lassen. Trotz nur weniger
Frosttage zeigten sich erhebliche Verwitterungserscheinungen an den
Grabenflanken. Da alte Erosionsspuren größeren Ausmaßes an den frisch ausgegrabenen Grabenflanken
nicht zu beobachten waren, muß die Verfüllung der Gräben also mehr oder
weniger unmittelbar nach deren Ausheben erfolgt sein.
Das Füllmaterial bestand im wesentlichen aus Kalksteinschotter, durchmischt
mit wechselnden Bodenanteilen, Tierknochenfragmenten und wenig Keramik (ca. 17
kleinteilige Scherben auf 1 m Grabenlänge).
Auf der Grabensohle und in basisnahen Schichten fanden sich gehäuft
Hirschgeweihhacken und Geweihfragmente (Abb. 3, 5-6). In zwei Grabenköpfen wurden auf der
Sohle Ensembles aus menschlichen Schädelteilen, Rinderhornzapfen, größeren
Tierknochen und Steinen freigelegt (Abb. 1-2). Einzelne kleinere menschliche Skeletteile
traten auch in höheren Grabenschichten auf.
Die sehr homogen wirkende Kalksteinverfüllung verhinderte eine detaillierte
Rekonstruktion der Verfüllgeschichte, doch zeigte sich dort, wo in den Profilen
Bodenlinsen oder unterschiedliche Kalksteinvarietäten auftraten, daß mit sehr
kleinräumigen, chaotischen und im wesentlichen wohl anthropogenen
Verfüllprozessen gerechnet werden muß.
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Abb. 5:
Geweihhacken.
Länge des unteren Exemplars 25 cm.
Fig. 5: Antler picks.
© Staatliche Museen Kassel (Zeichnung: Heidi
Hogel) |
Abb. 6
(oben):
Geweihstange.
Abb. 7: Zusammengehörige Fragmente eines
Gefäßes aus der Grabenfüllung (Nutzungsphase B).
Fig. 6 (top): Antler. Fig. 7: Pottery sherds of a single vessel from the fill
(phase B).
© Dirk Raetzel-Fabian |
Chronologie und Nutzungsgeschichte
Zur Rekonstruktion der Nutzungsgeschichte des Erdwerks kann auf 28
14C-Daten
an Holzkohle und Tierknochen zurückgegriffen werden. Das Probenmaterial stammt
aus der Grabenfüllung und von Holzkohle, die bei partiellen Bränden im Bereich
der Einbauten entstand. Danach ergeben sich folgende Nutzungsphasen:
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Hauptnutzungsphase A
Die Auswertung der Datierungen für die Einbauten und basisnahen Grabenschichten
ergibt
übereinstimmend eine Errichtung und erste Grabenverfüllung ca. im 37. Jh. v.
Chr. Die Niederlegungen im Bereich der Grabensohle gehören in diesen
Abschnitt, dazu geringe Mengen Keramik, die Bezüge zu Michelsberg V in der
Wetterau (Höhn 1994) und Ostwestfalen (Pfeffer
1999) und zur Baalberger Kultur Mitteldeutschlands aufweist.
Für eine spätere Erneuerung der Palisadenanlagen gibt es keine Hinweise.
Einzelne Daten aus der Grabenfüllung belegen Aktivitäten auch ca. im 35. Jh.
Man kann vermuten, das durch Manipulationen des Grabeninhaltes in Phase B
früheres Material verloren gegangen ist.
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Abb. 8: Keramik der Phase A. Höhe des
Trichterbechers (oben) 14,5 cm.
Fig. 8: Pottery of phase A (3700 / 3600 BC).
© Staatliche Museen Kassel (Zeichnung: Heidi
Hogel)
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Hauptnutzungsphase B
Der weitaus größte Teil der Keramik stammt aus einer zweiten intensiven
Aktivitätsphase, in der tiefgreifende Manipulationen der Grabenfüllung
stattfanden. Als Ergebnis liegen häufig Tierknochen der Phase A mit jüngerer
Keramik in den gleichen Schichten. An einigen Stellen wurde zu diesem Zeitpunkt
auch alter Brandschutt aus dem Bereich der Einbauten in die Gräben gefüllt. Wenige 14C-Daten
und nicht zuletzt die typologische Einordnung der Keramik ermöglichen eine
Datierung dieser Phase zwischen 3200 und 3000 v. Chr. Leitformen der Keramik
sind große eiförmige Töpfe mit z.T. stark einziehendem Rand und tiefen
randbegleitenden Einstichen oder Lochbuckelverzierung. Typologisch sind sie eng
mit dem älteren Horgen der Nordschweiz verbunden (u.a. Feldmeilen-Vorderfeld).
Übereinstimmend hiermit tritt Keramik der Trichterbecher-Westgruppe auf (Stufen
Brindley 4 und 5).
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Abb. 9:
Keramische
Leitformen für Nutzungsphase B des Erdwerks und Gefäße aus dem
Galeriegrab Calden II (ca. 3200 - 3000 v. Chr.). Rechts unten Schale mit
Tiefstich-Verzierung. Ohne Maßstab.
Fig. 9: Characteristic pottery from the enclosure (phase B) and from
the gallery
grave Calden II (c. 3200 - 3000 BC). Bottom right: bowl with
Tiefstich
decoration.
© Staatliche Museen Kassel (Zeichnung: Heidi
Hogel) |
Hauptnutzungsphase C
Die dritte, nur noch in den obersten Grabenschichten greifbare
Aktivitätsphase fällt in die Zeit der Einzelgrabkultur. Ein Becher mit kurzer
Schnurzone des Typs Glasbergen 1a konnte mit Hilfe verkohlten Getreides (Hordeum
sp.) aus der unmittelbaren Umgebung um 2900 v. Chr. datiert werden. Bei den
übrigen Indizien handelt es sich wenige Scherben mit Fischgrätverzierung und
isolierte Daten ohne Bezug zum archäologische Material, die zusammen eine
fortgesetzte Nutzung der Gräben auch in der jüngeren Einzelgrabkultur (ab 2600
v. Chr.) und bis an die Wende zum 2. Jt. belegen.
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Funktion und Kontext
Zur Frage der ursprünglichen Funktion des Erdwerks gibt es eine Reihe von
grundlegenden Beobachtungen:
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Die den Zugang regelnden Bauten hatten den Charakter von
schleusenartigen Pforten, die durch ihre spezielle Architektur den Durchgang
„dramatisierten". Für ein alltägliches Passieren waren diese
Konstruktionen denkbar ungeeignet.
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In einem Fall wurde auf die Ausführung einer inneren
Querwand verzichtet; statt dessen wurde an dieser Stelle eine
Hirschgeweihhacke in einer Grube mit verbrannten Steinen niedergelegt.
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Die Erdwerksgräben wurden mehr oder weniger unmittelbar
nach ihrer Fertigstellung wieder verfüllt; eine Funktion als
Annäherungshindernis ist somit zweifelhaft. Startpunkt des
Verfüllungsprozesses ist die Niederlegung verschiedener Fundensembles auf
der Grabensohle, darunter menschliche Skeletteile.
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Insgesamt wurden Skeletteile von ca. 13 Individuen
angetroffen. Hochgerechnet auf die gesamte, nicht vollständig untersuchte
Grabenstrecke ergäbe sich eine Zahl von weit über hundert Individuen.
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Im Inneren der Anlage sind keine eindeutigen
Siedlungsspuren nachweisbar. Erosion als alleinige Ursache hierfür scheidet
aufgrund verschiedener Beobachtungen aus.
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Abb. 10:
Rekonstruktion.
Querschnitt durch das Doppelgrabensystem.
Fig. 10: Reconstruction. Cross-section of the ditch system.
© Dirk Raetzel-Fabian |
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Abb. 11:
Schematische
Rekonstruktion des Einbaus in Unterbrechung 5 (Areal A) ohne mögliche
Überdachung. Höhe der "Meßlatte": 2 m.
Fig. 11: Schematic reconstruction of gateway 5 (area A).
© Dirk Raetzel-Fabian
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Die weitere Nutzung des Erdwerks nach der primären Phase der Errichtung und
Nutzung ist durch intensive Manipulationen der
Grabenfüllung, das Ausheben und Wiedereinfüllen von Material und Kulturresten,
gekennzeichnet. Zu verfolgen sind diese Vorgänge, die man als eine zähe
Tradition bezeichnen könnte, in den obersten erhaltenen Grabenschichten bis an
die Wende zum 2. Jahrtausend. Mit Maßnahmen zur Entsorgung von Siedlungsabfall
können diese Vorgänge nicht erklärt werden.
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Die zunächst unregelmäßig scheinende Form des Erdwerks erklärt sich aus der Absicht
der Konstrukteure, eine möglichst lange, eindrucksvolle Präsentationsseite
(Fassade) in südwestlicher Richtung zu schaffen. Bei einer mittig gedachten
Symmetrieachse von Südwesten nach Nordosten durch die Anlage ordnen sich die
Zugänge jeweils paarweise an; lediglich der Zugang im Norden nimmt eine
Sonderstellung ein, die mit seiner abweichenden Architektur korrespondiert.
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Abb. 12:
Grundriß des
Erdwerks, Symmetrieachse und Anordnung der Zugänge.
Fig. 12: Symmetrical arrangement of the gateways; note the western
façade (Hauptzugang = main access).
© Dirk Raetzel-Fabian
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Das spezielle Grundriß-Layout ist von einer Reihe weiterer Erdwerke belegt
(u.a. Wittmar, Kr. Wolfenbüttel; Robin Hood’s Ball, Shrewton, GB) und zeigt,
daß es sich nicht um ein Zufallsprodukt handelt. Es ist sehr wahrscheinlich,
daß diese Fassade auf eine Fernverbindungsroute ausgerichtet war, die von der
Hellwegzone im Raum Paderborn über Warburg ins Kasseler Becken führte und
unmittelbar westlich des Erdwerks die günstigste Stelle zur Überwindung einer
nordsüdlich verlaufenden Schichtstufe vorfand. Die fast regelhafte Gebundenheit
monumentaler Erdwerke an frühe Fernverbindungen wird durch neue Untersuchungen
bestätigt (Raetzel-Fabian 1999).
Auf der Basis dieser Beobachtungen entsteht das Bild einer Anlage, die durch
deutliche rituelle Elemente gekennzeichnet ist. Der Zugang in das Innere des
Erdwerks war offensichtlich mit einer besonderen Bedeutung verbunden, die mit
Hilfe der Architektur gezielt in Szene gesetzt wurde. Skeletteile in den Gräben
sprechen für eine Rolle des Erdwerks im Totenkult, wobei es sich im speziellen
Fall aller Wahrscheinlichkeit nach um sekundäre Riten eines mehrstufigen
Totenrituals handelt. Die Annahme,
daß das Zentrum der primären Aktivitäten im Bereich der Innenfläche lag, ist
naheliegend, leider jedoch nicht nachweisbar.
Die Lage randlich zu den potentiellen Siedlungsgebieten auf einer
Wasserscheide, die auch als Territoriumsgrenze interpretiert werden könnte, und
die gezielte Ausrichtung auf eine Fernverbindungsroute macht deutlich, das die
Intentionen der Erbauer gleichzeitig in besonderem Maße nach außen gerichtet
waren. Neben Ritus und Totenkult müssen deshalb auch Faktoren wie
Kommunikation, Repräsentation und Identität in die Interpretation monumentaler
Erdwerke einbezogen werden.
Literatur
Höhn, Birgit:
Eine Höhensiedlung mit Erdwerk auf der Altenburg bei
Ranstadt-Dauernheim/Wetteraukreis. Zum Stand der Forschung im Jungneolithikum
Mittelhessens. In: Hans-Jürgen Beier (Hrsg.), Der Rössener Horizont in
Mitteleuropa. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 6.
Wilkau-Hasslau 1994, 109-126.
Pfeffer, Ingo:
Ein Spätmichelsberg-Komplex in Ostwestfalen: Der Gaulskopf bei
Warburg-Ossendorf.
In: www.jungsteinsite.de -
Artikel vom 14. November 1999.
Dirk Raetzel-Fabian:
Der umhegte Raum. Überlegungen zur Funktion monumentaler Erdwerke. In:
Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 81, 1999, 81-117.
Dirk Raetzel-Fabian:
Calden: Erdwerk und Bestattungsplätze des Jungneolithikums. Architektur -
Ritual - Chronologie.
Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 70. Bonn 2000.
© Dirk Raetzel-Fabian 1999
Dirk Raetzel-Fabian
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