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Calden - Erdwerk und Galeriegräber des 4. Jahrtausends v.
Chr.
Das Erdwerk (1) - Befunde
www.jungsteinsite.de - Artikel vom 14. November 1999
(letzte
Aktualisierung 07. Februar 2001)
Dirk Raetzel-Fabian
Seit mehr als einhundert Jahren wird die Funktion
jungsteinzeitlicher Erdwerke leidenschaftlich und kontrovers diskutiert. Die
beiden gegensätzlichen Pole - Befestigung oder Ritualplatz - stehen nach wie
vor unversöhnlich nebeneinander, doch wird häufig übersehen, daß Erdwerk
nicht gleich Erdwerk ist, hier also keine einheitliche Quellengruppe vorliegt.
So liefern die detaillierten Untersuchungen in Calden auch keine Gesamtlösung
der Erdwerksproblematik, geben aber einzigartige Hinweise zur Architektur und
zum speziellen Kontext, in dem vor allem sehr große - monumentale - Anlagen
errichtet wurden.
Calden: the causewayed enclosure
The Calden causewayed enclosure consists of a double-ditch system, covering an
area of 14 ha. Two parallel palisade trenches, accompaning the inner ditch, can
be reconstructed as a wall, constructed of timber and earth. Access was possible
at seven points (causeways), each of which was controlled by a wooden building of a similar
ground plan, which would allow only one person at a time pass through into
the inner range. The architecture of these gateways is unique in Neolithic
Europe. The façade (front) of the enclosure faces towards south-west; a direct
connection to a long distance track from the Hellweg zone to the Kassel basin,
leading by in the direct vicinity, is highly probable. Several features underline the
role of the enclosure as a place where ritual and mortuary activities were
carried out in a context of representation, territoriality and communication
towards the outer sphere.
The use of the enclosure can be divided into three main
phases: A - c. 3700 / 3600 BC: construction and first refilling of the
ditches. Sparse late Michelsberg and Baalberge material. B - c. 3200 / 3000 BC: Re-use and re-cutting of the ditches, no more palisades. Horgen-like pottery
of the older Wartberg Culture and some Tiefstich sherds (TRB-Westgroup). C - c.
2900 / 2000 BC: Continuous re-use of the ditches. In the uppermost part of
the filling traces of the Single Grave Culture (Einzelgrabkultur).

Lage
Das Erdwerk liegt unmittelbar südlich des Flughafens
"Kassel-Calden" an einem leicht ansteigenden, von verschiedenen Seiten
gut einsehbaren Hang. Bemerkenswert ist die Position im Bereich einer
nordsüdlich verlaufenden Wasserscheide, die im Nord- und Südwesten des
Erdwerks in einer ausgeprägten Schichtstufe sichtbar wird. Die potentiell
zugehörigen Siedlungsräume sind nordöstlich im Bereich der heutigen Orte
Calden und Grebenstein zu suchen (vgl. Artikel Calden:
Rituelle Landschaft).
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Abb. 1:
Das
Untersuchungsgebiet aus der Luft (1992). Blick nach Südwesten. Das Erdwerk
erstreckt sich auf den Feldern zwischen Flughafen und Wald. Zu erkennen sind
zwei Ausgrabungsflächen (N und O, vgl. Text und Abb. 3). Rechts oben im
Hintergrund der Hohe Dörnberg.
Fig. 1: The area of research from the air. The enclosure is located
between the airport and nearby forest. Two excavation areas are visible (N , O,
cf. Fig. 3).
© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen
Kassel |
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Abb. 2:
Luftbild des Erdwerks (1988). Das Grabensystem verläuft weitgehend konzentrisch um
das Wegkreuz in Bildmitte. Norden rechts oben.
Fig. 2: Aerial view of the Calden
enclosure. The ditch system extends almost concentrically around the
crossroads in the centre of the picture.
© Otto Braasch / Landesamt für Denkmalpflege Wiesbaden / Staatliche Museen Kassel
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Architektur der Umfassungsanlagen
Das Erdwerk besteht aus einem geschlossenen Doppelgrabensystem, das insgesamt
eine Fläche von 14 ha einnimmt. Der Außenumfang beträgt ca. 1350 m. An
insgesamt 7 Stellen weist der Grabenverlauf 8 bis 10 m breite Lücken auf. Die
Gesamtsituation ist durch entzerrte Luftbilder und Magnetometermessungen
weitestgehend erfaßt (Abb. 3).
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Abb. 3:
Gesamtplan
des Erdwerks mit Grabungsarealen (A-O) und Unterbrechungen im Grabenverlauf
(1-7). D: Galeriegrab Calden II. Abstand des Gitternetzes 200 m.
Fig. 3: Plan of the Calden causewayed enclosure. A-O: excavation areas.
1-7: interruptions of the ditch system (gateways). D: gallery grave
Calden II. Grid distance 200 m.
© Dirk Raetzel-Fabian |
Gräben
Die Gräben wurden in den meist dicht unter dem Pflughorizont anstehenden
Muschelkalk eingetieft; hieraus erklären sich auch die sehr deutlichen
Bewuchsmerkmale. Die erhaltene Grabentiefe im Kalk schwankt zwischen 1,7 und 0,4
m. Die Grabensohle ist in der Regel eben gearbeitet, insbesondere dort, wo die
plattige Struktur des Muschelkalkes die plane Gestaltung begünstigte (Abb. 4). Die
heutige Breite der Gräben an der Muschelkalkoberfläche beträgt ca. 2,5 bis 3
m.
Die Grabenbreite zur Zeit der Nutzung betrug - ausgehend von der
rekonstruierten damaligen Bodenmächtigkeit - im Mittel 5 m, die Tiefe ca. 1,8
bis 2,7 m.
Hinter dem inneren Graben verlief ein doppelter Palisadenstrang, der nach
Detailbeobachtungen als Holz-Erde-Mauer rekonstruiert werden kann. Die
Fundamentgräben für die Palisaden erreichen eine Tiefe von bis zu 0,4 m im
Kalk. Eine zweite Doppelpalisade verlief im Bereich zwischen den beiden Gräben;
ihre schwache Gründung, die den Muschelkalk kaum noch erreichte, könnte auf
eine Funktion als Stützkonstruktion für eine Wallanschüttung sprechen.
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Abb. 4:
Blick in einen
ausgenommenen Graben (Außengraben, Areal A).
Fig. 4: Outer ditch after removal of the fill (excavation area A).
© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel |
Einbauten
Bisher einzigartig für das Neolithikum sind die Befunde im Bereich der
Grabenunterbrechungen. Insgesamt 6 der 7 Grabenlücken wurden durch Ausgrabungen
untersucht; die siebte, im Süden gelegen, wurde aufgrund problematischer
Bodenverhältnisse lediglich mit Hilfe einer hochauflösenden Magnetometermessung
prospektiert. In allen Grabungsarealen zeigte sich übereinstimmend, daß der
Bereich zwischen den Grabenköpfen Standplatz komplizierter Einbauten war, die
den Zugang ins Innere des Erdwerks regelten. Konstruktionsweise und Einbindung
in die Umfassungsanlagen lassen sich am besten an dem hervorragend erhaltenen
Befund im Südwesten der Anlage (Unterbrechung 5; Abb. 5-8) erläutern:
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| Abb. 5:
Luftbild des
Einbaus in Areal A.
Fig. 5: Aerial view of excavation area A
(gateway).
© Otto Braasch / Landesamt für Denkmalpflege Wiesbaden / Staatliche Museen Kassel
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Abb. 6:
Grabungsplan
Areal A., Teilrekonstruktion.
Fig. 6: Excavation plan of area A,
reconstruction.
© Dirk Raetzel-Fabian |
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Abb. 7:
Einbau in Areal
A. Detail der Fundamentgräben (Bereich der inneren Querwand).
Fig. 7: Foundation trenches of the gateway in excavation area
A.
© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel |
Abb. 8:
Pfostenwiderlager
im Zugangsbereich des Einbaus in Areal A (Bereich des äußeren
Querriegels).
Fig. 8: Posthole and foundation trench in area A. The posthole is part
of the gateway construction, allowing access through the building into the
inner enclosure.
© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel |
Kennzeichnend ist eine zweiräumige Konstruktionsweise, deren Grundriß als
doppelt trapezoid umschrieben werden kann. Breite und Tiefe der
Fundamentgräbchen belegen in Verbindung mit botanischen Bestimmungen von
Holzkohle, daß die Gebäude ehemals aus massiven, senkrecht aufgehenden
Eichenholzbohlen bestanden.
Die Außenwand riegelte die Lücke zwischen den Köpfen des äußeren Grabens
hermetisch ab. Der Fundamentgraben wurde entweder durchlaufend angelegt oder ist
für einen Zugang unterbrochen; Pfostenspuren (Abb. 8) und Details der Verfüllung zeigen
aber, daß oberirdisch in allen Fällen ein Zugang vorhanden war. Betrat man den
äußeren Raum, so verjüngten sich dessen Wände in Richtung der zweiten,
inneren Querwand auf der Höhe des inneren Grabens. Durch eine schmale Pforte
erreichte man den Innenraum, dessen Wände sich wiederum verjüngten - nun zum
Durchgang durch die Holz-Erde-Mauer in das Innere des Erdwerks hinein.
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| Abb. 9:
Luftbild des
Einbaus in Areal G.
Fig. 9: Aerial view of excavation area G
(gateway).
© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel |
Abb. 10:
Grabungsplan
Areal G.
Fig. 10: Excavation plan of area G.
© Dirk Raetzel-Fabian
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Abb. 11:
Luftbild des
Einbaus in Areal N (vermuteter Hauptzugang zum Erdwerk).
Fig. 11: Aerial view of excavation area N (probably the main
entrance).
© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel |
Abb. 12:
Grabungsplan
Areal N.
Fig. 12: Excavation plan of area N.
© Dirk Raetzel-Fabian
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Die
Palisadengräben zeigen im Bereich dieser Durchgänge z.T. ebenfalls keine
Unterbrechung; auch hier sind aber regelmäßige Pfostenspuren vorhanden, die
eine Durchgangsmöglichkeit belegen. Eine Ausnahme bildet der Zugang im Norden,
der im vorderen Teil offen gestaltet war (Abb. 11-12). Doch auch hier verengte sich der
Zugang spätestens beim Passieren des Palisadengürtels (bzw. der
Holz-Erde-Mauer).
Die Übereinstimmungen im Grundriß zeigen, daß die Einbauten nach einem
einheitlichen, zuvor festgelegten Bauplan errichtet wurden; allerdings sind
zwischen den einzelnen Gebäuden erhebliche Unterschiede in den Längen- und
Breitenmaßen festzustellen. Auffällig konsistent sind aber die lichten Maße
für die Durchgänge: Sie betragen übereinstimmend ca. 1,35 m, wobei in vielen
Fällen ein zusätzlicher Pfosten im Durchgang die Passage erschwert und den
pfortenartigen Charakter der Durchlässe unterstreicht.
Literatur
Dirk Raetzel-Fabian:
Der umhegte Raum. Überlegungen zur Funktion monumentaler Erdwerke. In:
Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 81, 1999, 81-117.
Dirk Raetzel-Fabian:
Calden: Erdwerk und Bestattungsplätze des Jungneolithikums. Architektur -
Ritual - Chronologie.
Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 70. Bonn 2000.
© Dirk Raetzel-Fabian 1999
Dirk Raetzel-Fabian
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