|
Die Stele von Wellen: Mondkalender - Mondsymbolik?
www.jungsteinsite.de -
Artikel vom 14. November 1999
Klaus Albrecht
Drei verzierte steinerne Stelen aus Nordhessen gelten als
Unikate im mitteleuropäischen Raum - direkte Vergleichsstücke existieren
bislang nicht. Die Datierung in das Neolithikum ist aufgrund der Ornamentik und
- in einem Fall - der Fundumstände einigermaßen gesichert. Ihre Deutung blieb
jedoch weitgehend unklar. Vor kurzem nun hat Klaus Albrecht eine Interpretation der Stele von Wellen als Mondkalender vorgeschlagen.
The Wellen stele: moon calendar - moon symbolism?
Three stelae from northern Hesse with rich ornamentation are considered unique in
the Central European megalithic context. In one case (Ellenberg I) re-use in the
Beaker period gives a direct chronological indication (t.a.q.) to the period of
construction; the decoration has its best parallels between c. 3500 - 2500
BC (esp. Bernburg, Single Grave Culture). The stelae have usually been
interpreted as anthropomorphic representations. In the case of the Wellen stone Klaus
Albrecht now proposes an interpretation as a moon calendar, counting the days of
visibility as well as Full Moon and New Moon phases.

Der Stein und seine Parallelen
1961 wurde beim Kiesabbau im Edertal bei Edertal-Wellen
(Schwalm-Eder-Kreis, Hessen) eine Steinstele gefunden. Die Maße des Steines betragen ca. 1,0 x 0,98 x 0,27 m (H. x B. x T.).
Die seitlichen Flächen sind leicht nach hinten abgeschrägt, was zu der These
geführt hat, daß die Stele Bestandteil eines Plattenringes war (Dehn/Röder
1980). Die schwach konvexe Vorderseite trägt ein Muster aus eingravierten
Zickzacklinien, das durch zwei mal zwei waagerechte Linien gegliedert wird (Abb.
1).
 |
|
|
Abb. 1:
Stele von Wellen (Abguß im Hessischen Landesmuseum Kassel)
Fig. 1: The Wellen stele (copy).
© Staatliche Museen Kassel |
Abb. 2:
Lage des
Fundortes.
Entfernungen in Meilen.
Fig. 2: Location of the Wellen site.
© Microsoft www.expediamaps.com |
Unmittelbare Vergleichsstücke gibt es nicht, allerdings sind
aus der Umgebung zwei weitere Stelen bekannt, die z.T. ähnliche Merkmale
tragen. Beide Stücke stammen aus Guxhagen-Ellenberg (Schwalm-Eder-Kreis).
 |
Von besonderer Bedeutung ist das
1907 in einem Hügel der Becherkulturen gefundene Oberteil einer schlanken
Stele mit Dreiecksornamentik (Abb. 3; Ellenberg I; Höhe 0,85 m). Das
Stück war in den Steinkranz eingebaut, nach der Fundlage zu urteilen, in
sekundärer Verwendung (Raetzel-Fabian 1988, 127 Abb. 177). Wie beim
Wellener Stein sind die Seiten abgeschrägt. Durch die Fundlage ergibt
sich ein wichtiger Hinweis auf das Alter des Stückes: Es muß entweder
becherzeitlich oder älter sein. |
| Abb. 3:
Stele Ellenberg I mit Dreiecksverzierung.
Fig. 3: The Ellenberg I stele.
© Staatliche Museen Kassel
|
Eine zweite Stele wurde 1923/24 ungefähr 800 m südwestlich
in zwei Teilen gefunden (Ellenberg II; Höhe 1,51 m). Das Oberteil ist mit einem
„Fischgrätenmuster" verziert, das Unterteil trägt kein Ornament. Die
Bruchstelle zwischen Ober- und Unterteil liegt in einer Art Einschnürung, die
das verzierte Ober- vom unverzierten Unterteil abhob. Die Gesamthöhe
beträgt 1,84 m (Raetzel-Fabian 1988, 130 Abb. 181).
Parallelen in der Ornamentik der drei Stelen auf Keramik und
Stein weisen allgemein in einen fortgeschrittenen Abschnitt des Neolithikums; Zickzackmuster
wie in Wellen sind insbesondere in der mitteldeutschen Bernburger Kultur und in
der Einzelgrabkultur üblich. Der zeitliche Rahmen für die Herstellung und
primäre Nutzung der Stelen reicht also von der Mitte des 4. bis etwa zur Mitte
des 3. Jahrtausends v. Chr.
Neben der Möglichkeit einer ehemaligen Anordnung der Stelen
zu kleinen Plattenringen hoben bisherige Deutungsversuche anthropomorphe Aspekte
hervor und brachten die Ornamentik mit textilen Mustern, d.h. Kleidung in
Verbindung, wie sie u.a. in den Stelen von Sion-Petit Chasseur im Wallis faßbar
werden (zusammenfassend Raetzel-Fabian 1988, 126-132).
Deutung des Musters
Die sehr regelhafte
Musteranordnung auf der Wellener Stele eröffnet die Möglichkeit einer Interpretation, die
zunächst nicht von einem ornamental-symbolischen, sondern einem möglichen
numerischen Bedeutungsgehalt ausgeht (Albrecht 1998; im Druck): Bei senkrechter
Zählung der Gravuren an den besser erhaltenen Partien des Steines ergibt sich
eine Zahl von 25 Schräglinien pro Reihe. Zählt man dazu die jeweils 2 mal 2
quer verlaufenden Gravuren, ergeben sich 12 senkrechte Reihen mit jeweils 29
Markierungen. Die Dauer des Mondzyklus beträgt ca. 29,5 Tage. Die waagerechten
Linien könnten somit nach ihrer Position als Markierungen für Voll- und Neumond
gedeutet werden.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß die
Zahl 29 auch in der Stele I von Ellenberg (Abb. 3) in Form der
vollständig dargestellten bzw. angeschnittenen (erhabenen) Dreiecke auftritt.
Hier macht allerdings das in den Randbereichen unvollständige Muster deutlich,
daß die Ornamentik wohl auf ehemals vorhandenen Nachbarsteinen bzw. Stelen
aufgenommen und ergänzt wurde. Aufgrund der Abmessungen der Stele kann man bei
einer Anordnung in Kreisform insgesamt ca. 12 Steine rekonstruieren - auch hier
also ein möglicher Hinweis auf eine mondbezogene Darstellung von Zeit.
Treffen diese Deutungsansätze zu, wäre die Wellener Stele
und möglicherweise auch die Stele Ellenberg I ein
weiterer Beleg für eine intensive neolithische Mondbeobachtung, wie sie
beispielsweise für die „recumbent stone circles" in Schottland
diskutiert wird (Burl 1989). Gleich, ob die Verzierung eine konkrete Zählung
widerspiegelt oder die eher ornamentale Umsetzung einer sorgfältig beobachteten
Naturgesetzmäßigkeit - die Neudeutung belebt auch die Frage nach den hinter
der neolithischen Ornamentik stehenden Bedeutungsystemen.
Literatur
Albrecht, Klaus:
Morgenstund hat Gold im Mund. Geschichtsverein Naumburg e.V. Sonderband 5,
1998, 106ff.
Albrecht, Klaus:
Die Stele von Wellen (Gde. Edertal, Schwalm-Eder-Kreis) - ein neolithischer
Mondkalender?
Archäologisches Korrespondenzblatt, im Druck.
Burl, Aubrey:
Liegende Steinkreise: Zeugen eines alten Mondkultes. In: Jens Lüning
(Hrsg.), Siedlungen der Steinzeit. Haus, Festung und Kult. Spektrum der
Wissenschaft: Verständliche Forschung. Heidelberg 1989, 204-211.
Dehn, Wolfgang / Röder, Josef:
Hessische Steinkisten und frühes Metall. Fundberichte aus Hessen 19/20,
1979/80 (1980), 163-176.
Raetzel-Fabian, Dirk:
Die ersten Bauernkulturen. Jungsteinzeit in Nordhessen. Vor- und Frühgeschichte
im Hessischen Landesmuseum in Kassel 2. Mit Beiträgen von Lutz Fiedler, Holger
Göldner, Irene Kappel. Kassel 1988.
© Klaus Albrecht 1999
Klaus Albrecht
Hufeisenstraße 10
D-34311 Naumburg-Altendorf
kalbrecht@bibak.de
|